Biographien als Sonden der Transformation? ‚Agency‘ der NS-Täter:innen nach 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich

Biographien als Sonden der Transformation? ‚Agency‘ der NS-Täter:innen nach 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich

Veranstalter
Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
PLZ
1090
Ort
Wien
Land
Austria
Vom - Bis
03.03.2022 - 04.03.2022
Deadline
30.09.2021
Von
Kathrin Janzen, Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien

Workshop an der Universität Wien, 03.-04.März 2022

Biographien als Sonden der Transformation? ‚Agency‘ der NS-Täter:innen nach 1945 in der Bundesrepublik, der DDR und Österreich

Politische Biographien von NS-Täter:innen untersuchen in der Regel neben dem Wirken des einzelnen Täters: oder der einzelnen Täterin: in der Zeit des Nationalsozialismus auch deren Werdegang im späten Kaiserreich, dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik, wobei diesbezügliche Studien oftmals der Konstruktion von organisationsbezogenen Kollektivbiographien dienen. Im Zentrum der Neueren Täter:innenforschung stehen dabei Fragen nach Sozialisation, Milieubildung, generationeller Prägung, Karriereverläufen, Gewalträumen und -milieus, mitunter auch nach Geschlecht und Regionalität.[1] So entstehen vielschichtige Täter:innenprofile und -typologien, die Beteiligung und Teilhabe, Mitmachen und proaktives Handeln zu bestimmen helfen. Dieser Fokus der Neueren Täter:innenforschung seit den 1990er Jahren führt immer wieder zu den gleichen, kontrovers diskutierten Fragen: Wer waren die Täter:innen? Welche Handlungsoptionen besaßen sie und unter welchen Bedingungen wurden sie zu Täter:innen? Welche Rahmenbedingungen (Handlungsräume) ermöglichten die Beteiligung an Täter:innschaft und wie lässt sich daher Täter:innenschaft definieren?
Das weitere Wirken der Täter:innen nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reiches“ hingegen findet lediglich als Nachgeschichte des Nationalsozialismus, in der „Vergangenheitspolitik“ Erwähnung und wird eher selten als Vorgeschichte der postnationalsozialistischen Gesellschaften interpretiert. Zwar sind in den letzten Jahren eine Reihe von Forschungsarbeiten zu Transformationsprozessen um die makrohistorische Zäsur des Jahres 1945 zum Beispiel in Bundesministerien entstanden, allerdings rückt hier das einzelne Individuum durch den strukturgeschichtlichen Ansatz dieser Studien in den Hintergrund.[2] Durch die fixe Markierung von 1945, von Zusammenbruch und Neuanfang, die sich in den Biographien konstituiert, werden die individuellen Perspektiven des biographischen Subjekts verdeckt. Trotz zahlreicher bekannter Biographien über NS-Täter:innen ist die Biographik als Methode jedoch bisher nicht zu einem zentralen Bestandteil der NS-Täter:innenforschung avanciert, der ‚cultural turn‘ in der Geschichtswissenschaft ermöglichte allerdings neue biographiehistorische Zugänge. Denn ein strukturalistischer Ansatz birgt in sich die Gefahr, in der Analyse zu undifferenzierten Generalisierungen zu gelangen, hinter denen sich die tatsächlich deutlich kontingenteren Möglichkeiten, wie die Biographien von NS-Täter:innen im Hinblick auf Kontinuitäten und Brüche ihrer verschiedenen Karrieren nach dem Ende des Nationalsozialismus verlaufen konnten, nicht erkennen lassen.

