Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien biologischer "Aufrüstung"

Avantgarden der Biopolitik. Jugendbewegung, Lebensreform und Strategien biologischer "Aufrüstung"

Veranstalter
Archiv der deutschen Jugendbewegung, Prof. Dr. Karl Braun (Marburg)
Ort
Witzenhausen
Land
Deutschland
Vom - Bis
21.10.2016 - 23.10.2016
Deadline
17.10.2016
Von
Archiv der deutschen Jugendbewegung

War die Emanzipation des Menschengeschlechts im 18. Jahrhundert an die Selbst-Setzung der Vernunft und die ästhetische Erziehung innerhalb dieses Vernunftrahmens geknüpft, wird sie im 19. Jahrhundert zunehmend körperlich gedacht: Die Erkenntnisse der ins Biologische gewendeten Wissenschaften vom Menschen – Biologie, Medizin, Psychiatrie, beginnende Sexualwissenschaft – durchdringen das Alltagswissen und kanalisieren die expandierenden Ängste um den biologisch anfälligen Körper. Die Fortschritte der Lebenswissenschaften werden unterlaufen von den ihnen zugeschriebenen Bedrohungen: Herunterkommen aus selbstverschuldeter oder ererbter Nervenschwäche bzw. rassische Degeneration – es droht neben dem eigenen Verfall die nachhaltig wirksame nervöse Schwächung der Nachkommenschaft wie die Verunreinigung des „Volkskörpers“; denn Volk wird als organische Größe imaginiert.
Die Sorge um Degenerierung ist allenthalben präsent: Um den erreichten Grad der Zivilisation und die Selbstzuschreibung der obersten Position in der Hierarchie der Rassen halten und um überleben zu können, muss man sich rüsten; es geht darum, stark und gesund sowie rassisch rein zu bleiben. Also müssen diese Werte nachhaltig geschützt und verteidigt werden, eine überaus schwierige Aufgabe, denn die Bedingungen der modernen Lebensweise (Verstädterung, Industrialisierung, Technisierung, koloniale Globalisierung, Reizüberflutung) haben – so erleben es zumindest die Zeitgenossen – sich so gestaltet, dass sie allgemeiner Schwächung bis hin zum individuell-familiären wie gesellschaftlich-kollektiven Verfall zuzuarbeiten scheinen.
Die Jahrestagung des „Archivs der deutschen Jugendbewegung“ 2016 versucht die Jugendbewegung und die mit ihr in Verbindung stehende Lebensreform auf der Folie körperlich-biologischer, sozialdarwinistischer, sexual- und rassetheoretischer Argumentationsweisen zu bedenken. Dabei gilt es, Konzepte von Verbesserung, Vermeidung von Gefährdung, Verhinderung von Gefährdendem, kurz die breite Palette von Auslese, Ausschluss, Ausmerze in den Blick zu nehmen. Eine Betrachtung der Vorstellungen
- von Weiblichkeit und Männlichkeit,
- von rassischer Reinheit,
- von den Gestaltungsmöglichkeiten des individuellen wie kollektiven Sexuallebens,
- vom Umgang mit dem Körper und den Lebensfunktionen,
- von Modellen vergangener, wieder- bzw. neu herzustellender sozialer Organisationsformen
unter dem Aspekt von Biopolitik verspricht einen Zugang, der es erlaubt, die Jugendbewegung in das diskursive Umfeld gesellschaftlicher Beunruhigung und der Suche nach Antwor-ten auf diese Beunruhigungen im 1/3 des 20. Jahrhunderts zu stellen und die jugendbewegten Bestrebungen – in der gegebenen Ambivalenz – nachvollzieh- und verstehbar zu machen.

Programm

Fr. 21. Oktober 2016

18.00-18.15 Uhr Begrüßung
Susanne RAPPE-WEBER (Witzenhausen) / Eckart CONZE (Marburg)
18.15-19.15 Uhr
Einführung und Eröffnungsvortrag
Karl BRAUN (Marburg)
Jugendbewegung, Sexualaufklärung, Sozialhygiene. Das Beispiel Max Hodann (1894-1946)
20.30-21.15 Uhr
Ausstellungseröffnung
Felix LINZNER (Marburg) / Susanne RAPPE-WEBER (Witzenhausen)
„Gegen Sumpf und Fäulnis – leuchtender Menschheitsmorgen“: Jugend!

Sa. 22.Oktober 2016

9.00-10.30 Uhr
Heterosexualitäten

Sabine ANDRESEN (Frankfurt/M.)
Sexualität und Weiblichkeit. Diskurse und Schlüsselthemen im Kontext der Jugendbewegung
Vanessa HAUTMANN (Marburg)
„Kultiviertes Triebleben“ – Sexualität und Geschlechtlichkeit in der Zeitschrift "Der Anfang"

11.00-12.30 Uhr
Inversion und pädagogischer Eros

Sven REISS (Kiel)
„Renaissance des Eros paidikos“ - erotisch/sexuelle Leitbilder und Alltagspraxen in der Jugendbewegung
Rebecca GUDAT (München)
„Man sagte ihm, daß es nichts, fast nichts mit Sexualität zu tun habe“ - Erich Ebermayer als literarischer Advokat des Pädagogischen Eros

14.00-15.30 Uhr
Körperlichkeit und völkischer Aufbruch

Uwe PUSCHNER (Berlin)
Arbeit am völkischen Körper. Gustav Simons und Richard Ungewitter: Lebensreformer und völkische Ideologieagenten
Felix LINZNER (Marburg)
„Freie Liebe oder Zucht“ – Friedrich Lamberty zwischen jugendbewegter Selbst- und völkischer Aufzucht

16.00-17.30 Uhr
Das Eigene bewahren: Reinheit – Volkstum – Fortschritt der Kultur

John KHAIRI-TARAKI (Marburg)
Gegen Fremdkörper und Fremdherrscher im eigenen Reich -
Körperdenken bei Hans Paasche und Herman Popert
Christina NIEM (Mainz)
Körperkultur, Jugendbewegung und Volkskunde – zum Engagement des Verlegers Eugen Diederichs

17.45-18.30 Uhr
Zur körperlichen Dimension des Antisemitismus

Klaus HÖDL (Graz)
„Verpönte Jüdischkeit“. Die Festschreibung des Jüdischen im Körper.

Sonntag 23. Oktober 2016

9.00-10.30 Uhr
Gynaikokratie: Aktualität eines urgeschichtlichen Konzepts

Meret FEHLMANN (Zürich)
Zwischen nostalgischer Sehnsucht und matriarchalen Gesellschaftsentwürfen - Bachofen-Rezeption in Lebensreform und Jugendbewegung

11.00-12.30 Uhr
Aspekte der Reformpädagogik

Gabriele GUERRA (Rom)
Führung und Befreiung des Körpers. Gustav Wyneken und die Freie Schulgemeinde Wickersdorf 1906 -1920
Meike Sophia BAADER (Hildesheim)
Der kindliche und jugendliche Körper in der Perspektive von (Land)Erziehung, Reformpädagogik und Fürsorgewesen um 1900

12.30-13.00 Uhr
Abschlussdiskussion
Jürgen REULECKE (Essen)
Moderation

Kontakt

Dr. Susanne Rappe-Weber

Archiv der deutschen Jugendbewegung
Burg Ludwigstein 37124 Witzenhausen
05542-501720
05542-501723
archiv@burgludwigstein.de

http://www.archiv-jugendbewegung.de
Redaktion
Veröffentlicht am
28.09.2016
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