Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Herrschaftsnorm und Herrschaftspraxis im Kurfürstentum Köln im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit

Veranstalter
PD Dr. Alheydis Plassmann / Prof. Dr. Michael Rohrschneider / Prof. Dr. Andrea Stieldorf, Institut für Geschichtswissenschaft, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Ort
Bonn
Land
Deutschland
Vom - Bis
23.09.2019 - 24.09.2019
Deadline
06.09.2019
Von
Rohrschneider, Michael

Die Erzbischöfe bzw. Kurfürsten von Köln zählten infolge der Bestimmungen der Goldenen Bulle von 1356 als Königswähler zu den verfassungsrechtlich hervorgehobenen Ständen des Heiligen Römischen Reiches. Sie herrschten über ein Territorium, das sich in signifikanter Weise aus mehreren, heterogenen Bestandteilen zusammensetzte (Rheinisches Erzstift, Herzogtum Westfalen und Vest Recklinghausen), und regierten darüber hinaus in Personalunion oftmals auch als Fürstbischöfe in weiteren geistlichen Reichsterritorien. Daraus ergaben sich multiple Rollen, Interessen und Konfliktfelder, die sich häufig nicht nur auf die inneren Verhältnisse ihres Kurfürstentums erstreckten, sondern zugleich vielfache Wechselwirkungen mit der Ebene der Reichspolitik aufwiesen und zudem wichtigen Einfluss auf die Gestaltung der kurkölnischen Außenbeziehungen hatten.
Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der Tagung, das spannungsreiche Verhältnis von Herrschaftsnorm und -praxis im Kurfürstentum Köln auszuloten. Zu fragen ist demnach zum einen nach den normativen Bestimmungsfaktoren des Prozesses, der in der neueren Forschung als Herrschaftsverdichtung oder -intensivierung bezeichnet wird, zum zweiten auf praxeologischer Ebene nach der vor Ort umgesetzten Herrschaftsordnung und zum Dritten nach den reziproken Wechselbeziehungen zwischen normativen Bestimmungen und angewandten Praktiken, wobei auch und gerade transterritorial-überregionale Vernetzungen, Transferprozesse und Impulse mit einbezogen werden sollen.
Die diesbezügliche Forschungslage ist ausgesprochen defizitär: Nachdem lange der wohl zu statisch gesehene Territorialstaat im Mittelpunkt stand, haben sich Forschungsfragen unter dem Einfluss neuer Paradigmen deutlich gewandelt. Wer sich heute mit „Herrschaft“ im vormodernen Kurfürstentum Köln beschäftigt, stößt oftmals auf große Forschungslücken oder allenfalls Arbeiten, die den Fragestellungen und Erkenntnisinteressen der jüngeren Forschung nicht mehr gerecht werden.
In Abgrenzung zur älteren Historiographie soll „Herrschaft“ nicht mehr als ausschließlicher „top down“-Prozess verstanden werden, wie es zum Beispiel die „Absolutismus“-Forschung lange Zeit praktiziert hat, sondern vielmehr als dynamischer Aushandlungsprozess, als dessen allgemeiner definitorischer Kern das konkrete Einwirken auf das Handeln anderer gelten kann. Diese Arbeitsdefinition von „Herrschaft“ erfolgt in bewusster Anlehnung an den Bonner Sonderforschungsbereich 1167 „Macht und Herrschaft. Vormoderne Konfigurationen in transkultureller Perspektive“, dessen programmatische Ausrichtung zahlreiche Anknüpfungspunkte bereitstellt und Synergieeffekte erwarten lässt. Hierzu zählen zum Beispiel die grundsätzlichen Fragestellungen, die im Rahmen des SFB anhand von vier Spannungsfeldern „Konflikt und Konsens“, „Personalität und Transpersonalität“, „Zentrum und Peripherie“ sowie „Kritik und Idealisierung“ untersucht werden und die wichtige methodische und inhaltliche Orientierungsmarken für die Tagung bereitstellen. Hierbei soll explizit epochenübergreifend vorgegangen werden, indem sowohl die Verhältnisse im Hoch- und Spätmittelalter als auch in der Frühen Neuzeit in den Blick genommen werden.
Kooperationspartner sind der Verein für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande, das Centre d'Études Internationales sur la Romanité der Universität La Rochelle, der SFB 1167 "Macht und Herrschaft" sowie "Histrhen. Rheinische Geschichte wissenschaftlich bloggen".

