Panel: Revival oder Rückzugsgefecht? Der Sozialstaat in Krisenzeiten

Panel: Revival oder Rückzugsgefecht? Der Sozialstaat in Krisenzeiten

Veranstalter
Sektion Sozialpolitik in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie
Veranstaltungsort
Ort
Trier
Land
Deutschland
Vom - Bis
06.10.2014 - 10.10.2014
Deadline
31.03.2014
Von
DGS-Sektion Sozialpolitik, Thilo Fehmel

Krisen und Sozialstaat stehen in einem vielschichtigen, spannungsreichen Verhältnis. Einerseits sind Krisen Phasen sich verstärkenden kollektiven oder individuellen Kontrollmangels. In Krisenzeiten greifen Wahrnehmungen erhöhter Unsicherheit und Verunsicherung um sich: Materielle Unsicherheit äußert sich in Wohlstandsverlusten und Verlustängsten. Orientierungsunsicherheit zeigt sich als wahrgenommener Verlust der Steuerungs-, wenn nicht gar der Handlungsfähigkeit von Akteuren. In solchen Phasen streben Akteure nach (wirtschaftlicher) Status- und nach (normativer) Verhaltenssicherheit. In solchen Phasen erhöhter Unsicherheit geraten aber zugleich auch Zukunftserwartungen in Gefahr. Damit steigt der Bedarf an langfristiger Orientierung und Sicherheit.
Nicht zuletzt dem Sozialstaat kommt gemeinhin die Aufgabe zu, sowohl gegenwärtige Gefährdungen als auch Zukunftsunsicherheiten zu reduzieren. Insbesondere in Krisenzeiten wird er damit zum Adressaten von Sicherungserwartungen. Und zahlreiche Beispiele zeigen, dass es ihm tatsächlich gelingen kann, die sozialen Folgen von Krisen abzufedern – bei konjunkturellen Krisen, indem er etwa Sozialleistungen bereit hält, die vor Verelendung schützen, die Kaufkraft stabilisieren oder Qualifikationen erhalten; bei strukturellen Krisen, indem er individuelle und kollektive Handlungsspiel- und -zeiträume eröffnet und so betroffenen Akteuren die erforderlichen strukturellen Anpassungsleistungen ermöglicht. Sozialpolitik kann und soll derartigen Krisen etwas entgegensetzen. So gesehen sind Krisen Bewährungsproben für den Sozialstaat.

Andererseits sind Krisen wahrgenommene Gefährdungen institutionalisierter Handlungsmuster. Sie zeichnen sich aus durch einen Überschuss an Situationsdiagnosen und interessengeleiteten Handlungsempfehlungen. Vor allem politisch-institutionelle Krisen stoßen durch konkurrierende Interpretationen Deutungswandel an, ermöglichen über neue Interpretationsmuster institutionelle Innovation und schaffen auf diese Weise neue Gelegenheitsstrukturen zur Verfolgung von Interessen. In diesem Sinn sind Krisen Umbruchphasen, in ihnen aktualisieren sich gesellschaftliche Verhältnisse.

Das gilt für den Sozialstaat als zentrales institutionelles Arrangement moderner Gesellschaften in besonderer Weise. In Krisenzeiten geraten soziale Rechte, Sicherungssysteme und Sozialpolitiken diskursiv unter Druck. Zahlreiche Befunde belegen zwar, dass die rhetorische Infragestellung sozialstaatlicher Leistungen und Institutionen nicht zwangsläufig auch zu faktischem Sozialstaatsabbau im großen Stil führen muss. Jedoch ist unterhalb stabiler Sozialleistungsniveaus „schleichender“ Sozialabbau durchaus möglich: etwa durch die Neuausrichtung von Umverteilungsmustern oder die Neujustierung von Finanzierungsanteilen zwischen sozialen Gruppen, durch die Verschärfung von Zugangsvoraussetzungen zu Sozialleistungen, durch den Abbau öffentlicher Beschäftigung oder – und in Krisenkontexten besonders bedeutsam – schlicht durch sozialpolitische Untätigkeit trotz massiven Problemanstiegs. Damit sind institutionelle Krisen immer auch Phasen, in denen etablierte Redistributionsregeln zur Diskussion stehen und geprüft wird, welche sozialen Beziehungen tragfähig, welche Formen von Solidarität möglich sind – kurz: welche Wir-Gruppen-Konstruktionen sich als umverteilungsfest erweisen.

Ob ein Sozialstaat in Krisenzeiten Rückzugsgefechte führt oder sein Revival erlebt oder gar beides zugleich, hängt also von verschiedenen Rahmenbedingungen ab. Diesen will die Veranstaltung nachgehen, um die sehr unterschiedlichen sozialstaatlichen Krisenbewältigungsstrategien und -leistungen in Europa zu erklären. Der Fokus der Beiträge muss jedoch nicht auf die europäischen Sozialstaaten in der gegenwärtigen Krise beschränkt bleiben. Auch jenseits europäischer Aktualität soll geklärt werden, welche politischen und sozialen Konstellationen einen mit einer Krise begründeten Sozialstaatsdiskurs begünstigen bzw. behindern.

Wir laden somit Beiträge ein, die sich (synchron oder diachron vergleichend) etwa mit folgenden Fragen befassen:
- Welche Verlaufsmuster von der ersten Krisenwahrnehmung bis zu sozialstaatlichen Status-quo- oder aber Anpassungsentscheidungen lassen sich unterscheiden?
- Welche Akteure konkurrieren um die Interpretationshoheit in einem Krisenkontext?
- Welche Krisendeutung setzt sich im Diskurs durch, wer definiert also, um welche Art von Krise es sich handelt und welche Reaktionen angemessen bzw. unvermeidbar sind?
- Welchen Akteuren wird von wem die Verantwortung für diese krisenbedingten Reaktionen zugewiesen oder abgesprochen? Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang ggf. die Inkongruenz weitgehend national konstruierter Krisenbetroffenheitsmuster bei zunehmendem politischem Kompetenztransfer auf die supranationale Ebene und bei zunehmendem Einfluss nichtstaatlicher Akteure?
- Wo blieb es bei Rhetorik, wo kam es zu faktischen Anpassungen? Lag diesen Anpassungen ein Verständnis vom Sozialstaat als Lösung oder als Teil des Problems zugrunde?
- (Wie) verändern sich Krisenwahrnehmung, handlungsleitende Orientierungen und Lösungsvorschläge im „Krisenverlauf“?

Abstracts mit Vorschlägen für Beiträge (maximal 500 Wörter) zu diesen oder weiteren, ähnlichen Themen werden bis zum 31. März 2013 erbeten an die OrganisatorInnen:
Thilo Fehmel (fehmel@sozio.uni-leipzig.de)
Simone Leiber (simone.leiber@fh-duesseldorf.de)

Programm

Kontakt

Thilo Fehmel

Universität Leipzig, Institut für Soziologie

fehmel@sozio.uni-leipzig.de

http://www.soziologie.de/de/sektionen/sektionen/sozialpolitik/calls-und-veranstaltungshinweise.html
Redaktion
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Land Veranstaltung
Sprach(en) der Veranstaltung
Deutsch
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