The Knowledge of Intelligence. Data Processing and Information Transfer in Secret Services, 1945–1990

The Knowledge of Intelligence. Data Processing and Information Transfer in Secret Services, 1945–1990

Veranstalter
Rüdiger Bergien, ZZF Potsdam; Debora Gerstenberger, FU Berlin, Lateinamerika-Institut; Christopher Kirchberg, Ruhr-Universität Bochum, Lehrstuhl für Zeitgeschichte
Ort
Potsdam
Land
Deutschland
Vom - Bis
28.06.2019 - 29.06.2019
Deadline
15.03.2019
Von
Christopher Kirchberg

Geheime Nachrichtendienste erfuhren im 20. Jahrhunderts eine Entwicklung, die sich unter den Begriff „from espionage to intelligence“ – von der Spionage zur Wissensproduktion – fassen lässt. Bis zum Ersten Weltkrieg waren sie, in der Tradition des 18. und 19. Jahrhunderts und dem Aufkommen des modernen Nationalstaats, vor allem auf die Beschaffung militärischer und diplomatischer Geheimnisse eines (potentiellen) Gegners ausgerichtet. Doch im Zeitalter der Weltkriege und im Verlauf des Kalten Kriegs entwickelten sie sich zu „gigantischen Maschinen der Speicherung und Produktion von Wissen“. Bedeutung und Umfang der Auswertungsbereiche nahm im Vergleich zur Beschaffung überproportional zu, die Speicherung der eingehenden Informationen geriet von einer nachrangigen Aufgabe in den Mittelpunkt der Organisationsentwicklung. Zudem „wuchsen“ die Dienste aus ihren ursprünglichen militärischen Kontexten heraus und in die staatlichen Institutionenordnungen hinein; für die Felder der inneren und äußeren Sicherheit übernahmen sie die Rolle allgemeiner Informationsdienstleister. Gleichzeitig näherten sie sich durch die Rekrutierung von Forschern, die Technisierung der „intelligence collection“, die zunehmend Expertenwissen erforderlich machte, und durch die Vernetzung mit „Think Tanks“ der Wissenschaft an.
Aus einer zeithistorischen Perspektive korrespondiert das Deutungsmuster einer zunehmenden Wissen(schaft)sorientierung geheimer Nachrichtendienste auf den ersten Blick mit dem säkularen Trend einer Verwissenschaftlichung des Sozialen und des Politischen. Doch inwieweit die Dienste an dieser Verwissenschaftlichung teilhatten und wie sich ihre Praktiken der Informationsverarbeitung änderten, ist bisher nicht systematisch erforscht worden. Welche Folgen die vermehrte Einstellung von Natur- und Sozialwissenschaftlern für die Dienste hatte, ist bisher ebenso wenig untersucht wie die Konsequenzen der Einführung neuer Technologien der Informationsverarbeitung. Offen – und umstritten – ist auch, in welchem Maße Geheimdienste in Diktaturen gleichfalls an einer Verwissenschaftlichung teilhatten. Stand der Professionalisierung der kommunistischen Geheimdienste der Umstand entgegen, dass sie den jeweiligen Staatsparteien und deren doktrinären Offizialdiskursen untergeordnet waren? Oder kam es auch in ihrem Fall zur Ausbildung von internen Expertenkulturen und somit u.U. zu einer Differenzierung ihres „Wissens“?

Diese Fragen aufgreifend nähert sich der Workshop Nachrichtendiensten als Orten der Wissensproduktion aus einer vergleichenden Perspektive an. Den zeitlichen Rahmen bilden die Jahrzehnte zwischen 1945 und 1990, also jene Phase, in der der Systemkonflikt in Ost und West zu einer massiven Expansion der Nachrichtendienste führte und zumindest im Westen „Information“ zunehmend als zentraler „Treibstoff“ der ökonomischen und gesellschaftlichen Entwicklung wahrgenommen wurde. Auf einer methodischen Ebene zielt der Workshop darauf ab, auszuloten, welchen Mehrwert die Anwendung wissenschafts- und wissensgeschichtlicher Perspektiven für die Erforschung von Nachrichtendiensten haben kann. Umgekehrt soll ausgelotet werden, inwieweit Perspektiven auf die Dienste als Wissensproduzenten neue Perspektiven auf die Frage nach dem Wandel des „Wissens des Staates“ eröffnen können. Entsprechend werden folgende Themenfelder in den Blick genommen:

