Internierungslager: Geschichte und Gegenwart der (erzwungenen) Unterbringung und „Verwahrung“ von Geflüchteten/ Internment Camps: The (Enforced) Placement and “Custody” of Refugees in the Past and the Present

Internierungslager: Geschichte und Gegenwart der (erzwungenen) Unterbringung und „Verwahrung“ von Geflüchteten/ Internment Camps: The (Enforced) Placement and “Custody” of Refugees in the Past and the Present

Veranstalter
Jahrestagung/ Annual Conference der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien) und dem Forschungsschwerpunkt „Migration, Citizenship and Belonging“ (Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Wien)
Ort
Wien
Land
Austria
Vom - Bis
03.12.2020 - 04.12.2020
Deadline
29.02.2020
Von
Kerstin von Lingen, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

(For English, please see below)

Internierungslager: Geschichte und Gegenwart der (erzwungenen) Unterbringung und „Verwahrung“ von Geflüchteten
Jahrestagung der Österreichischen Gesellschaft für Exilforschung (öge) in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte (Universität Wien) und dem Forschungsschwerpunkt „Migration, Citizenship and Belonging“ (Fakultät für Sozialwissenschaften, Universität Wien)
3.-4. Dezember 2020, Wien
Die – vielfach zwangsweise – Unterbringung und Anhaltung von Geflüchteten und Schutzsuchenden in (Sammel-)Lagern stellt nicht erst heute eine Praxis von Staaten zur Regulation und Kontrolle der Bewegung von Menschen über Grenzen hinweg dar. So etwa wurden während des Ersten Weltkriegs zehntausende ZivilistInnen als „feindliche Ausländer“ in Internierungslagern festgehalten. Während des Zweiten Weltkriegs (und auch schon davor) waren jüdische Flüchtlinge und andere Verfolgte des NS-Regimes in zahlreichen europäischen und außereuropäischen Transit- und Zufluchtsstaaten von derartigen Maßnahmen betroffen.
Nach Kriegsende 1945 entstand ein weitverzweigtes Netz an Lagern für Displaced Persons, zu denen unter anderem jüdische Überlebende der Shoah zählten. Auch in den verschiedenen anderen weltweiten Nachkriegskontexten von Flucht und Exil erwiesen sich Lager, unterschiedlich in Form und Typologie, als zentrales Instrument einer Limitierung der Bewegungsfreiheit und der Kontrolle von Flüchtenden.
Unter wiederum anderen Vorzeichen wird heute die Geschichte der Internierung von Geflüchteten und Schutzsuchenden weitergeschrieben: Inner- wie außerhalb Europas werden Modelle, die die Internierung von Geflüchteten vorsehen, diskutiert, erprobt und auch großflächig umgesetzt. Die aktuellen Praktiken der Immobilisierung und „Ein-Lagerung“ (Michel Agier) von Geflüchteten reflektieren eine allgemeine Entwicklung in den Bereichen Asyl und Migration: Staaten und Regierungen sehen in den Schutzsuchenden primär eine potentielle Gefahrenquelle, dementsprechend repressiv ist auch die Politik: Abschiebehaft und zwangsweise Rückführung sind heute weltweit zu häufig angewandten Maßnahmen der Migrations- und Asylregime geworden. Sie stehen vielfach im Widerspruch zu fundamentalen Menschenrechten und in einem – immer deutlicheren – Spannungsverhältnis zur Agenda von Nichtregierungsorganisationen, die sich um die Versorgung und Betreuung Geflüchteter kümmern.
