Innovationsuniversität Halle? Neuheit und Innovation als historische und als historiographische Kategorien

Innovationsuniversität Halle? Neuheit und Innovation als historische und als historiographische Kategorien

Veranstalter
Arbeitsstelle für Kulturwissenschaftliche Forschungen; Leitung: Prof. Dr. Daniel Fulda (Halle), Dr. Hanspeter Marti (Engi)
Ort
Engi, Glarus Süd
Land
Switzerland
Vom - Bis
15.06.2016 - 18.06.2016
Von
Dr. Ricarda Matheus

In der Universitätsgeschichte hat die Universität Halle einen besonderen Platz zuerkannt bekommen: Insbesondere in ihrer Gründungsphase um und nach 1700 wird sie als Ursprungsort des Neuen beschrieben. Diese Charakterisierung bezieht sich zum einen auf wissenschaftliche und weltanschauliche Inhalte: So wird das geistesgeschichtliche Profil der Universität Halle gerne mit dem Begriffspaar Aufklärung und Pietismus benannt. Zum anderen gilt diese Zuschreibung ebenso für die Institution insgesamt, für die dort etablierte Fächerhierarchie (die Etablierung neuer Fächer wie der Kameralistik etwa oder die vermeintliche Emanzipierung der philosophischen Fakultät), für die Zielsetzung der preußischen Regierung anlässlich der Gründung, für deren Berufungspolitik etc.

Hingegen wird kaum je darüber reflektiert, ob die Kategorien des Neuen und der Innovation bereits im Bewusstseinshorizont der Akteure ihren Platz hatten. Gegen die von Hans Blumenberg etablierte communis opinio, die Neuzeit starte mit einer allgemeinen Neugier auf das Neue, ist neuerdings entschieden Einspruch erhoben worden. Ab wann war gleichwohl weniger das Neue als das Traditionelle legitimationsbedürftig? Gab es Wissensräume, in denen Innovation unproblematisch erschien, und andere, in denen Neuerungen aus normativen Gründen als illegitim galten? Ab wann hielt man auch substantiell Neues für möglich oder gar erstrebenswert? Erwartete man, dass sich das Neue in die Welt, wie man sie kannte, einfügte, oder dynamisierte sich dadurch, über bislang etablierte Deutungsmuster hinausgehend, die Weltsicht insgesamt?

Die Tagung soll unter anderem klären, inwiefern die Deutungsfigur von der Universität Halle als Stätte wissenschaftlicher und universitärer Innovation mit zeitgenössischen Ansprüchen und Denkweisen im Einklang steht oder ob sie nachträglich konstruiert wurde, um der Universität im Rahmen einer allgemeinen Aufklärungsgeschichte der Gelehrsamkeit im Alten Reich eine besondere Bedeutung zuzuschreiben und diese Universität – gemeinsam mit den später gegründeten Universitäten in Göttingen und Berlin – einem neuen Typus ‚Reformuniversität‘ zuzuordnen, dem im Rahmen einer allgemeinen Modernisierungserzählung der Universität eine entscheidende Rolle zugekommen sei. Ziel ist es, ‚Innovation/Neuheit‘ nicht unreflektiert als Kategorie der Wissenschaftsgeschichte zu verwenden, sondern die Differenz zwischen der Leitfunktion dieser Kategorie in der modernen, retrospektiven Wissenschaftsgeschichtsschreibung auf der einen Seite und ihrer keineswegs selbstverständlichen, sondern immer erst festzustellenden Orientierungsfunktion in der historischen Praxis der Gelehrten, Studenten und Wissenschaftler, der weltlichen und geistlichen Autoritäten sowie des Publikums auf der anderen im Auge zu behalten.

Programm

Mittwoch, 15. Juni

bis 18.00 Uhr
Ankunft und Begrüßung in Engi-Hinterdorf;
Transfer zur Tagungsstätte Ferienheim Gufelstock

20.00 Uhr
Abendessen

Donnerstag, 16. Juni

9.00 Uhr
Einführung

9.15 Uhr
Marianne Taatz-Jacobi (Halle):
Kritik und Krise? Von Gutachten, Vorschlägen und Reglements für die Universität Halle (1691‒1731)

10.00 Uhr
Robert Seidel (Frankfurt am Main):
Johann Peter Ludewigs Thesenschrift ‚De prima academica, Villa Platonis, cum nova Halensium collata‘ (Halle 1693)

10.45 Uhr
Kaffeepause

10.00 Uhr
Johan Lange (Heidelberg):
Thomasius’ Empfehlungen für Studenten (vorläufiger Titel)

12.00 Uhr
Kay Zenker (Münster):
"Novitates" und "Novatores"? Zuschreibungen und ihre Begründungen im Kontext der frühaufklärerischen Vorurteilstheorie

12.45 Uhr
Mittagessen

14.30 Uhr
Frank Grunert (Halle):
Historia literaria als Lehrfach an der Fridericiana

15.15 Uhr Elisabeth Décultot (Halle):
Eine frühe Rezeption der französischen Querelle in Halle? Der Streit über den Streit

16.00 Uhr
Kaffeepause

16.30 Uhr
Klaus-Dieter Beims (Plochingen):
Historiographie bei Christoph Cellarius ‒ Methodik und Praxis

17.15 Uhr
Daniel Fulda (Halle):
Die Möglichkeit des Neuen und die Öffnung der Zukunft. Historia literaria und die Reichshistorie als erneuerte Gattungen

18.30 Uhr
Abendessen

Freitag, 17. Juni

ab 7.00 Uhr
Frühstück

9.00 Uhr
Michael Germann (Halle):
Die Modernität des ‚usus modernus‘ in der Kirchenrechtslehre an der Universität Halle um 1700

9.45 Uhr
Katerina Mihaylova (Halle):
„Ist doch ihre Würde und ihr Nutzen für das menschliche Leben so groß“. Vom frühneuzeitlichen Naturrecht zum innovativen Konzept einer Allgemeinen praktischen Weltweisheit

10.30 Uhr
Kaffeepause

11.00 Uhr
Andrea Thiele (Halle)
Freimeister und Entrepreneurs. Innovation und Konkurrenz in Wirtschaft und Gewerbe der jungen Universitätsstadt Halle

11.45 Uhr
Abschlussdiskussion

12.30 Uhr
Mittagessen

13.45 Uhr
Exkursion
mit Dr. Fritz Rigendinger, Kulturbeauftragter des Kts. Glarus
Die Herrschaft der Familie Tschudi von Glarus im Sarganserland

ca. 19.15 Uhr
Abendessen

Samstag, 18. Juni

ab 7.00 Uhr
Frühstück

Abreise

Kontakt

Prof. Dr. Daniel Fulda
daniel.fulda@germanistik.uni-halle.de

Dr. Hanspeter Marti
marti-weissenbach@forschungen-engi.ch

http://www.izea.uni-halle.de/forschung/b-strukturen-des-wissens/5-gelehrtenkultur-und-wissenschaftspolitik/innovationsuniversitaet-halle.html