Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit

Virtuosen der Öffentlichkeit? Friedrich von Gentz (1764-1832) im globalen intellektuellen Kontext seiner Zeit

Veranstalter
Forschungsstelle "Universitätssammlung Friedrich von Gentz" (Universität zu Köln) in Kooperation mit dem KWI Essen, Prof. Dr. Gudrun Gersmann, apl. Prof. Dr. Friedrich Jaeger, apl. Prof. Dr. Michael Rohrschneider
Ort
Köln
Land
Deutschland
Vom - Bis
25.03.2015 -
Deadline
18.03.2015
Von
Rohrschneider, Michael

Spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehören Intellektuelle wie Friedrich von Gentz zu den auffälligsten Akteuren der politischen Öffentlichkeit im Kontext europäischer Gesellschaften. Mit der Verbreitung der technischen Voraussetzungen für eine Distanzkommunikation unter Abwesenden entwickelten sie sich nicht allein zu einer Kerngruppe der république des lettres, sondern aufgrund ihrer innovativen Nutzung der modernen Massenmedien auch zu einflussreichen Instanzen der öffentlichen Meinungsbildung. Zwar hat es in Teilen der Forschung ‒ namentlich in Frankreich ‒ lange Zeit Vorbehalte gegeben, den Begriff "Intellektuelle" überhaupt als adäquate Sammelbezeichnung für die vergleichsweise heterogene Gruppe von Künstlern, Wissenschaftlern, Verlegern, Publizisten, Politikern etc. der Zeit vor dem Ende des 19. Jahrhunderts zu akzeptieren; hier stand der Vorwurf des Anachronismus im Raum. In jüngerer Zeit setzt sich jedoch in erkennbarer Weise die Tendenz durch, auch für die Frühe Neuzeit mit diesem Terminus zu operieren. Der Typus des public intellectual, wie er etwa im Zuge der Dreyfus-Affäre wirkungsmächtig hervortrat, gewann schon in der Frühen Neuzeit in signifikanter Weise schärfere Konturen.
Besondere Aufmerksamkeit gebührt in diesem Forschungszusammenhang ‒ nicht nur im Hinblick auf die Umbruchphase um 1800 ‒ den generellen Fragen, welche "Wirkungschancen" Intellektuelle wie zum Beispiel Gentz in den revolutionären Veränderungen ihrer Zeit hatten, wie sie fundamentale Umbrüche in ihren jeweiligen räumlichen und sozio-kulturellen Kontexten wahrnahmen und welche Erkenntnisse sich daraus mit Blick auf die revolutionären politischen, medialen, gesellschaftlichen oder auch ökonomischen Veränderungen in der Gegenwart gewinnen lassen. Ein besonders gut geeignetes Fallbeispiel zur Erforschung dieser Fragen ist zweifellos die Zeitwende, die durch die Ereignisse der Französischen Revolution von 1789 und deren Auswirkungen markiert wird. Auch wenn die Revolution, wie in der jüngeren Forschung betont wird, weniger als strikte Wasserscheide zwischen Vormoderne und Moderne, sondern vielmehr als Katalysator von bereits vor 1789 bestehenden Transformationsprozessen zu deuten ist, hatte sie doch nicht nur grundlegende politische und gesellschaftliche Umwälzungen zur Folge, sondern stellte gleichermaßen eine intellektuelle Herausforderung dar. Ja, es ließe sich sogar die noch zu diskutierende Frage formulieren, ob auch die Ausformung des Typus des modernen Intellektuellen durch die vielfältigen Wandlungsprozesse der "Sattelzeit" forciert wurde. Hier setzt Tagung an und widmet sich der facettenreichen Auseinandersetzung von Intellektuellen mit dem Ende des ancien régime und dem Aufbruch in ein neues Zeitalter.
Ausgangspunkte der Beschäftigung mit der Rolle von Intellektuellen in der Transformationsphase um 1800 sind zwei fundamentale Beobachtungen zur gegenwärtigen Lage:
1.) Die gerade angesichts der Entwicklungsdynamik digitaler Medien unsicher gewordene Zukunft der Intellektuellen lässt die Geschichte ihrer Mediennutzung in neuem Licht erscheinen. Darauf zielt das hier unter dem Leitbegriff der Intellektuellenkommunikation dargelegte Konzept der Tagung. Unter methodischen Gesichtspunkten geht es dabei weniger um die Rekonstruktion der Wissensgesellschaft um 1800 oder um eine politische Ideengeschichte im Sinne der intellectual history. Vielmehr sollen die medialen Felder, kommunikativen Netzwerke und kulturellen Konstellationen untersucht werden, in denen sich die Wahrnehmung von Intellektuellen manifestiert hat. Historisch gesehen haben sie es bis heute verstanden, sich kompetent der jeweiligen Leitmedien ihrer Epoche zu bedienen, um sich im Sinne des agenda setting als unverzichtbare Instanzen der öffentlichen Meinungsbildung zu etablieren. Die Geschichte und Transformationen dieser Medienaneignung gilt es historisch sowie kommunikationswissenschaftlich zu rekonstruieren, und zwar auch und gerade um die gegenwärtigen Umbrüche der digitalen Wissenskultur bzw. ihre Folgen für die öffentliche Figur des Intellektuellen deuten und besser einordnen zu können.
