6. Forum Kunst des Mittelalters

6. Forum Kunst des Mittelalters

Veranstalter
Kristin Böse und Joanna Olchawa (Goethe-Universität Frankfurt) mit weiteren Partnern in Frankfurt am Main sowie dem Deutschen Verein für Kunstwissenschaft e.V.
Ort
Frankfurt am Main
Land
Deutschland
Vom - Bis
29.09.2021 - 02.10.2021
Deadline
01.06.2020
Von
Joanna Olchawa, Kunstgeschichtliches Institut der Goethe-Universität Frankfurt

SINNE / SENSES

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Die Künste und die Sinne waren schon immer wechselseitig aufeinander bezogen. Im Mittelalter machten Kunst und Architektur unterschiedliche Angebote, die Welt sinnlich zu begreifen und zu ordnen. Das Einverleiben von Farbe byzantinischer Ikonen, das Schwören auf die im Reliquiar eingeschlossenen Reliquien, das Tragen inwendig gestalteten Körperschmucks, das Schwingen goldglänzender Weihrauchfässer, um den heiligen Raum durch Geruch zu markieren, oder das Glockengeläut, um die Nähe Gottes zu vermitteln, lassen keinen Zweifel daran, dass das Mittelalter sinnlich geprägt war.

Wenngleich in theoretischen Abhandlungen die Sinne ausdifferenziert und in ihrem Verhältnis zueinander ausgeleuchtet wurden, lassen sich die Theoreme nur bedingt heranziehen, um den Stellenwert einer sinnlichen Bild-, Objekt- und Raumwahrnehmung zu erschließen. So wurde die Gotteserkenntnis als ein entmaterialisierter Akt beschrieben; dennoch brauchte es die Sinne, um spirituelle Einsicht zu erlangen und zu vermitteln. Seit der Antike wird bei Aristoteles, Platon, Augustinus und Isidor von Sevilla dem Sehen der Primat unter den Sinnen gegeben – eine privilegierte Stellung, die auch die ältere kunst- und kulturhistorische Forschung dem Sehen zuerkannt hat. Erst in den letzten Jahren ist gerade durch Studien zur Materialität deutlich geworden, dass man dem vielstimmigen Erscheinungsbild der mittelalterlichen Künste zu keiner Zeit gerecht werden würde, ginge man von der Dominanz eines der Sinne aus. Die Nahsinne Schmecken und Tasten erweisen sich für das Verständnis der Werke als ebenso essentiell wie die Fernsinne Sehen, Hören und Riechen. Insbesondere an rituellen Ereignissen und höfischen Zeremonien zeigt sich eindrücklich, dass Herstellungspraktiken und Rezeptionsweisen aufs engste mit multisensorischen Erfahrungen verknüpft sind. Die Rolle der Sinne für die Architektur und Ausstattung des sakralen Raums wurde nicht nur im lateinischen Europa und Byzanz, sondern auch in den islamisch geprägten Regionen gezeigt. Und auch für das Verständnis des illuminierten Codex, eines der Leitmedien der mittelalterlichen Kunst, erweisen sich Fragen nach einer erkenntnisgeleiteten Rezeption durch Berühren und fallweise auch Küssen seiner zahlreichen Elemente aus Pergament und Papier, aber auch Textil, Leder und Metall sowie Elfenbein als zentral.

Das 6. Forum Kunst des Mittelalters, welches vom 29. September bis 2. Oktober 2021 in Frankfurt stattfinden wird, lädt dazu ein, über die Rolle der sinnlichen Wahrnehmung in ihrem mittelalterlichen Verständnis sowie dessen Visualisierung und das Zusammenspiel der Sinne in den mittelalterlichen Bild- und Objektkulturen sowie für die Deutung von Räumen und Architekturen im interreligiösen und transkulturellen Vergleich zu diskutieren. Forschungen zu den einzelnen Sinnen und die Art und Weise, wie mit diesen gespielt, wie die sinnliche Wahrnehmung gesteuert, gestört oder auch getäuscht wird, sind gleichermaßen erwünscht wie Sektionsvorschläge, die eine multisensorische, synästhetische Betrachtung von Kunst und Architektur favorisieren. Erwünscht sind ferner Vorschläge, welche die aus dieser Perspektive resultierenden methodischen Herausforderungen erörtern. Welche Möglichkeiten bieten Werkzeuge der digitalen Kunstgeschichte, sich den historischen Wahrnehmungskontexten zu nähern, etwa durch die Erstellung virtueller Realitäten oder die Rekonstruktion oratorischer und auditiver Räume? Die zunehmende multimediale Vermittlung mittelalterlicher Kunst in den musealen Sammlungen wirft schließlich die Frage auf, wie dergestalt die Geschichtlichkeit sinnlicher Zugangsweisen dargestellt werden kann und darüber hinaus sich sogar neue Deutungskontexte erschließen lassen.

