Vertreibung durch Entwicklungsprojekte

Vertreibung durch Entwicklungsprojekte

Veranstalter
PERIPHERIE. Politik - Ökonomie - Kultur
Ort
Münster (Westf.)
Land
Deutschland
Vom - Bis
20.12.2018 -
Deadline
20.12.2018
Von
Korbmacher, Michael

[ENGLISH VERSION BELOW]

Vertreibung durch Entwicklungsprojekte (Arbeitstitel)

Call for Papers, PERIPHERIE, Ausgabe 154/155 (erscheint August 2019)

Der Weg zur Hölle ist gepflastert mit guten Vorsätzen: Laut Recherchen des International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ) sind allein durch Entwicklungsprojekte der Weltbank zwischen 2004 und 2013 etwa 3,4 Millionen Menschen weltweit umgesiedelt worden (https://reportage.wdr.de/weltbank#8873, letzter Aufruf 9.3.2018). Unfreiwillige Umsiedlung geht in der Regel mit dem Verlust der Lebensgrundlage einher. Zwar sollen Entwicklungsprojekte die Lebensbedingungen der Betroffenen verbessern, aber gerade durch Infrastrukturprojekte verlieren viele ihre Erwerbsmöglichkeit, ihr Land, ihr Zuhause oder den Zugang zu Nahrung. Schätzungen einer Weltbankstudie zufolge werden sogar jedes Jahr etwa zehn Millionen Menschen weltweit durch Entwicklungsprojekte vertrieben -- der Großteil durch auf nationaler Ebene initiierte und finanzierte Projekte. Das heißt, hochgerechnet auf die letzten Jahrzehnte steht zu befürchten, dass die Zahl an Vertriebenen ungefähr zehnmal so groß ist wie die offiziellen 65 Millionen, von denen das UNHCR spricht.

Auch ohne Finanzierung durch die Weltbank und andere Geber haben staatliche Projekte und Programme also massive Eingriffe in die Lebensverhältnisse bestimmter Bevölkerungsgruppen vorgenommen. Ausgestattet mit dem Anspruch, als Souverän die Interessen seiner Bevölkerung zu vertreten, dem "Willen zur Verbesserung" und der "Treuhandschaft", heiligte auch für postkoloniale Staaten der Zweck oftmals die Mittel. Nicht nur dem Post-Development nahestehende Autor/innen wie Ashis Nandy, sondern sogar Liberale wie William Easterly sprechen daher davon, dass im Namen von Fortschritt und "Entwicklung" die Rechte der "weniger Entwickelten" wieder und wieder missachtet wurden -- nicht nur von den EZ-Organisationen des Nordens, sondern auch von den Regierungen der Länder selbst, oftmals Hand in Hand mit und zugunsten von privatwirtschaftlichen Akteuren.

Die Liste der Beispiele ist lang, einige stechen jedoch in der Geschichte der Entwicklungspolitik hervor: der Narmada-Staudamm in Indien, der Straßenbau durch den Regenwald im Amazonas im Rahmen des Polonoroeste-Projekts in Brasilien, das Transmigrationsprogramm in Indonesien oder der Drei-Schluchten-Staudamm in China. Ein regelmäßig wiederkehrendes Muster ist es, dass marginalisierte Bevölkerungsschichten und insbesondere Indigene überproportional von Vertreibungen betroffen sind.

Dementsprechend ist es kaum verwunderlich, dass sich Betroffene immer wieder zu Protestbewegungen zusammenschließen und Widerstand gegen diese Projekte leisten. Die Proteste haben bei der Weltbank nicht nur zur Einführung von Sozialstandards bei unfreiwilliger Umsiedlung, die u.a. Entschädigung auch dann vorsehen, wenn kein formeller Landbesitz nachgewiesen werden kann, sondern im Fall des Narmada-Staudamms auch zur Einrichtung eines Rechenschaftsmechanismus in Form des Inspection Panels geführt, bei dem Betroffene die Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards einfordern können. Auch andere Entwicklungsorganisationen haben seitdem vergleichbare Mechanismen eingeführt.