2.) Konstitutiv ist für die Tagung darüber hinaus, dass sich die Referate angesichts der gegenwärtigen Erfahrungen der Globalisierung nicht auf die Herausbildung desjenigen Intellektuellentypus à la Gentz beschränkt, der sich seit dem 18. Jahrhundert als Begleitphänomen der westlichen Moderne herausgebildet hat. Um diesen Typus nicht zu einem normativen Leitbild zu überhöhen, ist vergleichend danach zu fragen, welche Formen von Intellektualität sich in anderen Kulturkreisen herausgebildet haben und wie die spezifischen Entwicklungen in Europa um 1800 außereuropäisch wahrgenommen wurden. Entsprechende Beiträge sollen die Traditionen und Akteursrollen von Intellektuellen auch dort verorten, wo es sie nach westlichem Muster nicht unbedingt gegeben hat. Insbesondere wäre dabei zu untersuchen, welche alternativen Ausprägungen und funktionalen Äquivalente dieser sozialen Figur existieren, d.h. welche Semantiken, Gesellschaftsvorstellungen und Formen der Reflexion oder der politischen Kritik und Intervention in den entsprechenden intellektuellen Milieus dominieren und innerhalb welcher disziplinärer Strukturen, Kommunikationsmedien oder Institutionen der Wissensorganisation sie agieren. Durch die interkulturelle "Übersetzung" des westlichen Typus des Intellektuellen würde den gegenwärtigen Forschungsdebatten über die multiple Struktur von Entwicklungspfaden in diesem Punkt eine solide Basis gegeben. Erst die globale und komparative Ausrichtung des hier dargelegten Forschungsansatzes macht die Pluralität von Semantiken der Wissenskommunikation sowie der ihnen entsprechenden intellektuellen Denkstile sichtbar. Darüber hinaus lassen sich auf dieser Grundlage auch interkulturelle Netzwerke von Intellektuellen bzw. transnationale Kontaktzonen oder Verflechtungen zwischen europäischen und außereuropäischen Intellektuellen in den Blick nehmen.
Der hier vorgestellte Ansatz will den Typus des europäischen Intellektuellen somit gerade nicht auf außereuropäische Formen der Wissens- und Gelehrtenkommunikation hin ausdehnen, um sie auf diesem Wege in die europäische Tradition einzugemeinden. Vielmehr sollen historische und interkulturelle Vergleichsperspektiven aufgemacht werden, um den Blick auf Unterschiede und Besonderheiten zu lenken und damit – mit Max Weber gesprochen – die jeweilige "Individualität" von Kulturerscheinungen trennschärfer herauszuarbeiten, als es ohne diese komparative Erweiterung des Blicks möglich wäre. Die Frage ist also nicht, ob und wenn ja in welchem Sinne sich das Konzept des Intellektuellen in seiner europäisch-westlichen Ausprägung auf nichteuropäische Gesellschaften übertragen lässt, sondern es ist zu fragen, worin sich die in den Referaten jeweils untersuchten intellektuellen Kulturen konkret voneinander unterscheiden – oder aber: worin sie sich gegebenenfalls ähneln, ohne damit zugleich zwangsläufig dasselbe Konzept von Intellektualität zu verkörpern, und wie bzw. ob sie einander wahrnahmen. Der moderne, in Europa entstandene Typus des Intellektuellen bildet somit keine normative und analytische Folie, die anderen Zeiten und Kulturen übergestülpt wird, um kulturelle Differenz zum Verschwinden zu bringen. Vielmehr ermöglicht die am Leitfaden kommunikativer und medialer Praktiken vorgenommene komparative Rekonstruktion intellektueller Milieus die Möglichkeit, den Blick auf historische Alterität und interkulturelle Pluralität zu schärfen.
Die gewählte Zeitwende um 1800 ist aus mehreren Gründen besonders gut geeignet, sich dem skizzierten Zieltableau zu nähern. Zum einen besteht kein Zweifel daran, dass die Französische Revolution und die daraus resultierenden Umbrüche von vielen Zeitgenossen ‒ Gentz ist ein markantes Beispiel hierfür ‒ als besonders gravierende Zäsur perzipiert wurden. Zum anderen werden derzeit unabhängig voneinander digitale Erschließungsvorhaben umgesetzt, die eine substanziell neue, erheblich verbesserte Quellengrundlage für entsprechende Forschungen schaffen, jedoch bisher kaum miteinander in Verbindung gebracht wurden. Die neuen Perspektiven, welche die digitale Erschließung und Edition von Quellencorpora zur Erforschung der erkenntnisleitenden Fragestellungen eröffnen ‒ virtuelle Archive bzw. Quellenbestände werden zu einem jederzeit und überall verfügbaren "Schaufenster" für WissenschaftlerInnen ‒, bilden neben dem inhaltlichen einen weiteren Schwerpunkt der Tagung.
Das Konzept der Tagung und die Auswahl der TeilehmerInnen basieren auf der Idee, in jeder Sektion erfahrene WissenschaftlerInnen (Seniors) als Moderatoren und Kommentatoren in Dialog mit NachwuchswissenschaftlerInnen unterschiedlicher Qualifikationsstufen treten zu lassen, um deren Referate und laufende Forschungsprojekte einzuordnen und mit weiterführenden Perspektiven zu verbinden.

