Anthropologie der Freiheit? Menschenbild und freier Wille im Blick der Neurowissenschaft

Anthropologie der Freiheit? Menschenbild und freier Wille im Blick der Neurowissenschaft

Veranstalter
Katholische Akademie in Berlin; Universität Innsbruck
Veranstaltungsort
Katholische Akademie in Berlin
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.09.2016 - 30.09.2016
Von
Stephan Steiner

Die Freiheit des menschlichen Willens ist eine fundamentale Prämisse unseres Alltagshandelns, von Rechtsprechung, Medizin, Psychiatrie und nicht zuletzt des christlichen Menschenbildes. Im Gespräch mit aktueller Forschung gilt es deren Status zu prüfen.

Wenn wir im Alltag von der Freiheit unseres Willens sprechen, so meinen wir oft die Fähigkeit, unter denselben Umständen anders handeln zu können. Diese Willensfreiheit setzen wir voraus, wenn wir einen Menschen für seine Handlungen loben oder tadeln: Gerade weil Menschen frei sind und in derselben Situation auch anders hätten handeln können, können sie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Ohne Freiheit gäbe es keine Schuldfähigkeit des Menschen, die Rede von einer Verantwortung für unsere Taten wäre sinnlos. Willensfreiheit ist somit nicht nur ein unverzichtbarer Bestandteil unseres Menschenbildes, sie ist auch das anthropologische Fundament unserer Gesellschaftsordnung.

Die von uns als selbstverständlich angenommene Willensfreiheit ist heute Gegenstand neurowissenschaftlicher Untersuchungen: Ein besonderer Stellenwert kommt hier den Forschungen des US-Amerikaners Benjamin Libet zu. Seine Studien deuten darauf hin, dass unsere Handlungen neuronal vorbereitet werden (Bereitschaftspotential), bevor sie uns als Entscheidungen bewusst werden. Neurowissenschaftler, Psychologen und Philosophen folgerten daraus, dass wir nicht tun was wir wollen, sondern wollen, was wir tun (W. Prinz). Die Annahme von Freiheit und Schuldfähigkeit sei wissenschaftlich nicht mehr haltbar, da wir nicht für das verantwortlich gemacht werden können, was unser Gehirn tut.

Großes Aufsehen erregte deshalb vor kurzem eine Studie Berliner Hirnforscher aus der Gruppe um John-Dylan Haynes (Bernstein Center for Computational Neuroscience), welche zeigen, dass die der Handlung vorausliegende Gehirnaktivität unser Verhalten keineswegs determiniert. Die Versuchspersonen konnten ihre Handlungen noch ändern, selbst wenn das Gehirn eine bestimmte Bewegung eingeleitet hatte. [FAZ, 30.1.2016]. John-Dylan Haynes präsentiert die Experimente seiner Forschergruppe und stellt die Resultate zur Diskussion.

Der Vortragsabend eröffnet zugleich den anschließenden Studientag „Anthropologie der Freiheit“. Namhafte Fachleute aus unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen loten nicht nur die Tragweite derartiger Studien für Menschenbild, Rechtsprechung, Theologie und Medizin aus. Die Pluralität der methodischen und inhaltlichen Ansätze soll darüber hinaus einen fruchtbaren Dialog zum Thema Willensfreiheit und der gesellschaftlichen Relevanz des Freiheitsdiskurses ermöglichen.

Gastreferenten: Prof. Dr. John-Dylan Haynes, Berlin; Prof. Dr. Geert Keil, Berlin; Prof. Dr. Henning Saß, Aachen; Prof. Dr. Gabriele Werner-Felmayer, Innsbruck; Prof. Dr. Josef Quitterer, Innsbruck; Prof. Dr. Georg Essen, Bochum; PD Dr. Magnus Schlette, Heidelberg; PD Dr. Sabine Müller, Berlin; Dr. Georg Gasser, Innsbruck; Dr. Tobias Müller, München.

Programm

Donnerstag, 29. September 2016

19:00 Uhr
Prof. Dr. John-Dylan Haynes (Bernstein Center for Computational Neuroscience, Berlin)
Stellt die Neurowissenschaft die Willensfreiheit in Frage? Eine Bestandsaufnahme

anschließend Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Henning Saß, Prof. Dr. Geert Keil, Prof. Dr. Gabriele Werner-Felmayer.

Freitag, 30. September 2016

9:00 Uhr
Einführung
Prof. Dr. Josef Quitterer (Universität Innsbruck);

9:15 Uhr
Willensfreiheit als Fähigkeit
Prof. Dr. Geert Keil (HU Berlin)

Respondenz:
PD Dr. Magnus Schlette (FEST Heidelberg)

10:45 Uhr
Kaffeepause

11:15 Uhr
Wille und Willensfreiheit aus forensisch-psychiatrischer Perspektive
Prof. Dr. Henning Saß (Universitätsklinikum Aachen)

Respondenz:
Dr. Georg Gasser (Universität Innsbruck)

12:45 Uhr Mittagessen

14:30 Uhr
Das liberum arbitrium im katholischen Freiheitsverständnis. Argumentationsressourcen in den aktuellen Debatten zur Willensfreiheit?
Prof. Dr. Georg Essen (Bochum)

Respondenz:
Dr. Tobias Müller (Hochschule für Philosophie, München)

16:00 Uhr Kaffeepause

16:30 Uhr
Freiheit in der Medizin
Prof. Dr. Gabriele Werner-Felmayer (Medizinische Universität Innsbruck)

Respondenz:
PD Dr. Sabine Müller (Charité Berlin)

18:00 Ende der Veranstaltung

Kontakt

steiner@katholische-akademie-berlin.de

https://www.katholische-akademie-berlin.de/de/veranstaltungen/aktuelle-veranstaltungen/2016_Flyer_Willensfreiheit.pdf