Die Österreichische Gesellschaft für Exilforschung (öge) wird sich in ihrer Jahrestagung 2020 eingehend mit der Geschichte und Gegenwart von staatlich organisierter Aufnahme und erzwungener Unterbringung von Geflüchteten befassen. Im Fokus steht die vergleichende Perspektive, synchron und diachron. Ziel der Tagung ist es, im Bewusstsein der jeweiligen (zeit)historischen Kontexte, einerseits Parallelen und Unterschiede in den Praktiken und Formen der Internierung in Vergangenheit und Gegenwart in verschiedenen Ländern sichtbar zu machen; andererseits sollen die Beziehungs- und Handlungszusammenhänge, die das Lager als transitorischen Raum formen, thematisiert werden.
Der Call for Papers wendet sich an WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Disziplinen sowie an Personen aus der Zivilgesellschaft sowie den Bereichen Kunst und Kultur, sofern sich diese mit den Themen „Lager“ und (zwangsweise) Unterbringung von Geflüchteten auseinandersetzen. Die Beiträge sollten sich mit einer der folgenden Perioden befassen beziehungsweise unterschiedliche Perioden miteinander in Beziehung setzen: Zeit des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs (1933 – 1945); Lager für Displaced Persons nach 1945; die Entwicklungen ab den 1960er Jahren und ganz besonders jene in der Gegenwart. Außereuropäische und globale Bezüge sind erwünscht. Das nationalsozialistische Lagersystem (Konzentrations-, Vernichtungs- und Zwangsarbeitslager) wird explizit nicht Thema des Symposiums sein.
Der Call for Papers ist geographisch und disziplinär offen. Die eingereichten Beiträge können sowohl lokal und fallbezogen als auch international oder historisch vergleichend sein. Vortragssprachen sind Englisch und Deutsch.
Mögliche Themen sind:
- Die Situation in verschiedenen Ländern und die Realität in einzelnen Internierungsstätten; Fallbeispiele: Entstehungsgeschichte, Beschaffenheit, Zusammensetzung der Lagergemeinschaften etc.
- Lebenssituationen in Lagern: Formen von (Selbst-)Organisation, Solidarität, Resilienz, Widerstand; genderbezogene Erfahrungen; Erinnerungen und biographische Zeugnisse.
- Beziehungen zur Außenwelt (Ausmaß der Abschottung und Kontrolle; Brückenköpfe etc.); die Rolle von HelferInnen und NGOs etc.
- Politische und institutionelle Rahmenbedingungen; staatliches/behördliches Handeln; Repression, Gewalt, Diskriminierung und ihre Auswirkungen auf die Betroffenen.
- Das Lager als „Geschäftsmodell“ (private und öffentliche AkteurInnen).
- Die Reaktionen der ansässigen Bevölkerung: Solidarität, Ablehnung, Nutzengewinnung etc.
- Biographien von Lagern: Transformation/Nutzung in unterschiedlichen Kontexten.
- (Klare oder fließende) Grenzen zwischen organisierter Aufnahme, humanitärer Versorgung und zwangsweiser Internierung.
- Die Typologie von Lagern, Abgrenzung gegenüber Formen zwangsweiser Internierung durch das NS-Regime, Faschismus und Stalinismus.
- Das Lager als transitorischer Raum: Aspekte von Zeit, Raum und Identität
- Das Leben nach dem Lager (Rückführung, „Integration“); Zusammenschlüsse von ehemaligen Internierten etc.
- Die Rolle der Medien und der öffentliche Diskurs.
- Kollektives Erinnern/Gedenkinitiativen.
- Die (Nicht-)Anerkennung von Internierungslagern in Entschädigungsverfahren nach 1945.

