Wandlungsprozesse gesellschaftlicher Regulierungen – Staat, Ökonomie, soziale Akteure seit den 1970 Jahren

Wandlungsprozesse gesellschaftlicher Regulierungen – Staat, Ökonomie, soziale Akteure seit den 1970 Jahren

Veranstalter
Netzwerk Geschichte der Hans-Böckler-Stiftung
Ort
Düsseldorf
Land
Deutschland
Vom - Bis
08.06.2012 - 09.06.2012
Deadline
15.02.2012
Von
Knud Andresen

In der zeitgeschichtlichen Diskussion schält sich heraus, die 1970er und 1980er Jahre als die politische Inkubationszeit für eine an Markt und Betriebswirtschaft orientierte Politik zu untersuchen. Für die deutsche Diskussion haben Anselm Doering-Manteuffel und Lutz Raphael mit ihrer These von einem „Strukturbruch“ seit den frühen 1970er Jahren die Diskussion geprägt. Ein „sozialer Wandel von revolutionärer Qualität“ sei erfolgt, der gesellschaftliche Selbstverständnisse und Regulierungen neu zusammensetzte. Ein wesentlicher Beitrag hierbei sind die Veränderungen in den Arbeitswelten mit dem Zusammenbruch vieler Traditionsindustrien und dem Aufstieg einer wissensbasierten Ökonomie. (Anselm Doering-Manteuffel / Lutz Raphael: Nach dem Boom. Perspektiven auf die Zeitgeschichte seit 1970, Göttingen 2008.) Bereits 1973 hatte David Bell in ähnlicher Weise eine nach-industrielle Gesellschaft prognostiziert. (David Bell: The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973.) Die heute oft verkürzt mit dem Schlagwort des ‚Neoliberalismus‘ gekennzeichneten Prozesse von Entstaatlichungen und Deregulierungen sind einerseits internationale Phänomene, andererseits verweisen komparatistische Untersuchungen auf Ungleichzeitigkeiten, die mit dem Konzept der ‚varieties of capitalism‘ zu fassen versucht wurden. (Peter A. Hall und David Soskice: Varieties of Capitalism: The Institutional Foundations of Comparative Advantage. Oxford 2001.)

Eines der neueren gesellschaftlichen Phänomene ist die zunehmende soziale Ungleichheit auch in den ökonomischen Zentren der Welt, wie es die wachsenden Einkommensunterschiede in den meisten OECD-Ländern seit den 1980er Jahren zeigen. Weiterhin ist ein Anstieg der Staatsverschuldung bei gleichzeitigem Rückgang von Steuereinnahmen zu beobachten. In der politischen Diskussion spielt eine Regulierung der Staatsdefizite auf der Einnahmeseite dabei keine nennenswerte Rolle. (Gustav A. Horn: Des Reichtums fette Beute. Wie die Ungleichheit unser Land ruiniert, Frankfurt am Main/New York 2011.) Ein drittes Phänomen ist der Rückzug des Staates aus öffentlichen Angelegenheiten, ob in Form von Privatisierungen oder auch in der Auslagerung politischer Expertise und (Vor-)Entscheidungen in nicht parlamentarisch kontrollierte Gremien und Kommissionen (z.B. Hartz-Kommission). Ein weiteres Phänomen ist das Ausgreifen von Marktideologie auf öffentliche und private Lebensbereiche, in denen es vor vier Jahrzehnten undenkbar erschien, diese durch freien Wettbewerb zu regulieren. (Auf der Tagung „Privatisierung - Idee, Ideologie und Praxis seit den 1970er Jahren“ im Dezember 2010 im Jena Center Geschichte im 20. Jahrhundert wurde Privatisierung in diesem umfassenden Sinne behandelt. Vgl. den Tagungsbericht: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=3516) Die Umstellung kommunaler Haushaltsführung von der Kameralistik auf die doppelte Buchführung sei hier als Beispiel genannt.

Ganz offensichtlich hat sich die politische und ökonomische Regulation seit den 1970er Jahren verändert wie auch die ideologischen Zugriffe auf Gesellschaft sich gewandelt haben. Der zeitliche Ausgangspunkt ist Mitte der 1970er Jahre zu verorten. So wurde auf die Bedeutung des Wirtschaftsnobelpreises für Milton Friedmann 1975 – und damit der Chicago-School – bereits häufiger hingewiesen, auch das Ende des Systems von Bretton Woods kann gleichfalls als einschneidendes, die neue Periode markierendes Element benannt werden.

