Wie viele Ukrainen gibt es? Kulturelle Identitäten in der Ostukraine. Lesung und Vortrag mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan

Wie viele Ukrainen gibt es? Kulturelle Identitäten in der Ostukraine. Lesung und Vortrag mit dem ukrainischen Schriftsteller Serhij Zhadan

Veranstalter
Kompetenzzentrum Mittel- und Osteuropa Leipzig e.V. (KOMOEL) und Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig e.V. (GWZO) Konzeption und Leitung: Prof. Dr. Stefan Troebst (troebst@uni-leipzig.de) Wilfried Jilge (jilge@rz.uni-leipzig.de) Organisation: Rumjana Mitewa-Michalkowa (r.mitewa@uni-leipzig.de) Fanny Schoeler (komoel@uni-leipzig.de) Dr. Ewa Tomicka Krumrey (tomicka@rz.uni-leipzig.de)
Veranstaltungsort
Universität Leipzig, Neues Hörsaalgebäude, HS 20, Universitätsstraße 7, 04109 Leipzig, 17:30 Uhr
Ort
Leipzig
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.12.2010 -
Von
Wilfried Jilge

Geboren 1974 in Starobilsk (Gebiet Luhansk/Donbass) und aufgewachsen im ostukrainischen Charkiw. Studierte Mitte der 1990er Jahre an der Charkiwer Nationalen Pädagogischen Sko-woroda-Universität Germanistik und ukrainische Literatur und promovierte im Jahre 1999 über den ukrainischen Futurismus. An der Skoworoda-Universität arbeitete er zwischen 1999 und 2004 als Dozent für ukrainische Literatur. 2004 entschied er sich gegen die akademische Laufbahn und wurde Schriftsteller. 1992 war er Mitbegründer der literarischen Kooperative "Die Rote Fuhre", eine Performancegruppe, die das ostukrainische Gegenstück zu Juri Andruchowytschs poetischer Gruppe "Bu-Ba-Bu" bildete. Bereits in den frühen neunziger Jahren galt der „ukrainische Rimbaud“ als eine der prägenden Figuren der ukrainischen Literaturszene und zählt heute zu den bekanntesten ukrainischen Autoren in Deutschland. Neben zahlreichen nationalen Auszeichnungen wurde er 2006 mit dem Hubert-Burda-Preis für junge Lyrik und 2009 in der Ukraine mit dem polnischen Joseph-Conrad-Preis ausgezeichnet.
Zhadan begann als Lyriker. Die Form des Erzählgedichts, die sich in dem Gedichtband "Geschichte der Kultur zu Anfang des 20. Jahrhunderts" (Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Frankfurt: Suhrkamp 2006) manifestiert, markiert den Übergang zur Prosa. Seine Lyrikbände und die ins Deutsche übersetzten Romane "Depeche Mode" (Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Frankfurt: Suhrkamp 2007), der kleine Prosaband "Die Selbstmordrate bei Clowns" (Übersetzt und mit einem Glossar versehen von Claudia Dathe. Fotos von Jacek Dziaczkowski. Berlin, Warschau: Edition Fototapeta 2009) und die "Hymne der demokratischen Jugend" (Aus dem Ukrainischen von Juri Durkot und Sabine Stöhr. Frankfurt: Suhrkamp 2009) erzählen u.a. von Heranwachsenden, die sich in der Ostukraine im Schatten sowjetischer Industrieruinen mit bisweilen absurd anmutenden Geschäftsideen durch die Zeit der Transformation schlagen. Dabei setzt Zhadans bildhafte, groteske und drastische Prosa den „postproletarischen Punk“ seiner Lyrik fort.
Zhadans Prosa hat durchaus eine geschichtspolitische Dimension: In seinem Roman "Anarchy in the UKR" (Aus dem Ukrainischen von Claudia Dathe. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 2007), dessen Titel auf die erste Single der Sex Pistols „Anarchy in the U.K.“ anspielt, ist er im Südosten der Ukraine auf den Spuren des aus dieser Region stammenden Anarchisten Nestor Machno (1888-1934). Indem Zhadan an die von Machno angeführte, von den Sowjets 1921 schließlich niedergeschlagene Bewegung eines ukrainischen ‚neokosakischen bäuerlichen Anarchismus‘ (A. Kappeler) erinnert, aktualisiert er ‚ostukrainische‘ Traditionen von Freiheit und politischem Eigensinn für den gesamtukrainischen Diskurs des Nationalen. Zugleich eignet er der ukrainischsprachigen Kultur die von patriotischen Intellektuellen häufig unterbelichteten Regionen des industriell geprägten russophonen Ostens auf unkonventionelle Weise an: So beschreibt er beispielsweise in seinem neuen Roman "Woroschylowhrad" (Name der Stadt Luhansk 1935-1958 und 1970-1992 zu Ehren eines sowjetischen Funktionärs) den Donbass zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Heimat von Jazz und Soul. Im Sinne dieser geopoetischen Imaginationen wird Serhij Zhadan in seinem Vortrag an der Universität Leipzig auch die Vielfalt des „Ostens“ der Ukraine thematisieren und so die immer noch weit verbreitete These von der Ukraine als ein in Ost- und Westukraine „gespaltenes Land“ kritisch hinterfragen. Serhij Zhadan lebt derzeit in Berlin als Stipendiat des Berliner Künstlerprogramms des DAAD.

