Arbeitnehmerinteressen in Krisenzeiten 1929 – 1973/74 – 2008ff.

Arbeitnehmerinteressen in Krisenzeiten 1929 – 1973/74 – 2008ff.

Veranstalter
Friedrich-Ebert-Stiftung; International; Conference of Labour and Social History (ITH)
Veranstaltungsort
Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.06.2012 - 16.06.2012
Deadline
12.06.2012
Von
Johannes Platz

Krisen erschüttern den Kapitalismus in regelmäßigen Abständen. Es liegt also nahe, sie miteinander in Beziehung zu setzen und ihnen eine historische Dimension zu geben. Auch in der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise sind zahlreiche Bezüge auf zurückliegende Krisen des 20. Jahrhunderts hergestellt worden. Die Vergangenheit liefert einen wichtigen Deutungsrahmen, weil sich Krisenerfahrungen und Erwartungshorizonte der Menschen in das kollektive Gedächtnis eingeschrieben haben. Die Bewertung von Entwicklungen der Gegenwart im Lichte von historischen Erfahrungen kann gemeinsame Strukturmerkmale herausarbeiten, aber auch leicht dazu führen, die Gegenwartsdeutung auf Irrwege zu lenken. Es besteht die Gefahr, Pfadabhängigkeiten zu konstruieren, die nicht bestehen, Kontinuitäten herzustellen, wo Diskontinuierliches vorliegt, und so falsche, aber vordergründig bewährte Schlüsse zur Bewältigung aktueller Krisen zu ziehen.

Die Tagung historisiert Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte (Reinhart Koselleck), die sich aus der Deutung vergangener Krisen ergeben und auf die zur Interpretation gegenwärtiger Phänomene zurückgegriffen wurde. Besondere Aufmerksamkeit finden die politische Relevanz und schwindende Durchsetzungskraft von Arbeitnehmerinteressen in Europa. Als Referenzpunkte dienen jene Krisenperioden, für die stichwortartig die Weltwirtschaftskrise 1929, der Ölpreisschock und „Strukturbruch“ von 1973/74 und die gegenwärtige Wirtschafts- und Finanzmarktkrise der Jahre 2008ff. stehen.

Wirtschaftskrisen waren im globalen Zusammenhang mitverursachend für strukturelle Umbrüche in der europäisch-nordatlantischen Geschichte und wirkten stets auf Arbeitnehmerinnen- und Arbeitnehmerinteressen zurück. Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 bereitete den Boden für autoritäre Krisenbewältigungsstrategien, an deren Ende etwa in Deutschland die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten stand. Die Zerschlagung von Sozialdemokratie und Gewerkschaften ordnete die Wahrnehmung von Arbeiternehmerinteressen dem Primat der Ökonomie und der Rüstungswirtschaft unter. In den 1970er Jahren vollzog sich im Untersuchungsgebiet krisenbedingt ein langsamer Übergang zu einem postfordistischen Produktions­regime, das sich in einer fortschreitenden Tertiarisierung der Gesellschaft niederschlug, ebenso wie in einem Wandel gesellschaftlicher Leitbilder, mit dem sich neoliberale Deutungsmuster durchsetzten. Der Stellenwert und die Auswirkungen der Wirtschafts- und Finanzmarktkrise von 2008ff. sind zeitdiagnostisch nicht abschließend zu bewerten, jedoch ist abzusehen, dass diese die europäischen und nordatlantischen Arbeitsgesellschaften tiefgreifend verändern und auch die Arbeitnehmerinteressenvertretung berühren werden.

Vor allem diachron vergleichende Untersuchungen von Arbeitnehmerinteressen in Krisenzeiten sind noch ein Desiderat.

Programm

Programm

15. Juni 2012

15:00-15:30
Begrüßung und Einführung
- Anja Kruke, Bonn
- Berthold Unfried, Wien
- Johannes Platz, Bonn
- Meik Woyke, Bonn

15:30-17:30
Sektion 1: Wirtschafts- und Finanzkrisen in der Forschung – Eine Bestandsaufnahme

Moderation: Jürgen Mittag, Köln

- Jürgen Kocka, Berlin: Wirtschafts- und Finanzkrisen und die Kritik des Kapitalismus
- Rüdiger Hachtmann, Potsdam/Berlin: Transformation der Produktionsregime durch Krisen? Fordismus 1908-2008
- Andrea Komlosy, Wien: „Lange Wellen“, Konjunkturzyklen und die Weltsystemtheorie

17:30-18:00
Kaffeepause

18:00-20:00
Öffentliche Podiumsdiskussion

Politik und Geschichte im Dialog: Arbeitnehmerinteressen in Krisenzeiten

Moderation: N.N.