Transformation
Geschichtswissenschaftliche Studien bemühen sich zum besseren Verständnis eines historischen Komplexes oft – nicht zu Unrecht – um die Markierung von Zäsuren und um Phaseneinteilung. Der Ansatz der biographischen ‚Sonde‘ in Verbindung mit dem unten skizzierten ‚agency‘-Konzept ermöglicht demgegenüber, den Prozesscharakter der Transformation ernst zu nehmen. Die historische Transformationsforschung öffnet die Perspektive auf die individuellen Wahrnehmungen und Deutungen bezüglich kollektiver Umbruchserscheinungen. Ideologisierte gesellschaftliche Wissens- und Erfahrungsbestände verändern sich und prägen die Identität ihrer Träger:innen.[3]

Biographik
Der Workshop rückt die Handlungsmacht des biographischen Subjekts ins Zentrum und zielt nicht darauf ab, eine Kollektivbiographie zu konstruieren. Zentrale empirische Grundlage zur historiographischen Analyse sollen dabei vor allem Ego-Dokumente wie Lebensläufe, amtliche Aussagen in Entnazifizierungsverfahren und dergleichen sein. Gemäß dem Diktum von Pierre Bourdieu, wonach autobiographische Selbstzeugnisse stets reine Ex-Post-Konstruktionen sind, die sowohl dem Urheber:der Urheberin: als auch dem potenziellen Rezipienten: oder der Rezipientin: eine vermeintliche Kohärenz des eigenen Lebens vermitteln und damit sinnstiftend sein sollen, möchten wir uns ansehen, wie das untersuchte biographische Subjekt versucht hat, mit der eigenen NS-Biographie den Übergang ins neue System eigenmächtig zu gestalten.[4]

Agency
Oft jedoch wird menschliches Handeln als lediglich reaktiv, stringent und folgerichtig beschrieben. Gegenüber einer vorgegebenen gesellschaftlichen Kollektivstruktur muss sich das individuelle Subjekt verhalten. Das Konzept der ‚agency‘[5] kann helfen, Makro-, Meso- und Mikroebene zusammen zudenken und dem Subjekt in jeder gesellschaftlichen Konstellation und Situation individuelle Handlungsmacht zuzubilligen. Dabei ist Handeln referenziell in Bezug auf die Struktur, strukturiert diese zugleich und gewinnt besondere Bedeutung im Zuge Gesellschaft transformierender Ereignisse.

So sollen Gesellschaft und Individuum nicht getrennt voneinander betrachtet werden, da sie schließlich immer in wechselseitiger Beziehung zueinanderstehen. Die Biographie soll vielmehr als „Sonde“ (Thomas Etzemüller) für eine integrierte Gesellschaftsgeschichte verstanden werden, „um das Funktionieren der Gesellschaft zu verstehen“. [6] Der Ansatz verspricht die Auflösung der Dichotomie von Makro- und Mikrogeschichte, von ‚structure‘ und ‚agency‘. Wir möchten die im Zuge des geplanten Workshops durch unsere gewählte induktive Herangehensweise gewonnenen Erkenntnisse zur Einzelbiographie unter den unten genannten Fragestellungen schließlich synthetisieren und sehen darin die Möglichkeit, die oben genannte aktuelle Konjunktur von Forschungen zu (Dis-)Kontinuitäten des Nationalsozialismus nach 1945 um eine weitere Perspektive zu ergänzen.

Fragenkomplexe
Der Workshop möchte sich daher den folgenden Fragekomplexen widmen:

- Täter:innenschaft: Wie geht der/die Einzelne mit der eigenen Täter:innenschaft/Beteiligung an NS-Verbrechen um? Wird diese in die Narration der eigenen Biographie eingebunden oder ausgeblendet, legitimiert oder geleugnet? Was sind Legitimations-, Rechtfertigungs-, Selbstviktimisierungs- und Abgrenzungsstrategien?
- Karriere und Netzwerk: Wie reagieren Akteur:innen auf Systemzusammenbrüche und -wechsel? Warum gelingt den einen die Reintegration ins neue System und anderen nicht? Welche Akteur:innen konnten ihre im „Dritten Reich“ erworbene ‚Expertise‘ neu einbringen, welche nicht? Wie bilden Funktionseliten Netzwerke aus, die bei Systemwechseln zusammenbrechen, erhalten bleiben, sich regenerieren, transformieren und ihre Funktion verändern können? Bleiben private Netzwerke trotz gleichzeitiger öffentlicher/beruflicher Desintegration bzw. Neuorientierung bestehen oder umgekehrt?
- Integration: Wie findet die Einbindung von Akteur:innen in das neue System statt? Wann werden alte Eliten integriert? Wo gelingt Integration, wo scheitert sie? Gibt es eine Integration abseits der Eliten?
- Struktur: Das Handeln der Akteur:innen war beeinflusst von den Bedingungen in der jeweiligen postnationalsozialistischen Gesellschaftsformation – westalliierte Besatzungszonen und Bundesrepublik, Sowjetische Besatzungszone und DDR sowie Österreich. Wie ist die Bedeutung der gesellschaftlichen Struktur für die Handlungsentscheidungen der Akteur:innen einzuschätzen?
- Legalität und Illegalität: Wer ergriff die Flucht? Wer behielt seine legale Existenz bei und wer ging in die Illegalität? Was lässt sich über das Verhältnis von tatsächlicher und aus Sicht der Täter:innen nur befürchteter Strafverfolgung aussagen, also wer wurde tatsächlich strafrechtlich verfolgt bzw. wer hatte eine Strafverfolgung nur befürchtet und deswegen präventiv Maßnahmenergriffen? Welche Rückschlüsse lassen sich dadurch bezüglich der Frage nach (Des-)Integration der jeweils relevanten Person ziehen?