Programm

Montag, 23. September 2019

9.30 Uhr Begrüßung und Einführung
Alheydis Plassmann / Michael Rohrschneider / Andrea Stieldorf (Bonn)

Sektion I: Akteure und personelle Praktiken
Sektionsleitung: Tobias Weller (Bonn)

10.00-10.45 Uhr Fabian Schmitt (Bonn)
Die Ministerialen im Herrschaftskonzept des Kölner Erzbischofs Engelbert von Berg

10.45-11.15 Uhr Kaffeepause

11.15-12.00 Uhr Philipp Gatzen (Bonn)
Die Statthalter Kurfürst Clemens Augusts im Erzstift Köln

12.00-12.45 Uhr Michael Rohrschneider (Bonn)
Die Herrschaftspraxis während der Regierungszeit Kurfürst Clemens Augusts im Spiegel der Arbeiten Max Braubachs

12.45-14.15 Uhr Mittagspause

Sektion II: Herrschaft und Außenbeziehungen
Sektionsleitung: Michael Kaiser (Köln / Bonn)

14.15-15.00 Uhr Alheydis Plassmann (Bonn)
Die Kölner Erzbischöfe und das Reich – Nutzen und Schaden des Engagements im Reich

15.00-15.45 Uhr Manfred Groten (Bonn)
Herrschaft auf den Punkt gebracht – Wo verhandelte man im Spätmittelalter mit dem Kölner Erzbischof?

15.45-16.15 Uhr Kaffeepause

16.15-17.00 Uhr Philippe Sturmel (La Rochelle)
Die Beziehungen zwischen dem Kurfürstentum Köln und dem französischen Hof im 18. Jahrhundert: Die Frage des „pouvoir“

17.30-18.30 Uhr Jahreshauptversammlung des Vereins für geschichtliche Landeskunde der Rheinlande

19.00 Uhr Abendvortrag
Claudia Garnier (Vechta)
Von Freundschaften und Fehden. Herrschaft und Konflikt im spätmittelalterlichen Kurfürstentum Köln

Empfang im Senatssaal

Dienstag, 24. September 2019

Sektion III: Rheinische Landesgeschichte in Bericht und Kritik
Sektionsleitung: Alheydis Plassmann (Bonn)

9.00-10.00 Uhr
Oliver Müller (Bonn)
Die Rekonstruktion einer rheinischen Kulturlandschaft: Einblicke in das DFG-Projekt „Partizipative Entwicklung ländlicher Regionen“

Ansgar Klein (Bonn)
NS-Medizinverbrechen im Rhein-Sieg-Kreis

Lisa Glaremin (Bonn)
Projektvorstellungen „Dialektatlas Mittleres Westdeutschland“ (DMW)

10.00-10.30 Uhr Kaffeepause

Sektion IV: Zur Rollenpluralität der Erzbischöfe und Kurfürsten von Köln
Sektionsleitung: Dorothée Goetze (Bonn)

10.30-11.15 Uhr Andrea Stieldorf (Bonn)
Mitra, Thron und Krummstab. Siegel und Münzen als Quellen für Herrschaftsvorstellungen der Kölner Erzbischöfe des Hoch- und Spätmittelalters

11.15-12.00 Uhr Nina Gallion (Kiel)
Reine Formsache? Der Kölner Erzbischof als Metropolit im 13. und 14. Jahrhundert

12.00-13.15 Uhr Mittagspause

13.15-14.00 Uhr Frederieke Maria Schnack (Kiel)
Dynastiepolitik im Zeichen der Erzbischofswürde. Das Streben der Grafen von Moers nach Kölner Suffraganbistümern im 15. Jahrhundert

14.00-14.45 Uhr Thomas P. Becker (Bonn)
Gesellschaftsordnung contra Kirchenreform. Der Heimerzheimer Kirchstuhlstreit als Beispiel für die Vermischung von geistlicher und weltlicher Macht im Kurfürstentum Köln

14.45-15.15 Uhr Kaffeepause

15.15-16.30 Uhr Podiumsdiskussion
Handbuch des Kurfürstentums Köln: Potenziale und Probleme
Moderation: Michael Rohrschneider (Bonn)

Claudia Garnier (Vechta), Stefan Gorißen (Bielefeld), Georg Mölich (Bonn), Michael Kaiser (Köln/Bonn), Stephan Laux (Trier), Joachim Oepen (Köln), Andrea Stieldorf (Bonn)

16.30 Uhr Ende der Tagung

Kontakt

Michael Rohrschneider

Universität Bonn, Institut für Geschichtswissenschaft
Am Hofgarten 22, 53113 Bonn

mrohrsch@uni-bonn.de