100 Jahre Antifaschismus – zwischen Klassenkampf und sozialer Bewegung

100 Jahre Antifaschismus – zwischen Klassenkampf und sozialer Bewegung

Veranstalter
Arbeit – Bewegung – Geschichte. Zeitschrift für historische Studien (Förderverein für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V.)
Ausrichter
Förderverein für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V.
PLZ
10178
Ort
Berlin
Land
Deutschland
Vom - Bis
15.02.2021 - 09.05.2021
Von
Yves Müller, Doktorand, Arbeitsbereich Deutsche Geschichte, Universität Hamburg

100 Jahre Antifaschismus – zwischen Klassenkampf und sozialer Bewegung

Einhundert Jahre, nachdem sich in Italien 1921 proletarisch geprägte Selbstschutzgruppen das erste Mal als «antifascisti» bezeichneten und sich gegen die faschistischen Schwarzhemden («camicie nere») zur Wehr setzten, ist es höchste Zeit, die Geschichte des Antifaschismus umfassend unter die Lupe zu nehmen.

100 Years of Anti-Fascism – Between Class Struggle and Social Movement

One hundred years after proletarian self-protection groups in Italy called themselves «antifascisti» for the first time in 1921 and defended themselves against the fascist Blackshirts («camicie nere»), it is high time to take a comprehensive look at the history of anti-fascism. In fact, (historical-)scientific considerations of anti-fascism are experiencing a small renaissance in the English-speaking world.

100 Jahre Antifaschismus – zwischen Klassenkampf und sozialer Bewegung

Das internationale Erstarken der autoritären Rechten mobilisiert verstärkt ihre Gegner/innen. Ob in Griechenland, den USA – wo Donald Trump «die Antifa» als angebliches «terrorist movement» gar verbieten lassen wollte –, in Brasilien, in Russland, in Großbritannien oder hierzulande: Initiativen, Bündnisse oder Organisationen, die sich den Rechten entgegenstellen und sich explizit als Antifaschist/innen verstehen, sind mit ihrer Praxis gegenwärtig verstärkt im Blick der Öffentlichkeit. In einigen Ländern politisiert sich gar eine neue Generation der radikalen Linken – ähnlich wie in der Bundesrepublik in den 1990er und 2000er Jahren – unter dem Label «Antifa». Dabei berufen sich die heutigen Aktivist/innen in ihren Handlungen, in ihren Organisierungsformen und in ihrer Symbolik beinahe durchgehend auf historische Vorbilder, die sich aber national stark unterscheiden.

Einhundert Jahre, nachdem sich in Italien 1921 proletarisch geprägte Selbstschutzgruppen das erste Mal als «antifascisti» bezeichneten und sich gegen die faschistischen Schwarzhemden («camicie nere») zur Wehr setzten, ist es höchste Zeit, die Geschichte des Antifaschismus umfassend unter die Lupe zu nehmen. Tatsächlich erlebt die (geschichts-)wissenschaftliche Betrachtung des Antifaschismus im englischsprachigen Raum eine kleine Renaissance. Das Revival von «Antifa» in den Vereinigten Staaten schlägt sich in der Veröffentlichung praxisnaher Reader oder Handbooks nieder und hat auch eine verstärkte historiographische Beschäftigung mit ihren Ursprüngen zur Folge. Neuere Untersuchungen nehmen globalhistorische und transnationale Perspektiven ein und berücksichtigen auch den globalen Süden.

