Popgeschichte. Fallstudien und Forschungsperspektiven

Popgeschichte. Fallstudien und Forschungsperspektiven

Veranstalter
Zentrum für Zeithistorische Forschung (ZZF); Arbeitskreis für Popgeschichte
Ort
Potsdam
Land
Deutschland
Vom - Bis
19.12.2011 -
Deadline
15.02.2012
Von
Danyel, Jürgen / Geisthövel, Alexa / Mrozek, Bodo

Die geplante Publikation versteht sich als Initiative, Pop in die geschichtswissenschaftliche Diskussion einzubringen. Der geplante Sammelband „Popgeschichte. Fallstudien und Forschungsperspektiven“ (Arbeitstitel) soll das neue Forschungsfeld erstmals explorativ abstecken. Die HerausgeberInnen, die dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF) und dem Berliner Arbeitskreis Popgeschichte (AKP) angehören, möchten HistorikerInnen, aber auch historisch arbeitende WissenschaftlerInnen aus anderen Disziplinen zur Mitarbeit am Band gewinnen.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden popkulturelle Praktiken für die Lebenswelten historischer Subjekte zunehmend bedeutsam; sie waren verschränkt mit der Entwicklung der Massenmedien und bedeutenden ökonomischen Ressourcen; sie waren offen für Politisierungen verschiedener Couleur und prägen mittlerweile die Erinnerung der jüngeren Vergangenheit. Kulturwissenschaftliche Fächer wie die Literaturwissenschaft oder die Kultursoziologie, die sich seit gut zwei Jahrzehnten mit Pop beschäftigen, verzichten zumeist darauf, ihre oft weit reichenden Deutungsangebote historisch zu kontextualisieren. In der Geschichtswissenschaft dagegen entstehen zwar zunehmend Arbeiten, die sich mit der popkulturellen Vergangenheit beschäftigen, jedoch liegt der Fokus dabei zumeist auf gesellschaftlichen Großprozessen wie Demokratisierung, Emanzipation oder dem Systemkonflikt. Pop als eine spezifische ästhetische Praxis geht dabei häufig in Phänomenen wie Protest oder Konsum auf.

Die geplante Publikation soll Pop in den Mittelpunkt rücken und sich dabei auf die unterschiedlichen Definitionen einlassen, die derzeit im Raum stehen: Versteht man unter Pop eine künstlerische Ästhetik, die unter anderem auf die konsumgesellschaftliche Warenwelt Bezug nahm (Pop-Art, Popliteratur)? Handelte es sich um einen Teilbereich der populären Unterhaltungskultur, der sich durch Normverstöße auszeichnete, in jedem Fall aber die „Massen“ ansprach und erreichte? Oder im Gegenteil um eine intellektuelle Avantgarde, die mit entschieden elitärem Gestus daran arbeitete, „cooles Wissen“ (Diedrich Diederichsen) hervorzubringen? War Pop subversiv und politisch oder permissiv vereinnahmend, war Pop Körperpraxis, Wirtschaftsbranche oder Mythenmaschine?

Da es um einen möglichst breiten, sowohl konzeptionellen als auch empirischen Zugriff auf das bislang noch wenig etablierte Forschungsfeld geht, ist die Publikation auf zwei Bände angelegt. Der erste Band soll empirische Fallstudien, der zweite Band methodisch-konzeptionelle Überlegungen versammeln, so dass ein systematischer Überblick über aktuelle Arbeiten und Forschungsperspektiven in der Popgeschichte entsteht. Folgende Themenschwerpunkte kommen dabei in Betracht:

Band 1: Fallstudien

Die Fallstudien können die vielfältigen Produktions-, Vermittlungs- und Aneignungsformen verschiedener Popgattungen und -genres thematisieren. Der Zeitraum liegt bei 1940 bis 1990, eine regionale Eingrenzung gibt es nicht.

Popwirtschaft:

Hierunter fallen alle ökonomischen Aspekte der Produktion, der Distribution und des Konsums von Pop. Von besonderem Interesse könnten die strukturellen Bedingungen, Prozesse und Akteure sein, die mit der Entscheidung über Inhalte verbunden waren. Erwünscht sind auch neue Antworten auf die alte Frage nach der kommerziellen Vereinnahmung popkultureller Innovationen bzw. der Möglichkeit, Pop auf dem Weg alternativer Produktions- und Vertriebsmodelle zu realisieren.

Pop und politisches System:

Forschungsbedarf besteht etwa in Hinblick auf den Stellenwert von Pop im Kalten Krieg und die Frage nach Resistenz oder Vereinnahmung in Diktaturen und autoritären Regimen. Darüber hinaus kann Pop in der Auseinandersetzung gesellschaftlicher Akteure betrachtet werden, wenn diese sich dezidiert politisch äußert, beispielsweise in der „Rock against Racism“-Bewegung bzw. als rechtsradikaler Pop.

Pop in den Medien/Medien des Pop:

Hier stellt sich die Frage nach den Koppelungen von Popkultur und medialen Komplexen und Entwicklungen. Thema können etwa die wechselseitige Strukturierung von Popkultur und Medienverbünden, popkulturelle Medialisierungsprozesse, die Entwicklung relevanter Produktions-, Speicher- und Reproduktionstechnologien sowie die damit verbundenen Aneignungsweisen der Popkonsumenten sein.

Star und Publikum:

Als ein Kern von Popkultur gilt die Konstellation von Stars und Publikum/Fans. Möglich wären Beiträge, die den Star als sichtbaren Popproduzenten bzw. als Popprodukt, die Rezipienten oder aber das Verhältnis von beiden in den Blick nehmen.