Dies ist die zweite Veranstaltung im Rahmen der Lesungen und Vorträge zur ukrainischen Kultur, die das KOMOEL, das GWZO Leipzig sowie die Universität Leipzig und die Stadt Leipzig mit weiteren Partnern und Förderern an und in der Universität Leipzig im November/Dezember 2010 durchführen. Erster Gast war der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch (Iwano-Frankiwsk/Westukraine) mit seiner Lesung "Kiew-Odessa-Berlin: Eine geopoetische Spurensuche" (24.11.2010).

2011 setzen das KOMOEL und die Stadt Leipzig in Zusammenarbeit mit der Universität Leipzig und dem GWZO Leipzig ihren Ukraine-Schwerpunkt im Rahmen der Vortragseihe "Die Ukraine in Europa" fort. Die Reihe, die ebenso wie die Lesungen zur ukrainischen Kultur auf Initiative des Vorsitzenden des Kompetenzzentrums Mittel- und Osteuropa Leipzig (KOMOEL)und stellvertretenden Direktors des GWZO Leipzig, Prof. Dr. Stefan Troebst und des Osteuropahistorikers Wilfried Jilge (GWZO Leipzig) durchgeführt wird, steht im Zeichen des 50-jährigen Jubiläums der Begründung der Städtepartnerschaft Leipzig-Kiew (1961-2011) sowie der Partnerschaft zwischen der Universität Leipzig und der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität Kiew. Die Veranstaltung mit Serhij Zhadan wird mit freundlicher Unterstützungdes Leibniz-Instituts für Länderkunde Leipzig, des Instituts für Slavistikan der Universität Leipzig und des Vereins "Ukraine-Kontakt e.V." Leipzig durchgeführt.

Programm

Beginn der Veranstaltung:
17:30 Uhr

Begrüßung:
Prof. Dr. Stefan Troebst (Vorstandsvorsitzender des KOMOEL, Stellvertretender Vorsitzender des GWZO, Leipzig)

Moderation:
Wilfried Jilge (GWZO, Leipzig)

Lesung:
Serhij Zhadan: Die Pilze des Donbass (Gedicht)
Vortrag:

Serhij Zhadan: Wie viele Ukrainen gibt es? Kulturelle Identitäten in der Ostukraine

gedolmetscht und kommentiert von Sofiya Onufriv

anschließend Diskussion

Kontakt

Wilfried Jilge
Geisteswissenschaftliches Zentrum Geschichte und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig e.V. (GWZO)
Grimmaische Straße 13-15
04109 Leipzig
Telefon: 0176-931 629 37

http://www.uni-leipzig.de/gwzo
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Veröffentlicht am
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Weitere Informationen
Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Deutsch
Sprache der Ankündigung