In Deutschland hingegen hinkt die Erforschung der Bewegungsgeschichte hinterher. Denn die 1932 von der KPD-Führung ins Leben gerufene «Antifaschistische Aktion» findet sich zwar in den Annalen der Arbeiter/innenbewegungs- und Kommunismusforschung vielfach wieder, aber «Antifaschismus» als eigenständige Politikform ist bis dato kaum beleuchtet. Erst die Widerstandsforschung hat den vielfältigen antifaschistischen Widerstand gegen das NS-Regime in den 1930er und 40er Jahren aufgegriffen. Älteren Untersuchungen über die 1945 als Grassroots-Bewegungen initiierten Antifa-Komitees folgten keine weiteren Studien. Ebenso ist die gebrochene Geschichte der VVN(-BdA) in der DDR wie der BRD der 1950er Jahre und später nicht hinreichend gewürdigt. Andere Akteur/innen und Gruppen der 1960er und 1970er Jahre, die sich oft im Umfeld der Gewerkschaften und der Neuen Linken bewegten, harren der Wiederentdeckung durch die Forschung. Bislang existieren jenseits von verstreuten Aufsätzen und von (Selbst-)Zeugnissen der Autonomen, der Fantifa, der Antifaşist Gençlik sowie der ostdeutschen Antifa-Bewegung noch kaum aktuelle Studien über die 1980er und 1990er Jahre, die eine der bedeutendsten und langlebigsten sozialen Bewegungen in der Geschichte der Bundesrepublik in ihrer Breite behandeln. Nicht nur müssten ältere Veröffentlichungen historisiert werden; es fehlen auch Arbeiten zu Wandel und Kontinuitäten antifaschistischer Praxis und Gesellschaftsanalysen, (vergleichende) Mikrostudien zu Regionen oder generationelle sowie transnationale Verflechtungsgeschichten. Gleichfalls stellt sich auch die Frage nach historischen Brüchen: So lässt sich sowohl in Bezug auf das wiedervereinigte Deutschland als auch die postkommunistischen Gesellschaften in Südost- und Ostmitteleuropa die Frage diskutieren, auf welche Weise die Jahre der Transformation die Herausbildung eigenständiger Antifa-Bewegungen beeinflussten. Inwiefern war und ist «Antifa» Ausdruck der Anti-Utopie einer Linken, die sich nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus von der Sozialutopie des Kommunismus abgewandt hat? Oder fungiert Antifaschismus historisch gesehen als linke Fortschrittsbewegung unter erschwerten Bedingungen? Und warum übernehmen die Akteur/innen mit dem Antifaschismus-Topos ausgerechnet ein zentrales Versatzstück realsozialistischer Herrschaftsideologie?

Trotz seiner inhaltlichen Unbestimmtheit und unterschiedlichen Füllung im Laufe der Jahrzehnte verweist der Antifaschismus-Begriff auf eine marxistische Traditionslinie und ist damit auch mit der Klassenfrage verbunden. Antifaschistische Bewegungen entstanden und entstehen nicht nur, aber eben auch aus der organisierten Arbeiter:innenbewegung heraus. Gleichwohl fand in und mit der Neuen Linken seit den 1960er Jahren eine weitgehende Entkopplung der «Antifa» von der Arbeiter:innenklasse statt. Wie also ist das Verhältnis von Antifaschismus und Arbeiter/innenbewegung in Theorie und Praxis zu begreifen?

Wie gestalteten sich die Beziehungen von Antifa und Gesellschaft, welches Verhältnis hatte und hat Antifa zu Demokratie und welche Gesellschaftsbilder sind den verschiedenen Antifaschismen immanent? Was unterscheidet diese wiederum vom bloßen Antinazismus?

«Die Antifa» gibt es nicht. Doch jenseits dieser wenig aussagekräftigen Binsenweisheit möchte der Schwerpunkt die verbindenden Elemente in ihrer Vielfältigkeit ausmachen. Die Breite und Diversität von Antifa-Bewegungen zeigt sich in den Einflüssen verschiedener linker Strömungen, subkultureller Szenen und Subszenen, in der ideologischen Selbst-Verortung als kommunistisch/anarchistisch/antikapitalistisch/antiimperialistisch/internationalistisch/antinational/antideutsch/undogmatisch usw., in ihren Auseinandersetzungen um Militanz und Gewalt ebenso wie in ihrem Verhältnis zu anderen Sozialen Bewegungen, in der Alltagskultur und der Musik, in Fragen kollektiver Selbst-Organisation und vielem mehr. Auch die Analysekategorien race/class/gender ließen sich in einer intersektional orientierten Zeitgeschichte einer oft (und sicherlich nicht zu Unrecht) als «weiß» und «bürgerlich» angesehenen Antifa-Bewegung anwenden.

Zeitlicher Rahmen:
- Antifa in der Zwischenkriegszeit: antifaschistische Theorie und Praxis vor dem Faschismus an der Macht und der NS-Herrschaft; Antifaschismus neben und jenseits der beiden großen Arbeiter/innenparteien; Anarchismus und Antifaschismus
- Antifa im Krieg: Personale und ideelle Transfers von Antifaschismus in Widerstands- und Befreiungsbewegungen in Europa, Asien, Afrika und den Amerikas
- Antifa im Kalten Krieg: antifaschistische Narrative nach dem Zweiten Weltkrieg; antifaschistische Selbst-Organisierung in postfaschistischen Gesellschaften
- Antifa in der deutschen Teilung: Antifaschismus vor der Antifa-Bewegung; Einfluss des DDR-Antifaschismus auf die westdeutsche Neue Linke; eigensinniger und dissident-oppositioneller Antifaschismus in der DDR
- Antifa beyond: Antifaschismus in der Transformation nach 1989/90; mediale Narrative und Selbstnarrationen

