(Anti-)Rassismus global

(Anti-)Rassismus global

Veranstalter
Wissenschaftliche Vereinigung für Entwicklungstheorie und Entwicklungspolitik e.V.
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
05.01.2017 -
Deadline
05.01.2017
Von
PERIPHERIE-Redaktionsbüro

(Anti-)Rassismus global (Arbeitstitel)

Call for Papers, PERIPHERIE, Ausgabe 145 (erscheint April 2017)

Der Mitbegründer der panafrikanischen Bewegung, der US-amerikanische Soziologe W.E.B. Du Bois vertrat in der einflussreichen Zeitschrift Foreign Affairs vor über 100 Jahren die These, die gesamte Weltordnung sei konstitutiv von Rassismus geprägt -- in seiner Verwo-benheit mit Kapitalismus, Patriarchat und (neo-)imperialer Herrschaft. Dass Rassismus internationale Beziehungen und internationale politische Ökonomie prägt, wird weiterhin nicht anerkannt. Dieses Schweigen über Rassismus in globalen Zusammenhängen ist vielsagend, denn es maskiert die Zentralität rassistischer Ideen und Strukturen für Fragen von "Entwicklung", Staatlichkeit und Demokratie. Für die westliche Welt grundlegende Ideen von Gesellschaftsverträgen (Hobbes, Locke, Rousseau und Kant) liegen explizit oder implizit eine dichotome, rassialisierte Weltsicht zugrunde, nach der es auf der einen Seite verrechtlichte Beziehungen unter Weißen sowie Institutionen für Weiße gibt und auf der anderen Seite den barbarischen "Rest". Nicht-westliche bzw. anti-koloniale Versuche, Gesellschaften tatsächlich demokratisch und nicht-rassistisch zu begründen, wie beispielsweise nach der haitianischen Revolution oder in Quilombos in Brasilien, sind bis heute in der internationalen Arena nicht zu Referenzpunkten geworden und sind in den politikwissenschaftlichen und geschichtswissenschaftlichen Lehrbüchern einem "silencing" zum Opfer gefallen.

Die Wurzeln des modernen Rassismus reichen zurück bis ins 16. Jahrhundert, in dem das kapitalistische Weltsystem etabliert wurde. Nur durch Gewalt konnten die Bewohner/innen der kolonisierten Gebiete, solange ihre Subsistenz einigermaßen gesichert war, dazu gebracht werden, für den Profit und unter dem Kommando der Kolonialherren in deren Minen und Plantagen zu arbeiten. Ohne diese Arbeit und den Transfer der durch sie geschaffenen Reichtümer in die Metropolen aber wäre die für die Entwicklung des Kapitalismus daselbst notwendige Kapitalakkumulation niemals möglich gewesen. Während die Kolonisierten anfangs vor allem mit Rückgriff auf Religion entmenschlicht wurden, bot auf der Ebene individueller humanitärer Grundrechte der im 18. Jahrhundert aufkeimende "wissenschaftliche Rassismus" eine angemessene Legitimitätsgrundlage, mit der es möglich war, Nicht-Europäer/innen menschlichen Status und entsprechende Grundrechte abzusprechen. Auf Ideen von "Rasse" fußende Diskriminierungen dienten den Herrschenden immer auch dazu, etwaige Solidaritäten und gemeinsame Kämpfe zwischen ausgegrenzten und ausgebeuteten weißen Menschen und versklavten Schwarzen Menschen bzw. People of Color zu verhindern. Was "das Eigene" oder "das Andere" vermeintlich charakterisiert, ist jedoch keine festgelegte Größe, sondern än-dert(e) sich im Laufe der Geschichte. Der Begriff der "Rasse" trat nach dem Zweiten Welt-krieg und der rassistisch legitimierten Ermordung von Millionen von Menschen in Europa in den Diskursen zur Rechtfertigung der Diskriminierung von Fremdgruppen allmählich in den Hintergrund. An seine Stelle trat der Begriff der "Kultur". Die Anderen wurden nun nicht mehr als biologisch, sondern "nur" noch als kulturell andersartig angesehen. Für sie selbst änderte sich dadurch kaum etwas, denn die kulturelle Andersartigkeit wurde als ebenso unabänderlich, ebenso im Generationen überdauernden Wesen der jeweiligen Gruppierung verankert und ebenso bedrohlich und minderwertig verstanden wie einstmals die natürliche.

Auch in einer liberalen und sich gern auf kosmopolitische und scheinbar universale Normen beziehenden Weltordnung ist Rassismus also keineswegs passé, sondern ist weiterhin tief in politische, soziale und ökonomische Strukturen eingeschrieben und wird in Diskursen und Praktiken reproduziert. Konstant bleibt bei aller Flexibilität rassistischer Ein- und Ausschlüsse ein Weltbild, nach dem Weißsein und Westlichsein das Maß aller Dinge bleibt. Historisch wie gegenwärtig ist Rassismus untrennbar mit materiellem Ausschluss und Verteilungskämpfen verknüpft. Dabei sind materielle und kulturelle Ausschlussmechanismen gleichermaßen mit anderen Herrschaftsverhältnissen verschränkt, wobei die Grenzziehungen (bzw. Interdependenzen) zwischen Ethnozentrismus, Xenophobie, Nationalismus und Rassismus zu bestimmen bleiben.