1. Das erste Themenfeld hat die Vernetzungen zwischen geheimen Nachrichtendiensten und Wissenschaft und Forschung zum Gegenstand. Hier geht es darum, unterschiedliche Formen des Austauschs zwischen Wissenschaft, Forschung und „intelligence“ zu beschreiben, die von der Anwerbung von Forschern über die Initiierung von Forschungsthemen bis hin zu Subventionen für Projekte reichen konnte. Gefragt werden soll ferner, unter welchen Rahmenbedingungen derartige Kanäle geschaffen und ausgebaut wurden.

2. Starken Einfluss auf die Wissensproduktion dürfte die Akademisierung der Mitarbeiter der Nachrichtendienste gehabt haben. Hier ist zunächst zu klären, unter welchen Rahmenbedingungen akademische Qualifikationen und Expertenwissen einen höheren Stellenwert gewannen. Ging die Diversifizierung von Karriere- und biographischen Profilen mit einem Bedeutungsverlust traditionaler Mitgliedschaftsanforderungen (männlich-militärischer Habitus, Zugehörigkeit zu den „besseren Kreisen“ etc.) einher? Welche Folgen hatte z.B. die Erosion des Juristenmonopols im westdeutschen Verfassungsschutz der 1970er Jahre, welche die Rekrutierung von EDV-Fachkräften in der DDR-Staatssicherheit? Welchen Einfluss hatten diensteigene Schulen und Hochschulen auf die jeweilige Organisationskultur?

3. Weiterhin wird der Wandel der Wissensproduktion im Zusammenspiel mit Technisierung zu beleuchten sein. Inwiefern änderte sich die interne Informationsverarbeitung und -Weiterleitung durch die Einführung von Karteisystemen, Lochkartenmaschinen und schließlich die elektronische Datenverarbeitung, wie durch Fernschreiber und Datennetze?

4. Zuletzt sollen Wissenstransfer und Wissenszirkulation in den Blick genommen werden. Zum Gegenstand werden hier zum Beispiel Berichte über Bevölkerungsstimmungen von Inlands-, „order of battle intelligence“-Berichte von Auslandsnachrichtendiensten oder auch das „nuclear thread assessment“ des Kalten Kriegs. Lässt sich hier seitens der „Bedarfsträger“ – der Adressaten des Berichtswesens – ein Wandel der Erwartungen in Bezug auf die Qualität der „finished intelligence“ feststellen? Unter welchen Bedingungen wurden Informationen zwischen Diensten ausgetauscht; ab wann lässt sich ein Wandel vom „need to know“ zum „need to share“ ausmachen?

Übergreifendes Ziel des Workshops ist es, die geheimen Nachrichtendienste in jene historiographischen Ansätze einzubetten, die auf eine Historisierung der „Informations“- oder „Wissensgesellschaften“ zielen. Damit richtet sich der Workshop explizit an Historiker/innen, die sich in ihren Forschungen in wissen(schaft)sgeschichtlicher Perspektive mit Nachrichtendiensten befassen. Interessenten richten ihre Themenvorschläge in Form eines kurzen Exposés (max. 750 Wörter) bitte bis zum 15.03.2019 an bergien@zzf-potsdam.de und christopher.kirchberg@rub.de!

Programm

Kontakt

Rüdiger Bergien
Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
Am Neuen Markt 1
14467 Potsdam
bergien@zzf-pdm.de

Christopher Kirchberg
Ruhr-Universität Bochum
Historisches Institut
Universitätsstraße 150
44780 Bochum
christopher.kirchberg@rub.de


Redaktion
Veröffentlicht am
30.01.2019