Die negativen Konsequenzen mancher Entwicklungsprojekte sind also bekannt. Wir möchten in diesem Heft einerseits nach den Ursachen, andererseits nach den Handlungsmöglichkeiten fragen, also unter welchen Bedingungen Widerstand erfolgreich und Rechenschaftsmechanismen wirksam sein können. Daher bitten wir um Beiträge zu folgenden Themen:

- Fallstudien zu Vertreibung durch Entwicklungsprojekte: Ursachen und Auswirkungen;
- Staaten, Unternehmen und Entwicklungsorganisationen als Akteure von Vertreibung: Kooperationen und Konflikte;
- Zur Rechtfertigung von Vertreibung im Entwicklungsdiskurs;
- Widerstand gegen Entwicklungsprojekte;
- Umsiedlungsstandards in der Weltbank;
- Rechenschaftsmechanismen in Entwicklungsorganisationen als Mittel gegen Vertreibung.

Redaktionsschluss ist der 20. Dezember 2018.

Manuskripte, Rücksprachen zu möglichen Beiträgen und weitere Fragen richten Sie bitte an info@zeitschrift-peripherie.de. Weitere Hinweise für Autor/innen sind auf der Webseite http://www.zeitschrift-peripherie.de abzurufen.

----------------------------------------------

Development induced displacement

Call for Papers, PERIPHERIE, Issue 154/155 (August 2019)

The Road to Hell is paved with good intentions: according to research by the International Consortium of Investigative Journalists (ICIJ), World Bank development projects alone have displaced some 3.4 million people worldwide between 2004 and 2013 (https://reportage.wdr.de/weltbank#8873, 09/03/2018). Involuntary resettlement is usually accompanied by loss of livelihood. Although development projects are intended to improve the living conditions of affected persons, many of them are losing their income opportunities, their land, their home or access to food due to infrastructure projects. According to World Bank estimates, even around 10 million people worldwide are displaced by development projects every year, most of them through projects initiated and funded on the national level. Extrapolating to the last decades, there is reason to fear that the number of displaced people is about ten times higher than the official 65 million assumed by the UNHCR.

Even without funding from the World Bank and other donors, government projects and programs have thus launched massive interventions in the living conditions of certain groups. For postcolonial states, provided with the claim to be the sovereign representative of the interests of its population, with "the will to the improve" and the "trusteeship", the end often justified the means. Not just post-development writers such as Ashis Nandy, but even liberals like William Easterly, thus argue that in the name of progress and "development", the rights of the "less-developed" have been disregarded time and again – not just by development agencies of the North, but also by the governments of the countries themselves, often hand in hand with and in favor of private sector actors.

The list of examples is long, but some stand out in the history of development policy: the Narmada Dam in India, the road construction through the Amazon rainforest as part of the Polonoroeste project in Brazil, the transmigration programme in Indonesia or the Three Gorges Dam in China. A recurring pattern is that marginalized populations and especially indigenous people are disproportionately affected by displacement.

Accordingly, it is hardly surprising that those affected repeatedly join forces in protest movements and resist these projects. The protests have led the World Bank not only to introduce social standards for involuntary resettlement, which include compensation even if no formal land ownership can be proven. In the case of the Narmada dam, they even led to the establishment of an accountability mechanism in the form of the World Bank Inspection Panel, which allows affected persons to demand compliance with environmental and social standards. Other development organizations have since introduced similar mechanisms.

The negative consequences of some development projects are well known. In this issue, we want to ask for the causes on the one hand, and for the options for action on the other, i.e. under what conditions can resistance be successful and accountability mechanisms be effective? Therefore, we invite contributions on the following topics:

- Case studies on displacement through development projects: causes and effects
- States, companies and development organizations as actors of displacement: cooperation and conflict
- On justification of displacement in the development discourse
- Resistance to development projects
- Resettlement standards in the World Bank
- Accountability mechanisms in development organizations as a remedy for displacement

Deadline: 20 December 2018

Please send your contributions and further questions to info@zeitschrift-peripherie.de. Notes for authors are available at http://www.zeitschrift-peripherie.de.

Programm

Kontakt

PERIPHERIE
c/o Michael Korbmacher
Stephanweg 24
48155 Münster
info@zeitschrift-peripherie.de

http://www.zeitschrift-peripherie.de/