Die Herrnhuter Brüdergemeine als Faktor für religiöse und kulturelle Innovation/The Moravian Movement as a Factor of Religious and Cultur-al Innovation in the 18th Century im 18. Jahrhundert

Die Herrnhuter Brüdergemeine als Faktor für religiöse und kulturelle Innovation/The Moravian Movement as a Factor of Religious and Cultur-al Innovation in the 18th Century im 18. Jahrhundert

Veranstalter
Universität Mainz, Evangelisch-Theologische Fakultät; University of Gothenburg, Department of Historical Studies; Herrnhuter Brüdergemeine (Theologische Ausbildung)
Ort
Herrnhut (Oberlausitz)
Land
Deutschland
Vom - Bis
18.11.2021 - 21.11.2021
Deadline
26.04.2020
Von
Wolfgang Breul

Die Herrnhuter Brüdergemeine (engl.: Moravian Church) ist innerhalb der internationalen Reform-bewegung des Pietismus im 17. und 18. Jahrhunderts die vermutlich wichtigste Gemeindebildung. Ihre bis heute anhaltende Prägekraft verdankt die unter der Leitung des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) gegründete Brüdergemeine wesentlich dem hohen Grad an Aktivität und Mobilität einerseits und einer Reihe von attraktiv wirkenden theologischen, liturgi-schen und organisatorischen Neurungen andererseits. Dazu gehören insbesondere ein innovativer, transkonfessioneller Kirchenbegriff, die Ausbildung einer eigenständigen religiösen Sozialordnung, die auch eine Neubestimmung des Geschlechterverhältnisses beinhaltete, die zugespitzte Formulie-rung theologischer Positionen in Auseinandersetzung mit den Herausforderungen der Aufklärung, ein Verständnis von Mission, das die kulturelle und soziale Identität ihrer Adressaten in einem für das 18. Jahrhundert beachtlichen Maß akzeptierte, und eine große Zahl neuer religiöser Praktiken und Gottesdienstformen. Die Tagung möchte die vielfältige interdisziplinäre Forschung der letzten Jahrzehnte verknüpfen und miteinander ins Gespräch bringen. Sie wird dabei vor allem die nachfol-genden Themenfelder behandeln.

Themenfelder

1. Ekklesiologie und Traditionsbildung
Wie keine andere christliche Gruppierung des 18. Jahrhunderts suchten die Herrnhuter Kontakt und Gemeinschaft mit anderen Konfessionen, Kirchen und Gruppen. Die Tagung fragt daher nach den zugrunde liegenden theologischen und ekklesiologischen Konzepten und Einflüssen (z.B. Mährische Brüderunität, radikaler Pietismus, Hallescher Pietismus, lutherische Theologie) sowie nach dem Aus-tausch und den Begegnungen mit unterschiedlichen Strömungen und Gruppen (Aufklärung, Halle, radikaler Pietismus, Evangelicals, Methodismus). Dabei soll auch untersucht werden, wie diese Fak-toren zur Ausbildung einer eigenen Identität der Brüdergemeine, ihrer besonderen Traditionen und Überlieferungen (Historiographie, Erinnerungskultur, Archivwesen) führte.

2. Theologie und Frömmigkeit
Die Attraktivität der Herrnhuter Brüdergemeine des 18. Jahrhunderts beruhte wesentlich auf Neue-rungen und eigenen Akzentsetzungen in Theologie und Frömmigkeit. Die Tagung möchte zentralen Themen wie Christozentrismus und Heilandsemotionalität, Schriftverständnis und Schriftpraxis (Losungen), Religionsbegriff und Gotteserkenntnis nachgehen, aber auch Themen wie Frömmigkeit und Selbstreflexion (Lebensläufe, Briefe, Reisetagebücher und -berichte), gottesdienstliche Formen und Feste, sowie die Sprache von Liedern, Gebeten und Reden untersuchen.