Mögliche Themen sind u.a.:
- Transfers: transnational-transferanalytische und transnational-vergleichende Untersuchungen von Antifa-Bewegungen; personale Netzwerke; Fragen von «Glokalisierung»; antifaschistische Faschismus-Analysen im Vergleich
- Beziehungen: Verhältnis zu anderen linken (Teil-)Bewegungen, zu migrantischer Selbst-Organisation, zu Minderheiten und diasporischen Gruppen, zu den Gewerkschaften und Verfolgtenverbänden
- Verflechtungen: antifaschistische Deutungen gesellschaftlicher Prozesse und Phänomene; Wahrnehmungen von «Antifa» in Gesellschaft, Staat und Öffentlichkeit
- Geschlecht: Verhandlung und Bedeutung von Geschlecht und Sexualität ebenso wie von Feminismus und antisexistischer Praxis
- Klasse: antifaschistische Praxis in Betrieben und Belegschaften und das Verhältnis von «Antifa» und Arbeiter/innenklasse; anti-bürgerliche Bürgerlichkeit und die nicht gestellte Klassenfrage der Antifa-Bewegung
- Erinnerung: Bedeutung von Erinnerungskultur und Geschichtspolitik für die Herausbildung einer antifaschistischen «Invention of Tradition» (Eric Hobsbawm/Terence Ranger)

Form und Fristen
Wir bitten bis zum 9. Mai 2021 um die Einreichung aussagekräftiger Exposés im Umfang von bis zu 2.500 Zeichen, aus denen Thema, Methode und Quellenbasis des geplanten Artikels hervorgehen. Auf Grundlage der Exposés werden wir gezielt Beiträge anfordern. Die Abgabefrist für die ausgearbeiteten Artikel ist der 5. Dezember 2021. Die Einsendung kann in deutscher oder englischer Sprache erfolgen, Einsendung in anderen Sprachen jedoch nur nach vorheriger Rücksprache. Rezensionen und Dokumentationen zu thematisch passenden Veröffentlichungen oder Ausstellungen sind ebenso willkommen. Alle Beiträge durchlaufen vor der Veröffentlichung ein internes Begutachtungsverfahren (double peer review), erst nach Einreichung und Begutachtung der Endfassung erfolgt die Publikationszusage. Beiträge für Arbeit – Bewegung – Geschichte werden nicht honoriert. Manuskripte bitte per Email, vorzugsweise als Word-Datei einsenden. Die ausgearbeiteten Beiträge sollen 50.000 Zeichen inkl. Leerzeichen und Fußnoten nicht überschreiten. Bitte beachten Sie unsere Hinweise für Autorinnen und Autoren.

100 Years of Anti-Fascism – Between Class Struggle and Social Movement

The international strengthening of the authoritarian right is increasingly mobilising its opponents. Whether in Greece, the USA – where Donald Trump even wanted to ban «Antifa» as an alleged «terrorist movement» –, Brazil, Russia, the United Kingdom or Germany, initiatives, alliances or organisations that oppose the right and see themselves explicitly as anti-fascists are increasingly in the public eye due to their practices. In some countries, a new generation of the radical left is politicising itself under the label «Antifa» – similar to the situation in Germany in the 1990s and 2000s. In their actions, forms of organisation and symbolism, today's activists almost always refer to historical models, which, however, differ greatly from one country to another.

One hundred years after proletarian self-protection groups in Italy called themselves «antifascisti» for the first time in 1921 and defended themselves against the fascist Blackshirts («camicie nere»), it is high time to take a comprehensive look at the history of anti-fascism. In fact, (historical-)scientific considerations of anti-fascism are experiencing a small renaissance in the English-speaking world. The revival of «antifa» in the United States is reflected in the publication of practice-oriented readers or handbooks and has also resulted in an increased historiographical engagement with its origins. More recent studies take global-historical and transnational perspectives and also consider the Global South.