Rassismus bzw. antirassistische Widerstandspraktiken gilt es damit als global auftretende Phänomene zu analysieren: Während Menschen aus südosteuropäischen und osteuropäischen Ländern weiter westlich selbst Rassismus erfahren -- zuweilen auch antiromaistischen, selbst, wenn sie nicht Rromn/ja sind --, ist dieser in ihren Gesellschaften vor allem gegen Sint/eza und Rromn/ja, aber auch gegen Migrant/innen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Sri Lanka, Eritrea und anderen afrikanischen Ländern allgegenwärtig. In China hat Rassismus beispielsweise mit dem Einfluss europäischer "Rassentheorien" zur Zeit der "Aufklärung" Einzug gehalten. Seitdem hat das Denken in "Rassen" (Han-Chines/innen als homogene ethnisierte Gruppe) politischen und intellektuellen Eliten für unterschiedliche politische und ideologische Ziele gedient. Südafrika ist auch nach dem formalen Ende der Apartheid weiter eine entlang rassifizierter Grenzziehungen segregierte Gesellschaft. Allerdings ist Weißsein als globale Position nicht unbedingt an Phänotyp und Hautfarbe gebunden. Schon seit hundert Jahren wurde Japan im Klub der "Zivilisierten" und damit der Kolonisatoren willkommen geheißen, und heute kann das Eintrittsbillett in die Sphäre, die als "modern", "westlich" und kapitalistisch bezeichnet werden kann, durch die Position des Kapitaleigentums gelöst werden. Bevölkerungsgruppen, die sich gegen die kapitalistische Ausbeutung ihres Bodens und ihrer Umwelt in Südafri-ka (und andernorts im Süden) wehren, werden oftmals als unterentwickelt und primitiv abgewertet und ihre Interessen werden ignoriert. In Lateinamerika und Nordamerika hat die Armut und Ausgrenzung von indigenen/Native American und afro-Diasporischen/Schwarzen Bevölkerungen ihre Wurzeln im Kolonialismus: Rassistische Diskriminierung bestimmt maßgeblich, ob jemand in Armut lebt, Bildung erhält, jung stirbt, im Gefängnis landet und polizeilicher Gewalt ausgesetzt ist. Schwarze und indigene Bevölkerungen befinden sich dabei in den Amerikas -- wie auch in anderen Siedlungskolonien wie Australien -- durchgehend am Ende der sozialen Pyramide. Widerstand dagegen ist allgegenwärtig und hat z.B. mit #Black-LivesMatter translokale und -nationale Vernetzung erreicht. Aber auch rassistische Bewegungen vernetzen sich zunehmend, so z.B. rechte Parteien und Gruppierungen in Europa wie AfD oder die Identitären.

Rassismus und antirassistische Praktiken als globale Phänomene bilden damit den Rahmen dieses Calls. Willkommen sind Artikel zu übergreifenden und theoretischen Fragen ebenso wie historische und aktuelle Fallstudien.

Wir freuen uns über Beiträge zu Themen wie:

- Verhältnis und Verschränkung von Rassismus und Kapitalismus; Rassismus als polit-ökonomisches Ordnungsprinzip sowohl in seinen aktuellen Formen, als auch als historisches Prinzip;
- Verschränkung von Ausgrenzungsmechanismen entlang von "Rassen", Klasse und Ge-schlecht;
- Grenzziehungen und Interdependenzen zwischen Ethnozentrismus, Xenophobie, Nationalismus und Rassismus;
- Historische und gegenwärtige Anwendung von "Rassentheorien" bzw. Ideen von "Rasse" weltweit;
- Rassismus, Antiromaismus/Antiziganismus, antimuslimischer Rassismus und Antisemitismus als globale Phänomene;
- Anti-asiatischer Rassismus und "bamboo ceiling"; (Anti-)rassistische Politiken und Kämpfe weltweit; Formen und Praktiken transnationaler Solidarisierung;
- Lokale, nationale und transnationale (anti-)rassistische Bewegungen;
- Rassismus und Migrationspolitiken;
- Kritisches Weißsein als der Weißheit letzter Schluss? Schwierigkeiten einer Solidarität, Möglichkeiten und Grenzen für Allianzen.

Redaktionsschluss für erste Artikelentwürfe ist der
5. Januar 2017.

Angebote, die aus Sicht der Redaktion geeignet sind, werden zur anonymen Begutachtung durch mindestens zwei externe Gutachter/innen weitergeleitet. Manuskripte, Rücksprachen zu möglichen Beiträgen und weitere Fragen bitte an info@zeitschrift-peripherie.de. Weitere Hinweise für Autor/innen sind auf der Webseite http://www.zeitschrift-peripherie.de abzurufen.

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Michael Korbmacher

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