3. Kultureller Wandel und die Ausprägung eigener sozialer und religiöser Lebensformen
Mit den Neuerungen in Theologie und Frömmigkeit waren neue Formen der Gemeindeorganisation (Chorsystem), neue Ämter (z.B. „Streiter“ und „Ältestinnen“), institutionelle Strukturen und Prakti-ken (Losentscheid) verbunden. Aufmerksamkeit verdienen dabei Innovationen im Bereich der Ge-schlechterbeziehungen, der Kommunikationsformen und der Sepulkralkultur. Ebenso sind die Anla-ge von Herrnhuter Siedlungen und ihre Architektur, ihre Wirtschaftstätigkeit, Medizinpraxis, Päda-gogik und die Pflege von Musik, Kunst und Kunsthandwerk von Interesse, insbesondere im Zu-sammenhang mit dem Ziel der Brüdergemeine, eine umfassende christliche Lebensordnung zu ent-wickeln.

4. Mission, Disapora und globale Vernetzung
Die „globale Gemeinschaft“ der Herrnhuter Brüdergemeine (G. Mettele) und ihre hohe Mobilität sollen hinsichtlich ihrer Grundlagen, den theologischen Konzepten für Mission und Diasporaarbeit, und hinsichtlich der konkreten Arbeit untersucht werden. Von Interesse sind neben der „punktuel-len globalen Präsenz“ (H. Lehmann) in der außereuropäischen Mission auch die europäischen Schwerpunkte in Skandinavien und dem Baltikum, in der Schweiz, Ungarn, im Orient und in den orthodox geprägten Ländern. Dabei sollen Fragen der Vernetzung (Organisation, Publikationen, Kommunikationswege) und Fragen des Kulturkontakts (z.B. aus ethnographischer und sprachwis-senschaftlicher Perspektive) in den Blick genommen werden.

5. Wirkungsgeschichte
Die Tagung möchte die Kenntnis der Rezeption und Wirkungsgeschichte der herrnhutischen Theo-logie, Frömmigkeit und Praxis verbreitern. Neben dem Einfluss auf bekannte Personen der europäi-schen Geschichte (J.W. v. Goethe, J. Wesley, F. Schleiermacher, William Blake, S. Kierkegaard u.a.) sollen die Einflüsse auf die Ausprägung einzelner nationaler Kulturen (z.B. Estland, Lettland) und auf die religiösen Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts untersucht werden. Auch Fragen der Bewahrung und Vermittlung des kulturellen Erbes der Brüdergemeine, die sich insbesondere durch die Anerkennung der Herrnhuter Siedlung Christiansfeld / Dänemark als UNESCO Welterbe (2015) stellen, sollen hier thematisiert werden.

Die Vortragsdauer beträgt 25 Minuten. Reise- und Übernachtungskosten in Herrnhut werden von den Veranstaltern im Rahmen der üblichen Regeln getragen, sofern die Anträge auf Förderung Er-folg haben. Vorschläge für Vorträge und ein kurzer Lebenslauf (CV) erbitten wir bis zum 26. April 2020 an Prof. Wolfgang Breul, email: breul@uni-mainz.de. Mit einer Rückmeldung auf Ihren Vor-schlag ist bis Mitte Juni zu rechnen.

Christer Ahlberger, Göteborg (christer.ahlberger@history.gu.se)
Wolfgang Breul, Mainz (breul@uni-mainz.de)
Peter Vogt, Herrnhut (studienleiter@ebu.de)

The Moravian Church (Herrnhuter Brüdergemeine) is probably the most important church formation within the international reform movement of Pietism in the 17th and 18th centuries. The Brüdergemeine, as founded under the leadership of Reichsgrave Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760), owes its persistent influence to a large extent to the high degree of activity and mobility on the one hand and to a number of attractive theological, liturgical and organizational innovations on the other. These include an innovative, trans-confessional concept of the church, the formation of distinct structures of social organization together with a redefinition of gender relationships, the radicalized articulation of particular theological positions in the debate with Enlightenment ideas, a concept of mission that showed an unprecedented measure of intercultural understanding, and the development of a large number of new religious practices and forms of worship. The conference is intended to connect and to bring into conversation the diverse interdisciplinary research of the past decades. It will specifically address the following topics.

