Sammelband zum Thema "Blicke auf Europa" / Edited volume on "Views on Europe"

Von
Lilli Riettiens, Universität zu Köln

Der CfA richtet sich an Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen, die aus genderhistorischer und/oder postkolonialer Sicht über die Geschichte von Europareisen oder über einzelne Europareisende forschen. Von diesem trans- und interdisziplinären ,Blick auf Europa‘ erhoffen wir uns, den (Selbst-)Re-Präsentationen Europas vielfältige Sichtweisen an die Seite zu stellen, die sich – so unsere Hypothese – in einem Spannungsfeld von Übereinstimmung, Widerspruch und Oszillation beweg(t)en.

Blicke auf Europa. Perspektiven der Reiseliteraturforschung aus genderhistorischer und postkolonialer Sicht | Views on Europe. Perspectives of research on travel literature from gender-historical and postcolonial viewpoints

(English version below)

Die Geschichte des Reisens war bis in die 1980er Jahre hinein fast ausschließlich als eine Geschichte ,europäischer‘, männlicher Mobilität konstruiert und beschrieben worden, ohne allerdings das Geschlecht und das weiß-Sein der Reisenden explizit zum Thema zu machen. Erst die Frauen- und Geschlechterforschung befasste sich mit dem Thema Reisen und Geschlecht und förderte eine erhebliche Menge an Reisetexten zu Tage, vornehmlich Texte weißer europäischer Frauen (vgl. Jedamski/Jehle/Siebert 1994; Siebert 1998). Gegen Ende des 20. Jahrhunderts begannen Vertreter/innen der sich herausbildenden postkolonialen Studien die ‚Expansion Europas‘ und ihre Folgen kritisch zu beleuchten und Lesarten zu entwickeln, die die hierarchisierenden Kategorisierungen ‚des Rests‘ (vgl. Hall [1992] 1994; Said [1978] 2017) durch aus Europa stammende Eroberer, Reisende und Auswanderer/innen dekonstruierten. Einerseits gaben diese Forschungen den Anstoß, die Mechanismen zur Produktion und Systematisierung ,des Westens‘ und ‚des Rests‘ aufzudecken, während sie andererseits letzterem eine Stimme zu geben suchten (vgl. Spivak 1994). Kategorisierungen von Menschen, Ländern, Körpern und Räumen wurden hierdurch als Produkte fortwährender Herstellungsprozesse lesbar, die sich in ihrer (historischen) Gewordenheit nachzeichnen lassen.
Umso interessanter erscheinen Reisebewegungen nach Europa, bei denen außereuropäische Reisende ihren Blick auf Europa warfen und sich selbst ,ein Bild von Europa‘ machten. Die Fragen, mit welchen Attributen sie ,Europa‘ und dessen Bevölkerung versahen, welche Ähnlichkeiten und Differenzen sie ausmachten und welche Idee(n) von ,Europa‘ sie hervorbrachten, sollen durch den geplanten Band leiten. Hier ist die analytische Betrachtung von Reisebewegungen in der Frühen Neuzeit ebenso denkbar wie die im so genannten Zeitalter des Reisens bzw. der Raumverdichtung (vgl. Pesek 2017: 21), oder im 20. Jahrhundert, das von Neu-Ordnungen geprägt war.
Im Fokus steht damit zwar erneut Europa, allerdings nicht als Ausgangspunkt von Eroberungen oder Reisen. Vielmehr interessiert uns, wie ,Europa‘ von außereuropäischen Reisenden gesehen und womit es verglichen wurde. Dabei geraten auch Fragen in den Fokus, was an europäischen Städten und Landschaften, an Bildungs-, Arbeits-, Lebens- und Geschlechterverhältnissen als (nicht) ,besonders‘ oder (nicht) ,anders‘ erlebt wurde.

Der call for abstracts richtet sich an Geistes- und Sozialwissenschaftler/innen, die aus genderhistorischer und/oder postkolonialer Sicht über die Geschichte von Europareisen oder über einzelne Europareisende forschen. Vor dem Hintergrund der Annahme, „dass selbst die elementarste Reise nicht ohne Dinge auskommt“ (Bracher/Hertweck/Schröder 2006: 10), begrüßen wir neben Beiträgen, die sich mit reiseliterarischen Produktionen auseinandersetzen, ebenso solche, die weitere Materialitäten des Reisens fokussieren, wie beispielsweise Souvenirs, Fotografien oder Transportmittel. Von diesem trans- und interdisziplinären ,Blick auf Europa‘ erhoffen wir uns, den (Selbst-)Re-Präsentationen Europas vielfältige Sichtweisen an die Seite zu stellen, die sich – so unsere Hypothese – in einem Spannungsfeld von Übereinstimmung, Widerspruch und Oszillation beweg(t)en.

