Imaginationen und Praktiken des Rechts. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung

Imaginationen und Praktiken des Rechts. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung

Veranstalter
Dr. Silke Schwandt, Abteilung Geschichte, Universität Bielefeld; Jun.-Prof. Dr. Roland Scheel, Skandinavisches Seminar, Georg-August-Universität Göttingen
Ort
Bielefeld
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.11.2018 - 24.11.2018
Deadline
17.08.2018
Von
Silke Schwandt

---English Version below---

Im Zeitalter der Globalisierung ist das Nebeneinander verschiedener staatlicher und internationaler Rechtsordnungen Normalität geworden. Schon ein oberflächlicher Blick auf vormoderne Rechtsquellen, vor allem auf narrative Repräsentationen von Rechtshandlungen, belegt zudem, dass der heute zu beobachtende Rechtspluralismus als Koexistenz verschiedener Rechtsordnungen und Normensysteme eine lange Geschichte aufweist. Umso deutlicher wird dies aus rechtsanthropologischer Perspektive bzw. aus dem Blickwinkel der dispute studies, lassen doch referentielle Erzähltexte, verschiedene Arten des Verwaltungsschriftguts (Urkunden, Writs, Briefe), aber auch fiktionale Narrationen einen bewussten Umgang mit verschiedenen rechtlichen Strategien im Konflikt und ihre Reflexion bereits im Mittelalter erkennen. Diese Strategien umfassen die Wahl des Gerichts, etwa in Form des Forum Shopping, die Argumentation mit Normen und Gewohnheiten sowie die Ausbildung professioneller Praktiken im Handeln vor Gericht.
In Anlehnung an eine anthropologische Definition von Rechtsquellen lautet die methodische Grundüberlegung, dass Recht ist, was sich im Konfliktfall in rituellen oder habituell wiederholten Handlungsmustern zeigt und daher aus einer Vielzahl an Quellengattungen zu erschließen ist. Diese schließen neben verschiedenen Textgattungen auch Bildmedien ein. Daher werden Vorstellungen und abstrahierende, narrative oder bildliche Repräsentationen von Normensystemen und ihrer Funktion zunächst gleichberechtigt als Fiktionen betrachtet, und zwar insofern, als "das Recht" nicht als eine harte, von außen gegebene Kategorie gedacht wird, sondern als etwas, das stets nur durch soziale Interaktion und Praktiken, oder genauer ihre Perzeption bzw. Imagination, fassbar wird. Hierdurch wird die Thematik nicht allein kulturgeschichtlich, sondern ausdrücklich auch genre- und medienübergreifend geöffnet. Die Historisierung der verschiedenen Normensysteme und ihrer Entstehung wird dabei als Perspektive nicht ausgeschlossen.
Wie bei jeder Tagung des Brackweder Arbeitskreises können die Beiträge chronologisch in der gesamten Vormoderne angesiedelt sein. Die Tagung ist für alle Disziplinen offen; der Arbeitskreis freut sich auf einen fruchtbaren Austausch zwischen Geschichte, Kunstgeschichte, Philologien und Rechtswissenschaft.
Mögliche Themen umfassen zum Beispiel das Verhältnis von Rechtstexten und narrativen Texten, die narrative Modellierung des Rechtsgebrauchs bzw. konkurrierender Rechtsgebräuche, bildliche Repräsentationen von Normensystemen und Rechtshandeln sowie Text-/Bildrelationen in diesem Kontext. Rechtspraktiken und ihre Deutung, konkurrierende Rechtsansprüche und das Aushandeln von sozialem Status vor Gericht können ebenfalls thematisiert werden. Des Weiteren sind Beiträge zur interkulturellen Rechtsprechung, zu Legal Pluralism oder Multinormativität sowie zur Diskussion dieser modernen Konzepte und ihrer Gültigkeit für die Vormoderne denkbar.
Die Tagung richtet sich insbesondere, aber nicht ausschließlich, an Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler; sie ist fachöffentlich und bedarf keiner Einladung. Um rechtzeitige Anmeldung wird jedoch aus organisatorischen Gründen gebeten. Die Vorträge sollen eine Dauer von 30 Minuten haben. Tagungssprachen sind Deutsch und Englisch. Wir bemühen uns um die Übernahme der Reisekosten für die Vortragenden.
Wir bitten alle Interessierten, bis zum 17.08.2018 ein kurzes Exposé (ca. 300 Wörter) sowie einen kurzen Lebenslauf einzusenden (Kontakt: silke.schwandt@uni-bielefeld.de).

English Version:

Imaginations and Practices of Law in Pre-modern Times

In the age of globalization, the coexistence of multiple national and international legal frameworks has become a normality. But it takes only a superficial glance at pre-modern sources to realize that this observation is not solely a modern phenomenon, especially if we take the perspective of legal anthropology on the history of legal and normative orders. Sources like narrative texts, different kinds of administrative documents (such as letters, writs, or diplomas), or even fictional texts reflect a keen consciousness in dealing with questions of legal strategies on the side of historical actors. This encompasses strategies such as the choice of court, like in the concept of forum shopping, the argumentative use of norms and customs, as well as the development of professional practices related to actions at court.
Following the anthropological definition of legal sources, the methodological consideration at the center of the workshop defines law as ritual or habitual and repetitive actions occurring in disputes. Therefore, evidence can be traced in many different sources, text and image. In this sense, any concept as well as any abstract, narrative, or visual representation of normative systems and their functionalities are being interpreted as fictions in the way that “the law” or “legal action” in general is not conceived as a given category but as something that is constructed through social interaction and practices, through perception and imagination. This opens the theme of the workshop up for questions of genre and media as well as of cultural history. The historicization of norm systems and their emergence is part of the analytical perspective.
As with every workshop of the Brackweder Arbeitskreis, contributions may come from any period from the Early Middle Ages to Early Modern Times. The workshop is open to all disciplines and aims at an exchange between history, art history, philologies, and legal science.
Possible topics encompass the relationship of legal documents and narrative texts, the narrative modelling of legal practices and competing legal customs, visual representations of norm systems and legal action. Further research topics could be legal practices and their interpretation, competing legal claims as well as the negotiation of social status at court. A further area of interest for possible contributions is the applicability of research concepts such as legal pluralism, multinormativity, or forum shopping to pre-modern sources and societies.
The call for papers addresses primarily but not exclusively junior researchers. It is open to any expert audience and visitors do not need an invitation. We do ask, however, for timely registration due to organizational reasons. Presentations should be about 30 minutes. Conference languages are German and English. We try to provide travel reimbursements for contributors.
Please send a short abstract of about 300 words together with a short CV by August, 17th 2018 to silke.schwandt@uni-bielefeld.de.

Programm

Kontakt

Dr. Silke Schwandt
Universität Bielefeld
Abteilung Geschichte
Universitätsstraße 25
33615 Bielefeld
silke.schwandt@uni-bielefeld.de

https://brackwederarbeitskreis.wordpress.com/
Redaktion
Veröffentlicht am
26.06.2018
Beiträger
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