In Germany, on the other hand, research into the history of the movement is lagging behind. Although the «Antifaschistische Aktion» (Anti-Fascist Action), founded by the KPD leadership in 1932, is often found in the annals of labour movement and communism research, «anti-fascism» as an independent political form has hardly been examined to date. Only resistance research has looked into the diverse forms of anti-fascist resistance against the Nazi regime in the 1930s and 40s. Older studies on the antifa committees initiated in 1945 as grassroots movements were not followed by further research. Likewise, the fractured history of the «Association of Persecutees of the Nazi Regime/Federation of Anti-fascists» in the GDR as well as the FRG of the 1950s and later has not been sufficiently appreciated. Other actors and groups of the 1960s and 70s, which were often more or less loosely associated with the trade unions and the New Left, await rediscovery by researchers. So far, beyond scattered essays and (self-)testimonies of the Autonomen, the Fantifa, the Antifaşist Gençlik and the East German Antifa movement, there are hardly any current studies on the 1980s and 90s that deal with one of the most important and long-lived social movements in the history of the Federal Republic of Germany in its breadth. Not only do older publications have to be historicised, there is also a lack of works on changes and continuities in anti-fascist practice and social analyses, (comparative) micro-studies on specific regions or generational as well as transnational histories of entanglements. Likewise, the question of historical breaks also arises: Thus, with regard to both reunified Germany and the post-communist societies in Southeast and East-Central Europe, there I a question of which way(s) the years of transformation influenced the formation of independent antifa movements that can be discussed. To what extent was and is «antifa» an expression of the anti-utopia of a left that turned away from the social utopia of communism after the collapse of real socialism? Or does anti-fascism function historically as a left-wing movement for progress under difficult conditions? And why do actors with the topos of anti-fascism adopt a central set piece of the ideology of real socialist rule?

Despite its vagueness in terms of content and different make-ups over the decades, the concept of anti-fascism refers to a Marxist tradition and is thus also linked to the class question. Anti-fascist movements have emerged and continue to emerge not only but also from the organised workers' movement. Nevertheless, in and with the New Left since the 1960s, a far-reaching decoupling of «antifa» from both the working class and its milieu has taken place. So how is the relationship between anti-fascism and the working class movement to be understood in theory and practice?

And further: How did the relationship between «antifa» and society develop, what relationship did «antifa» have and still have to democracy, and what images of society are immanent in the various anti-fascisms? What distinguishes them from mere anti-Nazism?

There is no such thing as «antifa». But beyond this little meaningful truism, the focus of the proposed issue should be on identifying the unifying elements in their diversity. The breadth and diversity of «antifa» movements can be seen in the influences of different left currents, subcultural scenes and sub-scenes, in their ideological self-location as communist, anarchist, anti-capitalist, anti-imperialist, internationalist, anti-national, anti-German, undogmatic, etc., in their conflicts about militancy and violence as well as in their relationship with other social movements, in everyday culture and music, in questions of collective self-organisation and much more. The analytical categories of race/class/gender could also be applied in an intersectional oriented contemporary history of an «antifa» movement often (and certainly not unjustly) regarded as «white» and «bourgeois».

Temporal framework:
- Antifa in the interwar period: anti-fascist theory and practice before Fascists were in power and Nazi rule; anti-fascism alongside and beyond the two major workers' parties; anarchism and anti-fascism
- Antifa in the war: personal and ideational transfers of anti-fascism in resistance and liberation movements in Europe, Asia, Africa, and the Americas
- Antifa in the Cold War: anti-fascist narratives after the Second World War; anti-fascist self-organisation in post-fascist societies
- Antifa in a divided Germany: anti-fascism before the antifa movement; the influence of GDR anti-fascism on the West German New Left; obstinate and dissident-oppositional antifascism in the GDR
- Antifa beyond: anti-fascism in transformation after 1989/90; media narratives and self-narratives

Possible topics include:
- Transfers: transnational-transfer-analytical and transnational-comparative studies of antifa movements; issues of «glocalisation»; anti-fascist fascism analyses in comparison
- Relations: relations with other left (sub-)movements, with migrant self-organisation, with minorities and diasporic groups, with trade unions and associations of the persecuted
- Interconnections: anti-fascist interpretations of social processes and phenomena; perceptions of «antifa» in society, the state and the public sphere
- Gender: the negotiation and meaning of gender and sexuality as well as feminism and anti-sexist practice
- Class: anti-fascist practice in workplaces and workforces and the relationship between «antifa» and the working class; anti-bourgeois bourgeoisie and the unasked class question in the «antifa» movement
- Memory: the importance of memory culture and history politics for the formation of an anti-fascist «invention of tradition» (Eric Hobsbawm/Terence Ranger)

Details and deadlines
We request the submission of meaningful research proposals of up to 2,500 characters by May 9, 2021, indicating the topic, method and source base of the planned article. On the basis of the proposals, we will request specific contributions. The deadline for the submission of completed articles is December 5, 2021. Submissions can be made in German or English, and submissions in other languages subject to prior consultation. Reviews and documentation of thematically relevant publications or exhibitions are also welcome. All contributions are subject to an internal double peer review process before publication. Only after the submission and review of the final version will the publication be approved. Contributions to Arbeit – Bewegung – Geschichte will not be remunerated. Please send manuscripts by email, preferably as an MS Word file. Lengthier contributions should not exceed 50,000 characters including spaces and footnotes. Please note our instructions for authors (German).

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