Bewerbung: Besonders aufgerufen sind Nachwissenschaftler:innen, insbesondere Doktorand:innen in der Geschichtswissenschaft und verwandter Disziplinen. Vorschläge mit Erläuterung von Thema, Relevanz, empirischer Grundlage und methodischem Zugang können in Form eines ein- bis zweiseitigen Abstracts inkl. Kurzvita zur eigenen Person als PDF-Dokument bis zum 30.09.2021 per E-Mail bei taeterbiografien.ifz@univie.ac.at eingereicht werden. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Reise- sowie Übernachtungskosten können in begrenztem Umfang erstattet werden.

Veranstalter: Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien
Team: Oliver Gaida/ Kathrin Janzen / Stefan Jehne / Yves Müller

Anmerkungen:
[1] Gerhard Paul/Klaus-Michael Mallmann, Sozialisation, Milieu und Gewalt. Fortschritte und Probleme der neueren Täterforschung, in: dies. (Hg.), Karrieren der Gewalt. Nationalsozialistische Täterbiographien (= Veröffentlichungen der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Bd. 2), Darmstadt 20133, S. 1-32; Frank Bajohr, Neuere Täterforschung, in: Oliver von Wrochem (Hg.), Nationalsozialistische Täterschaften. Nachwirkungen in Gesellschaft und Familie, unter Mitarbeit von Christine Eckel (= Reihe Neuengammer Kolloquien, Bd. 6), Berlin 2016, S. 19-31. Vgl. außerdem die wichtigen Studien von Ulrich Herbert und Michael Wildt: Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989, Bonn 1996; Michael Wildt, Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.
[2] Vgl. bspw. Norbert Frei et al., Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und in der Bundesrepublik, München 2010; Manfred Görtemaker, Christoph Safferling, Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit, München 2016; Imanuel Baumann et al., Schatten der Vergangenheit. Das BKA und seine Gründungsgeneration in der frühen Bundesrepublik, Köln 2011.
[3] Uta Bredschneider, Individuelle Umbruchserfahrungen und Transformationsgeschichte(n), in: Zeitgeschichte-online, März 2019, URL: https://zeitgeschichte-online.de/themen/individuelle-umbruchserfahrungen-und-transformationsgeschichten (26.9.2019).
[4] Vgl. Pierre Bourdieu, Praktische Vernunft. Zur Theorie des Handelns, Frankfurt am Main 1998, S. 76.
[5] Vgl. Rod Aya, Der Dritte Mann, oder Agency in der Geschichte, oder Rationalität in der Revolution, in: Geschichte und Gesellschaft 19 (2001), Sonderheft: Struktur und Ereignis, S. 33-45.
[6] Thomas Etzemüller, Biographien. Lesen – erforschen – erzählen (= Historische Einführungen, Bd. 12), Frankfurt am Main/New York 2012, S. 8.

Kontakt

taeterbiografien.ifz@univie.ac.at
kathrin.janzen@univie.ac.at

Redaktion
Veröffentlicht am
28.03.2021
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