Programm

9.00-9.15 Uhr Begrüßung

I. Der Intellektuelle um 1800 in Theorie und Forschungspraxis: Einführende Überlegungen (Impulsreferate)

9.15-9.35 Uhr Gudrun Gersmann (Universität zu Köln):
Gab es ihn, den Intellektuellen um 1800? Versuch einer Standortbestimmung

9.35-9.55 Uhr Friedrich Jaeger (KWI Essen):
Intellektuellenkommunikation als Forschungsfeld

9.55-10.15 Uhr Rebecca Knoben (Universität zu Köln):
Ego-Dokumente: Quellen zur europäischen Intellektuellengeschichte um 1800

10.15-10.45 Uhr Kaffeepause

II. Intellektuelle in den europäischen Metropolen um 1800: Berlin ‒ Paris ‒ Wien

Michael Rohrschneider (Universität zu Köln): Moderation und Kommentar

10.45-11.30 Uhr Anne Baillot (Humboldt-Universität zu Berlin):
Berlin um 1800 als Intellektuellenschmiede? Schriftsteller- und
Akademikernetzwerke im Zusammenspiel

11.30-12.15 Uhr Bernd Klesmann (Universität zu Köln):
Die Revolution kehrt zurück ‒ Le Constitutionnel und die Pariser Presse

12.15-13.00 Uhr Alexandra Nebelung (Universität zu Köln):
Von Berlin nach Wien ‒ Friedrich von Gentz als intellektueller Grenzgänger

13.00-13.45 Uhr Mittagspause

13.45-14.30 Uhr Michael Rohrschneider/Christine Schmitt (Universität zu Köln):
Präsentationen von "Gentz digital" und der Publikationsplattform "epublished"

III. Die Intellektuellen und die außereuropäische Welt

Ursula Lehmkuhl (Universität Trier): Moderation und Kommentar

14.30-15.15 Uhr Hanno Scheerer (Universität Trier):
Thomas Jefferson als amerikanischer Intellektueller zur Revolutionszeit

Stephan Conermann (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn): Moderation und Kommentar

15.15-16.00 Uhr Tilmann Kulke (European University Institute Florenz):
Muslimische Intellektuelle im Dehli des 18. Jahrhunderts ‒ eine indo-persische République des Lettres?

16.00-16.30 Uhr Kaffeepause

16.30-17.15 Uhr Stephan Conermann (Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn):
Istanbul um 1800. Osmanische Überlegungen zur Modernisierung der Gesellschaft

17.15-18.00 Uhr Christian Maiwald (Universität zu Köln):
"... die Feder des constantinopolitanischen Depeschenwechsels". Die Korrespondenz des Friedrich von Gentz mit dem Internuntius Franz Freiherr von Ottenfels-Gschwind in den Jahren 1822-1832

18.00-18.30 Uhr Schlussdiskussion

Kontakt

Rebecca Knoben

Universität zu Köln, Historisches Institut, Lehrstuhl für die Geschichte der Frühen Neuzeit, Albertus-Magnus-Platz, D-50923 Köln

Rebecca.Knoben@uni-koeln.de