Der „deutsch-deutsche Schäferhund“ geistert seit dem Frühjahr durch Online-Medien und die deutsche Presse. Während die Wissenschaftsparodie von Alan Sokal vor 20 Jahren jedoch ausführliche Debatten nach sich zog, hat der Hunde-Hoax, mit dem eine Gruppe anonymer Satiriker/innen auf einer Berliner Nachwuchstagung zu Human-Animal-Studies und in der Hauszeitschrift des Dresdner Hannah-Arendt-Instituts reüssierte, innerhalb der Geschichtswissenschaft bislang auffällig wenig Resonanz gefunden. Das ist erstaunlich, fordert die frei erfundene Studie über Schäferhunde in NS-Konzentrationslagern, sowjetischen Speziallagern und an der innerdeutschen Grenze Historiker/innen und Geisteswissenschaftler/innen doch gleich in mehrfacher Hinsicht heraus: Auf dem Prüfstand stehen neben wissenschaftlichen Qualitätsstandards und kritischer Urteilskraft auch das Verhältnis der Geschichtswissenschaft zu ideologisierten Deutungen der Vergangenheit und die innerfachliche Debattenkultur.
Dieser Workshop nimmt den „Schäferhund-Hoax“ zum Anlass für eine kritische Selbstbefragung auf epistemischer, wissenssoziologischer und inhaltlicher Ebene. Er möchte kein Tribunal inszenieren, sondern den Raum für eine offene und kontroverse Debatte öffnen. Anstatt altbekannte Antworten wiederzukäuen, zielt er darauf ab, (selbst)kritische Fragen zu entwickeln und zur Diskussion zu stellen: Welche Bedeutung haben Relevanz und Plausibilität in einem Fachdiskurs, der zunehmend auf Innovativität, Anschlussfähigkeit und Exzellenz in der Selbstdarstellung ausgerichtet ist? Was heißt wissenschaftliche Kritik, wie geht kritische Wissenschaft in einem projektförmig organisierten und zunehmend prekarisierten akademischen Feld? Welche Chancen und Risiken sind mit neuen Zugängen wie den Human-Animal-Studies verbunden, und in welchem Verhältnis stehen diese zur Persistenz des Totalitarismusparadigmas? Kurzum: Was ist aus dem „Schäferhund-Hoax“ aus geisteswissenschaftlicher Sicht zu lernen?
Vorgesehen sind drei jeweils 90-minütige Diskussionen, die nach kurzen Impulsvorträgen ein niedrigschwelliges Forum für einen diskursiven Austausch bieten sollen.