Innenansichten Deutschland 1945

Innenansichten Deutschland 1945

Veranstalter
Dr. Gudrun Brockhaus, München; Dr. Ulrike Haerendel, Evang. Akademie Tutzing
Veranstaltungsort
Schloss-Str. 2+4, 82327 Tutzing
Ort
Tutzing
Land
Deutschland
Vom - Bis
09.01.2015 - 11.01.2015
Deadline
19.12.2014
Von
Ulrike Haerendel

Wie erlebten die Zeitgenossen die letzten Monate des Krieges, das Ende der NS-Herrschaft, Kapitulation und Besatzung? Dachten sie nach über Schuld und moralisches Versagen? Die Zeugnisse deuten eher darauf hin, wie stark das Erleben vom eigenen Existenzkampf, von persönlichen Verlusten, aber auch von der Erleichterung des Überlebthabens geprägt war.

Innenansichten Deutschland 1945: Die Bilder sind unterschiedlich, oft unvereinbar. Schroffe Gegensätzlichkeit kennzeichnet das Erleben der Mehrheitsdeutschen und der Opfer der NS-Verbrechen. Kriegsende und Besatzungszeit stellten sich ganz anders dar, lebte man im Osten oder Westen, in der Stadt oder auf dem Land, war man überzeugter Nazi, Mitläufer oder Gegner, Soldat oder Zivilist, Mann oder Frau, jung oder alt, KZ-Überlebender, Zwangsarbeiter. Diese Unterschiede gehen nicht in dem Gegensatzpaar Niederlage oder Befreiung auf.

Im Luftkrieg fallen Deutschlands Städte in Schutt und Asche, werden für die Überlebenden unbewohnbar, während die NS-Propaganda den Sieg der gläubigen Volksgemeinschaft beschwört: „Unsere Mauern brechen, aber unsere Herzen nicht“. In militärisch aussichtsloser Lage wird weitergekämpft, im Osten vervielfachen sich die Zahlen der getöteten Soldaten und Zivilisten, der Flüchtlinge, der Vergewaltigten. Gleichzeitig werden im Westen Ortschaften den West-Alliierten als dem „freundlichen Feind“ übergeben.

In der Endphase des Krieges wird die nationalsozialistische Gewalt exzessiv. Im Terror gegen KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene, ausländische Arbeiter, Deserteure und Kapitulationswillige werden Zehntausende umgebracht, häufig wenige Stunden vor der militärischen Einnahme der Lager und Ortschaften. Die KZ-Insassen, die auf ein Überleben gehofft hatten, sterben zu Tausenden in Todesmärschen und finden auch jetzt nur ausnahmsweise Hilfe bei der Bevölkerung.

Die Alliierten treffen nicht, wie sie erwarteten, auf eine fanatisierte Nazi-Bevölkerung. Aber ebensowenig verbreitet ist Einsicht in die eigene Mitbeteiligung an dem verbrecherischen NS-System. Viele Deutsche fühlen sich nun selbst als Opfer und rechnen Schuld auf.
Im Anschluss an die These von der "Unfähigkeit zu trauern" (A. und M. Mitscherlich) steht am Ende der Tagung die Frage, wie die moralischen und existenziellen Brüche des Kriegsendes weitergewirkt haben - auch über die vergangenen 70 Jahre hinweg.

Programm

Freitag, 09.01.2015

18.00 Uhr Beginn der Tagung mit dem Abendessen

19.15 Uhr Innenansichten aus Deutschland 1945
PD Dr. Frank Bajohr, Historiker

20.15 Uhr Lesung: "Bald weht hier ein ganz andrer Wind"
Autobiographische Dokumente 1945

Samstag, 10.01.2015

9.00 Uhr „Wer es nicht miterlebt hat...“ Blickverzerrungen in der Rückschau auf Deutschland 1945
Dr. Gudrun Brockhaus, Sozialpsychologin

9.25 Uhr Kriegsmoral am Ende? Innenansichten der Kriegsendphase im Spiegel von Feldpostbriefen
PD Dr. Jörg Echternkamp, Historiker

10.15 Uhr Pause

10.45 Uhr Charakteristika und Funktionen nationalsozialistischer Gewalt in der Endphase des Zweiten Weltkriegs
Dr. Sven Keller, Historiker

Zur Innenseite der Endphaseverbrechen
Utz Palußek-Spanl, Psychoanalytiker

12.30 Uhr Mittagessen

14.00 Uhr "Schreckensnächte". Kollektive und individuelle Deutungen des Luftkrieges in Deutschland 1940 - 1950
Dr. Jörg Arnold, Historiker

"Vom Feuersturm ins Nichts? - Befunde aus dem Projekt "Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943" zum Kriegsende und zur Nachkriegszeit" 
PD Dr. Ulrich Lamparter, Psychoanalytiker

15.30 Uhr Kaffeepause

16.00 Uhr Verkehrte Welt – Lebensgefühle im Nachkriegs-Deutschland
Dr. Gudrun Brockhaus

16.45 Uhr Kleine Pause

17.00 Uhr Intensive Zeiten. Was zeigen - und was verschweigen, verdecken oder ignorieren Selbstzeugnisse? Drei unbekannte Beispiele zu 1945
Prof. Dr. Alf Lüdtke, Historiker

18.00 Uhr Abendessen

19.30 Uhr Filmausschnitte „Zwischen gestern und morgen“ (Harald Braun 1947)
Kommentare:
"Die Emigranten hatten es leicht..." Narrative der Rechtfertigung im deutschen Nachkriegskino
Gerhard Bliersbach, Psychologe

Das Ding ohne Besitzer. Die materielle Präsenz der NS-Vergangenheit in “Zwischen gestern und morgen”
Dr. Natalie Scholz, Historikerin

Sonntag, 11.01.2015

8.45 Uhr Andacht in der Schloßkapelle

9.15 Uhr Lösen, was nicht zu lösen ist. 1945 in der „Unfähigkeit zu trauern“
Dr. Falk Stackelbeck, Psychoanalytiker

Vom Stigma zum Standortfaktor? Oder Jetzt sind auch wir mal dran!
Opfergedenken und Selbstviktimisierung am Beispiel des ehemaligen Konzentrationslagers Flossenbürg
Dr. Jörg Skribeleit, Gedenkstättenleiter

10.45 Uhr Pause

11.10 Uhr Und was habe ich damit zu tun? Nachwirkungen der NS-Verbrechen auf die Generationen der Enkel
Sacha Batthyany, Journalist

11.50 Uhr Schlusskommentare und Diskussion
Katharina Leube-Sonnleitner, Psychoanalytikerin/Utz Palußek-Spanl

12.30 Uhr Ende der Tagung mit dem Mittagessen

Kontakt

Rita Niedermaier

Evang. Akademie Tutzing
Schloss-Str. 2+4, 82327 Tutzing
08158/251-128
08158/996428
niedermaier@ev-akademie-tutzing.de

www.ev-akademie-tutzing.de
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