- Werner Abelshauser, Bielefeld
- Jürgen Kocka, Berlin
- Werner Müller, Bundesminister a.D.

anschließend Empfang

16. Juni 2012

9:00-10:30
Sektion 2: Krisensemantik und Krisengefühl im diachronen Vergleich

Moderation: Johannes Platz, Bonn

- David Römer, Trier: Rechtfertigungen und Legitimationen durch „Ölkrise“ und „Finanzkrise“ im öffentlichen Diskurs in diachron vergleichender Perspektive
- Kristoffer Klammer, Bielefeld: Vom ‚Ölpreisschock‘ zur ‚kleinen Weltwirtschaftskrise‘ – Zeitdeutungen und Argumentationsweisen im Krisendiskurs 1973-75
- Laure Caregari, Luxemburg: Arbeiterdiskurse zur Krise von 1974 im luxemburgisch-lothringischen Vergleich

10:30-10:45
Kaffeepause

10:45-12:15
Sektion 3: Arbeitnehmer in der Krise – Institutionen, Organisationen und Diskurse

Moderation: Meik Woyke, Bonn

- Karl Lauschke, Dortmund: Die Praxis der Mitbestimmung in Zeiten der Krise
- Arne Hordt, Tübingen: Der Bergarbeiterstreik 1984-85, der Generalstreik von 1926 und der zweite Weltkrieg in Großbritannien. Zur gegenwärtigen Bedeutung historischer Konflikte
- Andrea Rehling, Mainz: Zentralarbeitsgemeinschaft, Wirtschaftsrat oder Konzertierte Aktion – Der deutsche Korporatismus in der Krise

12:15-13:30
Mittagspause

13:30-15:00
Sektion 4: Krise als Argument – Argumente in der Krise

Moderation: Berthold Unfried, Wien

- Marcel Berlinghoff, Heidelberg: Der Einwanderungsstopp-Reflex. Migrationskontrolle als Reaktion auf wirtschaftliche Krisen
- Till Kössler, Bochum: Die Weltwirtschaftskrise als Argument in den industriellen Konflikten der frühen Bundesrepublik
- Bernhard Gotto, München: Mit Enttäuschungen besser durch die Krise? Der Abschied von der paritätischen Mitbestimmung und der Wandel gewerkschaftlicher Gesellschaftspolitik in den 1970er Jahren

Die Tagung findet bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin statt.

Ort:
Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin
Konferenzsaal I
Hiroshimastraße 17
10785 Berlin

Um Anmeldung wird gebeten. Kontakt:

Friedrich-Ebert-Stiftung
Archiv der sozialen Demokratie
Referat „Public History“
Eva Vary
Godesberger Allee 149
53175 Bonn
Tel. +49 228 883-9033
Fax +49 228 883-9209
E-Mail: Eva.Vary@fes.de

Tagungsleitung:

Friedrich-Ebert-Stiftung
Archiv der sozialen Demokratie
Referat „Public History“
Projekt „Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte“
Dr. des. Johannes Platz
Godesberger Allee 149
53175 Bonn
Tel. +49 228 883-8072
Fax +49 228 883-9204
E-Mail: Johannes.Platz@fes.de

Friedrich-Ebert-Stiftung
Archiv der sozialen Demokratie
Referat „Public History“
Dr. Meik Woyke
Godesberger Allee 149
53175 Bonn
Tel. +49 228 883-8068
Fax +49 228 883-9209
E-Mail: Meik.Woyke@fes.de

International Conference of Labour and Social History (ITH)
Univ. Doz. Dr. Berthold Unfried
Altes Rathaus
Wipplingerstraße 8
A-1010 Wien
Tel. +43 1 22 89 469-316
Fax +43 1 22 89 469-391
E-Mail: berthold.unfried@univie.ac.at

Kontakt

Dr. des. Johannes Platz

Friedrich-Ebert-Stiftung, Archiv der sozialen Demokratie
Projekt Jüngere und jüngste Gewerkschaftsgeschichte, Godesberger Allee 149
0228/883-8072
0228/883-9204

Johannes.Platz@fes.de

http://www.fes.de/archiv/adsd_neu/index.htm
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