Topics

1. Ecclesiology and the formation of a distinct tradition
More than other Christian groups of the 18th century, the Moravians sought contact and connections with other denominations, churches, and movements. Thus, one focus of the conference is the question of underlying theological and ecclesiological concepts and influences (e.g. the ancient Moravian Unity, radical Pietism, Halle Pietism, Lutheran theology), as well as encounters and exchange with various movements and groups (the Enlightenment, Halle, radical Pietism, Evangelicals, Methodists). It is of interest how these factors contributed to the formation of a distinct identity of the Moravian community and to the development of their own customs and traditions (historiography, culture of remembrance, archives).

2. Theology and Piety
The attractiveness of the Moravian Church in the 18th century resulted largely from its innovative character, apparent in distinct accentuations in theology and piety. Here, the focus is on central topics such as Christocentrism and emotional devotion to the Savior, biblical hermeneutics (including the practice of daily watchwords), the concept of religion, as well as the knowledge of God. Additional topics are the question of piety and self-reflection (memoirs, letters, travel diaries and travelogues), the concepts of worship and liturgical celebration, as well as the use of language in hymns, prayers and speeches.

3. Cultural change and the formation of distinct social and religious practices
Many innovations in theology and piety expressed themselves in new forms of community organization (e.g. choir system), new offices (e.g. “Streiter”, female elders), institutional structures and practices (e.g. decision making by lot). Of particular interest are new concepts of gender, forms of communication, and burial practices. Equally important are the founding of Moravian settlements and their architecture, economic activities, medical practices, education, music, arts and crafts, especially in connection to the Moravian goal to establish a comprehensive model of an ordered Christian life.

4. Mission, Diaspora, and the formation of a global network
The “global community” of the Moravian Church (G. Mettele) and their high mobility form another important topic to be examined, both with regard to their underlying theological concepts (both for mission and diaspora work) and with regard to actual practices and experiences. Of interest are both the Moravians’ “interspersed global presence" (H. Lehmann) through their mission activities and the European focus in Scandinavia and the Baltic States, in Switzerland and Hungary, as well as in the Orient and Orthodox countries. It will be possible to explore how the Moravian community functioned as a network (e.g. issues of communication and organization) and to address the question of intercultural contacts (e.g. from an ethnographic or linguistic perspective).

5. History of Reception
Finally, it is a goal of the conference to deepen the understanding of the reception of Moravian theology, piety, and practice. In addition to the influence on well-known figures of European cultural history (J.W. v. Goethe, J. Wesley, F. Schleiermacher, William Blake, S. Kierkegaard and others), topics of interest are the Moravian contribution to the formation of the national culture of particular countries (e.g. Estonia, Latvia) and to the rise of religious revival movements in the 19th century. Further topics in this category are questions of preservation and education with regard to the cultural heritage of the Moravian Church, especially in light of the recognition of the Moravian settlement Christiansfeld in Denmark as a UNESCO world heritage site.

The length of each paper is 25 minutes. Pending available funding, costs for travel and accommodation in Herrnhut will be covered by the organizers within the framework of the applicable rules. We request proposals for papers and a short CV by April 26, 2020 at breul@uni-mainz.de. Decisions on the proposals will be made by Mid-June.

Christer Ahlberger, Göteborg (christer.ahlberger@history.gu.se)
Wolfgang Breul, Mainz (breul@uni-mainz.de)
Peter Vogt, Herrnhut (studienleiter@ebu.de)

Programm

Themenfelder/Topics
1. Ekklesiologie und Traditionsbildung / Ecclesiology and the formation of a distinct tradition
2. Theologie und Frömmigkeit / Theology and Piety
3. Kultureller Wandel und die Ausprägung eigener sozialer und religiöser Lebensformen / Cultural change and the formation of distinct social and religious practices
4. Mission, Disapora und globale Vernetzung / Mission, Diaspora, and the formation of a global network
5. Wirkungsgeschichte / History of Reception

Kontakt

Prof. Dr. Wolfgang Breul
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Evangelisch-Theologische Fakultät
Seminar für Kirchengeschichte
Wallstraße 7, 55122 Mainz (Tel. 06131/39-20735)
breul@uni-mainz.de
http://www.ev.theologie.uni-mainz.de/1905.php

https://www.ev.theologie.uni-mainz.de/kirchen-und-dogmengeschichte-territorialkirchengeschichte/prof-dr-wolfgang-breul/
Redaktion
Veröffentlicht am
11.03.2020
Beiträger