Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung

Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung

Veranstalter
Peripherie: Politik - Ökonomie - Kultur
Ort
Münster
Land
Deutschland
Vom - Bis
03.09.2018 - 03.09.2018
Deadline
03.09.2018
Von
Korbmacher, Michael

Erinnerung, Abgrenzung und Gemeinschaftsbildung

Call for Papers

Kollektives Erinnern an einschneidende Ereignisse ist für den Prozess der Herausbildung von Nationen ebenso wie anderer Gemeinschaftskonstrukte konstitutiv. Gleichzeitig sorgt die Frage danach, an wen und an was wie erinnert werden darf, aber auch, wer und was andererseits aus dem Kanon ausgeschlossen wird, für neues Konfliktpotential. Erinnern dient stets der Gemeinschaftsbildung und aktiviert Grenzziehungen. Wie jede Grenzziehung trennt sie diejenigen, die dazu gehören von denjenigen, die draußen bleiben sollen. Gerade so wird gemeinsame Erinnerung daher wesentlich eingesetzt, um die Super-Gemeinschaft, den Nationalstaat, nicht zuletzt mit affektiven Bezügen zu unterfüttern. Es geht hier daher um einen zentralen Aspekt des oft als identitätsbildend verstandenen Geschichtsnarrativs, dem mit der Konstitution und Reproduktion der Abgrenzung eine eigenständige Bedeutung zukommt.

Üblicherweise werden Felder des Erinnerns von politischen Akteurinnen bespielt, die ihre Macht absichern wollen. Umgekehrt machen aber auch solche, die bestehende hegemoniale Formationen bestreiten, Erinnerungsinhalte geltend. Neben verdrängten oder subalternen Erinnerungen benutzen solche Protagonistinnen häufig Versionen, die mit den offiziellen im Widerspruch stehen. Akteur*innen in unterschiedlichen Positionen nutzen Erinnerungspolitiken also mit ganz verschiedenen Zielsetzungen, um die von ihnen beanspruchte Version der Geschichte zu legitimieren, indem sie Teile der Bevölkerung mithilfe des Appells an geteilte Erfahrungen an sich binden und so auch dazu beitragen, Gemeinschafen nicht nur zu bestätigen, sondern auch neu abzugrenzen. In gewisser Weise haftet kollektivem Erinnern daher immer eine instrumentelle Dimension an, da es stets in machtpolitische Prozesse verwickelt ist. Dass damit zugleich Grenzziehungen aktiviert und oft politisiert, häufig auch neu geschaffen werden, ist unausweichlich: Da Erinnerungspolitiken stets den Anspruch erheben, die durch sie hochgehaltene Version der Geschichte sei die einzig richtige, werden alternative Interpretationen systematisch ausgeschlossen und für ungültig erklärt.

Auch wenn "Erinnern" grundsätzlich selektiv stattfindet und immer wieder in Frage gestellt und umkämpft wird, erweisen sich manche Erinnerungen doch als außerordentlich langlebig. Nicht selten gelingt es politischen Akteur*innen, selbst jahrhundertalte Narrative und Geltungsansprüche für ihre politischen Ziele nutzbar zu machen und auch neu zu beleben. Geschichte wird fortwährend "neu geschrieben", etwa um die Vorherrschaft einer in ethnischen oder religiösen Kategorien beschriebenen Gruppe historisch zu begründen. Hiermit sei auch auf die zeitliche Dimension des Erinnerns verwiesen. Zwar findet sich das, woran erinnert werden soll, stets in der Vergangenheit. Trotzdem ist dessen politischer, häufig bewusst politisierter Gehalt da, wo es um politisierte Identitätsfragen geht, stets höchst relevant für die Gegenwart, aber insbesondere für die Zukunft: Erinnerungskonstrukte dienen der Konzeption von Vorstellungen darüber, wie eine Gesellschaft in Zukunft aussehen soll oder könnte, oder sollen, quasi als abschreckendes Beispiel, eine Wiederholung "der Geschichte" verhindern.

Während staatlich verordnete Erinnerungspolitiken der Konstruktion oder Aufrechterhaltung von Vorstellungen der Nation als mehr oder weniger homogene, auf jeden Fall zusammengehörige soziale Formation dienen, entwerfen separatistische Bewegungen, aktivistische Gruppierungen oder auch Minderheiten häufig Gegennarrative, die ihre spezifische Erfahrung und historische Rolle betonen. Erinnerungspolitiken aus gegenhegemonialen Positionen heraus können für Strategien im Kampf um Anerkennung eine zentrale Rolle spielen, aber auch um die Legitimierung und Durchsetzung von konkreten Forderungen, etwa nach historisch begründeten Landrechten. Gerade in postkolonialen Kontexten werden Erinnerungspolitiken aber auch zu einer wichtigen Ressource für Bevölkerungsgruppen, deren soziale und politische Teilhabe seit der Dekolonisierung auf dem Prüfstand steht oder gar ernsthaft gefährdet ist.

Zumal in diesen Kontexten sind wesentliche Unterschiede in den Formen zu beobachten, in denen Erinnerungsinhalte tradiert und dargestellt werden. Das "colonial archive" ist geradezu sprichwörtlich verzerrt und an schriftliche Überlieferung gebunden, während konkurrierende und subalterne Narrative eher auf oral vermittelten Traditionen, aber auch auf Performanz von Erinnerungsinhalten aufbauen. Wenigstens teilweise bilden sich diese durch Macht- und Kompetenzgefälle sowie regelmäßig durch Herrschaftsverhältnisse begründeten Unterschiede auch in der Privilegierung kanonischer Texte, d.h. von Schriftlichkeit, in der aktuellen Debatte über das kulturelle Gedächtnis ab. Auch die öffentliche Darstellung von Erinnerungsinhalten durch staatliche oder nichtstaatliche Instanzen bringt diese Unterschiede zum Ausdruck, die zugleich ihre Reichweite und mögliche Resonanz mitbestimmen können.

Für den geplanten Themenschwerpunkt sind uns Beiträge vor allem zu folgenden Themen willkommen:

Inwiefern nutzen spezifische Akteur*innen Narrative, die Grenzziehungen zu forcieren?

Wie reagieren Ausgeschlossene auf solche erinnerungsgestützten Grenzziehungen?

Wie verhalten sich in konkreten Fällen nationale und subnationale Narrative zueinander?

Auf welche Weise werden ethnische, religiöse, geschlechtliche Grenzen aktiviert, bestätigt oder transformiert?

Inwiefern entstehen neue Konfliktlinien jenseits der "klassischen" Kategorien bspw. ethnischer oder religiöser Zugehörigkeit?

Welche Ressourcen werden mobilisiert, um Grenzziehungen erinnerungspolitisch zu begründen und zu bestreiten?

Redaktionsschluss für Artikel ist der

3. September 2018.

Angebote, die aus Sicht der Redaktion geeignet sind, werden zur anonymen Begutachtung an zwei externe Gutachterinnen weitergeleitet. Manuskripte, Rücksprachen zu möglichen Beiträgen und weitere Fragen bitte an info@zeitschrift-peripherie.de. Weitere Hinweise für Autorinnen sind auf der Webseite http://www.zeitschrift-peripherie.de abzurufen.

Programm

Kontakt

Michael Korbmacher

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Redaktion
Veröffentlicht am
04.05.2018
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