Generationen/Jugendkultur:

Pop gilt oftmals als altersspezifisch und erneuert sich in generationellen Schüben. Beiträge können nach zeittypischen Ursachen dieser Spezifik fragen (etwa Demographie oder Konsum). Sie können sich mit Jugendmedien beschäftigen oder Pop-orientierte Jugendkulturen analysieren, sofern diese sich geschichtlich kontextualisieren lassen und damit zeithistorische Spezifika über soziologische Ansätze – etwa der Cultural Studies – hinaus benannt werden.

Körperpraktiken/Subjektivierung:

Pop eröffnete zahlreiche Möglichkeiten, ein Verhältnis zu sich selbst gewinnen und zu kultivieren. Bereits die zentralen Aspekte race, gender und class boten vielgestaltiges, oft widersprüchliches Material für Subjektivierungsprozesse. Im Mittelpunkt steht dabei der Körper, als symbolische Oberfläche und als zu bearbeitendes Material (z. B. Mode, Motorik, rhythmische Vergemeinschaftung, physische Gewalt). Zu klären ist ferner, in welchem Verhältnis Pop zu allgemeinen zeitgenössischen Formen der Selbst- und Fremdbeobachtung stand. Welchen Platz hatten spezifische Selbsttechniken im Pop, etwa Training, Askese oder Selbstversuche? Erbeten sind zudem Beiträge, die der Selbstwerdung im Pop an der Schnittstelle zu anderen Erfahrungsbereichen wie Sport, Religion, Politik nachgehen.

Orte/Räume/Arenen:

Wie haben sich popspezifische Örtlichkeiten herausgebildet, die mit bestimmten sozialen Praktiken und Zuschreibungen verbunden sind; wie strukturieren sie Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation unter Anwesenden? In Betracht kommen hier abgegrenzte räumliche Ensembles (street corner, Jugendzimmer, Diskothek, Stadion), aber auch Stadtteile, ganze Städte und Länder (Bronx, Swinging London, Jamaika). Zudem können imaginäre Raumbeziehungen Thema sein, die Pop exotisieren, utopisieren oder entweltlichen (z.B. Hawaii, Weltraum, Nirwana).

Band 2: Konzepte und Methoden der Popgeschichte

Analytische Kategorien der Popgeschichte:

Welche theoretisch-methodischen Ansätze, die andere Disziplinen für die Analyse von Pop entwickelt haben, sind in die Geschichtswissenschaft übertragbar? Wie lassen sie sich hier operationalisieren? Die Beiträge können aus dem gesamten Arsenal der Kulturtheorie schöpfen, sie sollten sich dabei jedoch unbedingt an der Frage orientieren, wie sich dem Thema Pop genuin historische Forschungsperspektiven abgewinnen lassen. Auch historisch informierte Begriffsklärungen, etwa zur Unterscheidung von „Pop“ und „Populärem“, sind denkbar.

Historische Kontextualisierung von Poptheorie, Popintellektuellen und popbezogenem Expertenwissen:

Willkommen sind andererseits Beiträge, die etablierte Deutungen von Pop historisieren, indem sie diese ideengeschichtlich, diskursgeschichtlich und/oder im Sinne einer historischen Kultursoziologie einordnen.

Verhältnis zu etablierten Forschungsproblemen und Narrativen in der Zeitgeschichte:

Das neue Forschungsgebiet Popgeschichte positioniert sich in einem Feld von laufenden Kontroversen und einer Vielfalt erprobter Methoden. Wie verhält es sich zu Subdisziplinen von der Kultur- über die Wahrnehmungs- bis zur Körpergeschichte? Zu überlegen wäre ferner, wie popgeschichtliche Fragestellungen an etablierte zeitgeschichtliche Narrative anschließen, sie modifizieren oder sich von ihnen abgrenzen. Das kann sich an Prozessbegriffen wie „Liberalisierung“, „Westernisierung“ oder „Normalisierung“ festmachen, aber auch an thematischen Komplexen wie „Generation“, „Individualität“ oder „Widerständigkeit“.

Quellenprobleme der Popgeschichte:

Ein zentrales Problem der Popgeschichte stellt die Arbeit mit akustischen und audiovisuellen Quellen dar. Gefragt sind daher grundsätzliche Überlegungen zum Stellenwert und Umgang mit diesem Material, insbesondere auch zu der Frage, wie der Aspekt der Performance (Tanz, Bühnen/Studioauftritt usw.) historiographisch bearbeitet werden kann. Ebenso sind Beiträge möglich, die sich mit einzelnen relevanten Quellentypen befassen, etwa Comics, Spielfilmen, Fanzines, Musikkritiken, Poesiealben, Postern, Plattencovern oder Fanpost.

Abstracts von maximal einer Seite senden Sie bitte bis zum 15. Februar 2012 an beide unten stehenden E-Mail-Adressen. Ob die vorgeschlagenen Beiträge angenommen wurden, teilen wir bis zum 29. Februar mit. Abgabetermin für die Manuskripte ist der 31. Juli 2012, der anvisierte Erscheinungstermin Frühjahr 2013. Mit Blick auf die Kohärenz der beiden Sammelbände ist geplant, die individuelle Arbeit an den Texten durch Autorenworkshops zu begleiten.

Jürgen Danyel, Alexa Geisthövel, Bodo Mrozek

algeist@gmx.de; mrozek@zzf-pdm.de

Programm

Kontakt

Arbeitskreis Popgeschichte (AKP)

http://www.zzf-pdm.de/site/690/default.aspx
Redaktion
Veröffentlicht am
22.12.2011
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