Ihre Vorschläge (max. 1 Seite) für Sektionen mit max. zwei Sektionsleiter*innen richten Sie bitte bis zum 1. Juni 2020 an mail@mittelalterkongress.de. Bitte senden Sie keine fertigen Sektionen mit Referenten/Referentinnen ein. Nach Auswahl der Sektionsvorschläge wird der Call for Papers voraussichtlich im Juli 2020 veröffentlicht.

www.mittelalterkongress.de
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The arts and the senses have always been reciprocally related to one another. In the Middle Ages, sensual encounters with art and architecture offered a variety of ways to perceive, comprehend and structure the world. Pledging to relics enclosed in precious reliquaries, incorporating color from Byzantine icons, distinguishing the holy space by swinging golden polished censers, wearing inwardly decorated jewelry on the body or ringing the church bells to make audible the presence of God – such actions leave no doubts about the significance of the senses in the Middle Ages, and furthermore bring to light the role of art within such operations.

Although the senses and their interplay are well defined in theoretical treatises, theories are of limited use when it comes to understanding the sensual perception of images, objects, and spaces. While, for instance, the knowledge of God is described as a dematerialized act, the senses were nevertheless used to obtain and mediate spiritual insight. Since antiquity, seeing has been the dominant sense, as the works of authors such as Aristotle, Plato, Augustine and Isidore of Seville suggest. This privileged position was further ascribed by cultural and art historical research over a long period of time. Nevertheless, in recent years, studies on materiality have argued that the dominance of this one singular sense misrepresents the multisensory nature of medieval art. The ‘close-up’ senses such as tasting and touching are as essential for the understanding of artefacts as the ‘distant’ senses of seeing, hearing and smelling. In particular, liturgical and courtly ceremonies offer convincing evidence that processes of production and reception are related to multisensory experiences. The role of the senses in the architecture and decoration of sacred space has been revaluated not only within Latin Europe and the Byzantine Empire, but also within Islamic dominated regions. Furthermore, in order to comprehend the codex, one of the leading media throughout the Middle Ages, questions of sensual perception through tasting and sometimes kissing of its different elements such as parchment and paper, as well as textiles, leather, metal and ivory have also proved to be essential.

For the 6th Forum Kunst des Mittelalters, which will take place from September 29th to October 2nd, 2021 in Frankfurt, we would like to invite discussions on the role of sensual perception and the interplay of senses in medieval image and object cultures as well as in architecture, including topics from interreligious and cross-cultural perspectives. Studies on individual senses and the ways in which they played, guided, deceived and disturbed sensual perception are welcome, as well as proposals which privilege a multisensory and synesthetic approach. We furthermore ask for proposals that discuss the methodological challenges that arise from these perspectives. Furthermore, which possibilities do digital methods offer for understanding historical contexts of perception, e.g. through virtual reality or the reconstruction of auditive and oratorical spaces? This includes studies on the increasing popularity of multimedia concepts in exhibitions that question how the historicity of sensual approaches could be represented and, beyond that, how it could help to reveal new interpretative frameworks.

Please send your submission (max. one page) for a session with max. two organizers per session by June 1st, 2020, to mail@mittelalterkongress.de. Please do not send proposals with lists of speakers at this point. After the selection of sessions, the Call for Papers will be announced in July 2020.

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Kontakt

Joanna Olchawa

Kunstgeschichtliches Institut,
Goethe-Universität Frankfurt,
Senckenberganlage 31,
60325 Frankfurt

olchawa@kunst.uni-frankfurt.de

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Redaktion
Veröffentlicht am
29.03.2020
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