Wenn wir auf dem Workshop diese ‚Vorgeschichte der Gegenwart‘ näher bestimmen wollen, dann fragen wir nach den Motiven, den Akteuren, den strukturellen Mechanismen und ideologischen Implikationen des gesellschaftlichen Wandels seit den 1970er Jahren. Wir gehen zunächst nicht davon aus, dass es sich hierbei um einen einheitlichen und ungebrochenen Prozess handelte und fragen somit nach gegenläufigen Trends in Richtung Staatlichkeit, Vereinheitlichung und De-Liberalisierung. Kann, wie es politisch häufig geschieht, überhaupt von einem internationalen Trend der (Neo-)Liberalisierung gesprochen werden, oder sind die Spezifika nationalstaatlicher Politik- und Ökonomiekulturen prägender als eine oberflächliche Kritik annimmt? Gefragt werden muss auch, ob und inwieweit die politische Zäsur der Jahre 1989/91 und das Ende der Systemkonkurrenz die benannten Prozesse begünstigte und beschleunigte oder ihnen gar entgegenwirkte.

Auf dem Workshop sollen die „Wandlungsprozesse gesellschaftlicher Regulation“ seit den 1970er Jahren in den Feldern Politik und Ökonomie sowie im Bereich der sozialen Akteure untersucht werden.

1. Wie wurde die Forderung nach Deregulierung und Entstaatlichung zur dominierenden Orientierung bei gesellschaftlichen Entscheidungsträgern? Spielten hierbei vordringlich fiskalische Problemlagen eine Rolle, oder entstand mit der gesellschaftlichen Individualisierung und Pluralisierung der Lebensstile auch eine Skepsis gegenüber staatlichen Interventionsmöglichkeiten? Anhand von einzelnen Prozessen oder Ereignissen wünschen wir uns historisch fundierte Fallbeispiele über Netzwerke und Diskurse.

2. Wie wandelten sich Regulationsmodelle im ökonomischen Feld? Lässt sich dieser Wandel anhand einzelner Unternehmen oder auch anhand makroökonomischer Entscheidungen aufzeigen? Welchen Einfluss spielen hierbei supranationale Vorgaben?

3. Lassen sich neue Modelle politischer Regulation seit den 1970er Jahren beobachten? Ist ein Wandel im Verhältnis von Politik und wissenschaftlicher Expertise in diesem Zeitraum auszumachen? Welche Ideen leiteten die Regulation des Bildungssektors, nicht nur Hochschule, sondern auch die allgemeine und berufliche Bildung?

4. Wie vollzog sich der Strukturwandel bei sozialen Akteuren wie Bewegungen, Parteien, Gewerkschaften oder auch Initiativen. Korrespondierte beispielsweise der Bedeutungsverlust der alten Großorganisationen (Gewerkschaften, Parteien) und der Aufstieg neuer sozialer Bewegungen mit einer veränderten gesellschaftlichen Regulation? In welcher Form unterlagen die sozialen Akteure selbst einem Strukturwandel, und wie wurde dieser wiederum von ihnen rezipiert?

Wenn wir davon ausgehen, dass viele dieser Prozesse zu Beginn der 1970er Jahre einsetzten, dann liegt der Fokus des Workshops auf den siebziger und achtziger Jahren. Der geographische Schwerpunkt von Beiträgen sollte sich auf Deutschland, den europäischen Kontinent und die USA beziehen. Die Regierungszeiten von Margaret Thatcher und Ronald Reagan gelten gemeinhin als erste Experimentierfelder einer auf Entstaatlichung und ökonomischer Liberalisierung zielenden Politik und sind somit von besonderem Interesse.

Auf dem Workshop steht der Arbeitscharakter im Vordergrund. So sind auch Beiträge gewünscht, die sich noch im Forschungsprozess befinden. Ausdrücklich werden auch Doktoranden und ForscherInnen verschiedener sozial- und geisteswissenschaftlicher Disziplinen zur Einsendung von Beiträgen aufgefordert.

Die Einsendung eines Abstracts (500 Worte) für einen 20-minütigen Beitrag erbitten wir bis zum 15. Februar 2012. Zur Vorbereitung des Workshops wird bei Annahme des Vorschlages um eine Vortragsfassung oder Kurzform bis 15. Mai 2012 gebeten, die im Vorwege an die Teilnehmer versandt wird. Reise- und Übernachtungskosten für Referentinnen und Referenten übernimmt die Hans-Böckler-Stiftung.

Das Vorbereitungsteam
Knud Andresen, Hamburg
Wolfgang Flüchter, Ludwigsburg
Stefan Müller, Duisburg
Ralf Richter, Düsseldorf
Helen Rottmann, Berlin
Alexander Simmeth, Berlin

Einsendung von Abstract und Nachfragen an Ralf Richter, Ralf-Richter@BOECKLER.DE

Programm

Kontakt

Ralf-Richter@boeckler.de