Termine
bis 29. Februar 2020: Vorschläge für einen Vortrag in Form von Abstracts mit einer Länge von 200 bis 300 Wörtern und Kurzbiographien der Beitragenden können an nora.walch@exilforschung.ac.at gesandt werden.
bis 31. März 2020: Auswahl der Vorträge
bis 31. Oktober 2020: Einreichung ausformulierter Vorträge
Organisationskomitee
Gabriele Anderl (öge), Linda Erker (Institut für Zeitgeschichte), Kerstin von Lingen (Institut für Zeitgeschichte), Christoph Reinprecht (öge/Institut für Soziologie), Nora Walch (öge)

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Internment Camps: The (Enforced) Placement and “Custody” of Refugees in the Past and the Present
Annual Conference of the Austrian Association for Exile Research (öge) in cooperation with the Department for Contemporary History (University of Vienna) and the research network “Migration, Citizenship and Belonging” (Faculty of Social Sciences, University of Vienna)
3-4 December 2020, Vienna
The placement and detention, often through force, of refugees and asylum-seeking individuals in camps is not a practice that has only recently been used by states to regulate and control the movement of humans across borders. During World War I, for example, tens of thousands of civilians were kept in internment camps as so-called “enemy aliens”. Before and during World War II, Jewish refugees and other individuals persecuted by the National Socialist regime were also targeted by such measures. A wide network of camps for displaced persons emerged in 1945, after the liberation. Displaced persons included, amongst others, Jewish survivors of the Shoah. Furthermore, in other cases of flight and exile in the postwar period, camps of various types proved to be a crucial instrument for the limitation and control of the movements of refugees.
The internment of refugees and asylum seekers continues today, yet the concrete circumstances are continuously changing: Both inside and outside Europe, various types and concepts of camps, guaranteeing the internment of refugees, are currently being discussed, trialed, and realized on a massive scale. The recent practices of immobilization and “encampment” (Michel Agier) of refugees reflect a general development within the areas of asylum and migration: States and governments are treating the individuals looking for protection and asylum primarily as a potential source of danger, a notion which corresponds with repressive policies, with detention pending deportation and forced deportation itself having become very commonly applied measures employed by migration and asylum regimes worldwide today. These measures often contradict fundamental human rights and are at odds with the agendas of NGOs aiming to support and help refugees.
In its annual conference in 2020, the Austrian Association for Exile Research aims to facilitate an extensive engagement with the past and present of the organized, state-led, and forced placement of refugees. The emphasis will be on a comparative perspective – synchronic as well as diachronic. One aim of the conference is to make visible parallels and differences between the practices and types of internment in the past and the present in different countries – while considering the specific historical contexts. Another focus will lie on the nexus of relationships and agencies which constitute the camps in question as transitory spaces.
The call for papers is addressed to academics of various disciplines, to members of civil society, as well as to people working within an artistic or cultural domain who deal with the topics of camps and forced placement of refugees in their work. The contributions should engage with one of the following periods or should relate to some of the following periods: Period of National Socialism and World War II (1933–1945); camps for displaced persons after 1945; developments starting in the 1960s; and particularly developments in the present. Engagements with extra-European and global contexts are especially welcome. The National Socialist camp system (concentration camps, extermination camps, and forced labor camps) is explicitly not a topic of this congress.
The call for papers is geographically and disciplinary open. The contributions can consist of analyses of local phenomena or case studies as well as comparative engagements from an international or historical perspective. Accepted languages for the presentations are English and German.
Possible contexts and topics include the following:
- The situation in different countries and the reality in specific internment camps; case studies: history of the development of the site; condition, state, and structure of the camp; composition of the camp community; etc.
- Living situations and conditions in camps: forms of (self-)organization, solidarity, resilience, and resistance; gender-specific experiences and dynamics; memories and biographical reports; etc.
- Relationships to the outside world (extent of isolation and control; linkages; etc.); the role of supporters and NGOs; etc.
- Political and institutional conditions; actions of states and officials; repression, violence, discrimination, and their consequences for the targeted individuals.
- Camps as “business models” (private and public actors).
- Reactions of local populations: solidarity, rejection, benefit etc.
- Biographies of camps: transformation/use in different contexts.
- Boundaries (whether distinct or fluid) between organized reception, humanitarian aid, and forced internment.
- The typology of camps; differentiation from forms of forced internment practiced by the National Socialist regime, fascism, and Stalinism.
- Camps as transitory spaces: aspects of time, space, and identity.
- Life after the camp (repatriation, “integration”); associations of formerly interned individuals; etc.
- The role of media and public discourse.
- Collective memory and remembrance initiatives, memorials.
- The (non-)recognition of internment camps in compensation processes after 1945.

Deadlines
29 February 2020: submission of presentation proposals (200-300 words) and a short biography of the contributor(s) can be sent to nora.walch@exilforschung.ac.at
31 March 2020: selection of presentations
31 October 2020: submission of written presentations
Organizing Committee
Gabriele Anderl (öge), Linda Erker (Department for Contemporary History), Kerstin von Lingen (Department for Contemporary History), Christoph Reinprecht (öge/Department for Sociology), Nora Walch (öge)

Programm

Kontakt

Kerstin von Lingen

Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

kerstin.von.lingen@univie.ac.at

http://exilforschung.ac.at/projekte/3-4-dezember-2020-internierungslager-geschichte-und-gegenwart-der-erzwungenen-unterbringung-und-verwahrung-von-gefluchteten/
Redaktion
Veröffentlicht am
07.01.2020
Klassifikation
Weitere Informationen

Land Veranstaltung
Sprache Veranstaltung