Auch Promovierende sind herzlich eingeladen, Beitragsvorschläge einzureichen. Bitte senden Sie hierfür einen Abstract (max. 300 Wörter) in deutscher oder englischer Sprache sowie einen knappen CV bis zum 30.10.2020 an L.Riettiens@uni-koeln.de. Die Abgabe der Manuskripte ist für den 15. Februar 2021 vorgesehen. Im Sinne wissenschaftlicher Qualitätssicherung bemühen wir uns um ein Peer-Review-Verfahren zur Begutachtung der Manuskripte.

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English Version

Until the 1980s, the history of travelling was almost exclusively constructed as a history of ‘European’, male mobility. Gender and whiteness of the travellers were no explicit issues. The women and gender studies were one of the first who dealt with the topic of travel and gender and brought to light a considerable number of travel writings, mainly texts of white ‘European’ women (see Jedamski/Jehle/Siebert 1994; Siebert 1998). By the end of the 20th century, representatives of the emerging postcolonial studies began to take a critical look at the ‘expansion of Europe’ and its consequences and to develop readings to deconstruct the hierarchical categorisations of ‘the rest’ (see Hall [1992] 1994; Said [1978] 2017) by conquerors, travellers and emigrants from Europe. On the one hand, this research uncovered the mechanisms of production and systematisation of ‘the west’ and ‘the rest’, while on the other hand this was an attempt to give the latter a voice (see Spivak 1994). Due to this, categorisations of people, countries, bodies, and spaces thus became apparent as results of continuous processes of re-production that can be traced in their (historical) becoming.

In this respect, journeys to Europe are of special interest, as they gave non-European travellers the opportunity to glance at ‘Europe’ and to ‘draw a picture’ of it by themselves. Therefore, questions on how the travellers attributed ‘Europe’ and ‘its’ people, what similarities and differences they identified and what idea(s) of ‘Europe’ emerged lead through the planned volume. In this context, analytical considerations of travel movements in the early modern period appear to be as conceivable as those in the so called ‘golden age of travel’ or those in the 20th century, that was affected by reorganisations.
The focus is thus once again on Europe, however not as a starting point of journeys or conquests. Rather, we are interested in how ‘Europe’ was ‘seen’ by non-European travellers and in the reference templates they used to construct ‘Europe’. This also draws attention to questions on what was perceived as (not) ‘special’ or (not) ‘different’ about European cities and landscapes as well as about educational, working, living and gender relations.

This call for abstracts is aimed at scholars within the field of humanities and social sciences who – from a gender historical and/or postcolonial perspective – undertake research on the history of journeys to Europe or on individual travellers. Based on the assumption “that even the most elementary journey cannot be made without things” (Bracher/Hertweck/Schröder 2006: 10), and in addition to contributions that deal with travel-literary productions, we also welcome contributions that deal with other materialities of travel, such as souvenirs, photographs or means of transport. From this trans- and interdisciplinary ‘view on Europe’, we hope that the self-representations of ‘Europe’ will be complemented by a variety of perspectives, which – according to our hypothesis – move(d) in a field of tension between agreement, contradiction and oscillation.

Please send an abstract (max. 300 words) in German or English and a short CV until October 30, 2020 to L.Riettiens@uni-koeln.de. The deadline for handing in the manuscripts is February 15, 2021. With regard to the scientific quality assurance, we strive for a peer-review process for the review of the manuscripts. Emerging researchers are warmly welcomed to submit proposals.

Bibliografie/Bibliography
BRACHER, Philip/HERTWECK, Florian/SCHRÖDER, Stefan: Dinge in Bewegung. Reiseliteraturforschung und Material Culture Studies, in: Dies. (Hrsg.): Materialität auf Reisen. Zur kulturellen Transformation der Dinge, Berlin 2006, S. 9–24.

HALL, Stuart, Der Westen und der Rest. Diskurs und Macht, in: Ders.: Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2, Hamburg 1994, S. 137–179. [Englischsprachige Erstausgabe: The West and the Rest. Discourse and Power, 1992].

JEDAMSKI, Doris/JEHLE, Hiltrud/SIEBERT, Ulla (Hrsg.): ‚Und tät das Reisen wählen!‘ Frauenreisen – Reisefrauen, Zürich/Dortmund 1994.

PESEK, Michael: Vom richtigen Reisen und Beobachten: Ratgeberliteratur für Forschungsreisende nach Übersee im 19. Jahrhundert, in: Berichte zur Wissenschaftsgeschichte, 40 (2017), S. 17–38.

SAID, Edward W.: Orientalismus, übers. von Hans Günter Holl, 5. Aufl., Frankfurt a. M. 2017. [Englischsprachige Erstausgabe: Orientalism, 1978].

SIEBERT, Ulla: Grenzlinien: Selbstrepräsentationen von Frauen in Reisetexten 1871 bis 1914, New York/München/Berlin 1998.

SPIVAK, Gayatri Chakravorty: Can the Subaltern Speak?, in: Patrick Williams/Laura Chrisman: Colonial Discourse and Post-Colonial Theory. A Reader, New York/London 1994, S. 66–111.

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Veröffentlicht am
04.09.2020
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