Der Faschismus, der 1922 in Italien an die Macht gekommen ist, hat Europa in seinen verschiedenen Erscheinungsformen nachhaltig geprägt und tritt bis heute – wenn auch in modifizierter Form – in Erscheinung. Das 20. Jahrhundert ist gezeichnet vom Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, aber auch vom Kommunismus, von Demokratisierung, dem Kalten Krieg sowie von (Post)Kolonialismus bis hin zur Europäisierung und zum Ende der bipolaren Welt. Im 21. Jahrhundert sind wir nicht nur mit den Folgewirkungen dieser Phänomene konfrontiert, sondern auch mit neuen Entwicklungen, wie z.B. mit der sich intensivierenden Globalisierung und internationaler Migration, mit weltweiten ökonomischen und ökologischen Krisen sowie mit unterschiedlichen Formen von Populismus und Terrorismus.
„Risse in der Zeitgeschichte“ – unter dieser Überschrift legt der 14. Österreichische Zeitgeschichtetag 2022 in Salzburg den Fokus auf politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und biographische Brüche, Kontinuitäten und Transformationen in der Zeitgeschichte. Krisen und ihre jeweiligen historischen Ursachen, politischen Vereinnahmungen und Nachwirkungen, aber auch ihre Überwindung und Bewältigung sind zentrale Themenfelder der Zeitgeschichte. In den Blick genommen werden daher auch Risse zwischen unterschiedlichen Gesellschaftssystemen im internationalen Kontext ebenso wie Risse innerhalb von Gesellschaften – zwischen Mehrheitsgesellschaft und Minderheiten, sozialen Klassen, politischen Lagern und zwischen den Geschlechtern.
Wir verstehen Zeitgeschichte als politische Orientierungswissenschaft. Sie beschäftigt sich zum einem mit historischen Ereignissen und ihren Auswirkungen auf unsere Gegenwart in Politik und Gesellschaft. Zum anderen versucht sie, gegenwärtige Phänomene in ihrer historischen Dimension zu erfassen und historische Erklärungsmuster dafür zu finden. Zeitgeschichte hat somit eine eminent gesellschaftspolitische Funktion und Relevanz. Der Anspruch der Zeitgeschichte als public history soll am Zeitgeschichtetag 2022 in Salzburg durch die Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen wie Populismus, politischem Extremismus, und gesellschaftlichen Polarisierungen besonders hervorgehoben werden.
Deadline für die Einreichungen: 11. Juni 2021
Wir laden alle interessierten zeithistorisch arbeitenden Forscher:innen zu Einreichungen von Beiträgen ein, die in drei thematischen Schwerpunkten gebündelt werden. Darüber hinaus sind Einreichungen für einen Open Space möglich.
Schwerpunkt 1: Transformationen – Risse durch die Zeit
In diesem Schwerpunkt wird die zeitliche Dimension der Zeitgeschichte in den Blick genommen. Es geht um historische Ereignisse und Phänomene, die zu teils massiven Erosionen in Politik und Gesellschaft führ(t)en, die in einer geschichtlichen Kontinuität stehen, aber im Laufe der Zeit auch Veränderungen durchlaufen haben. Beiträge in diesem Bereich beschäftigen sich mit Zäsuren, Kontinuitäten und Transformationen im „Zeitalter der Extreme“ bis zur Gegenwart. Wie wirken Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus, Rassismus, Antisemitismus, Antikommunismus usw. bis heute fort, inwiefern haben sie sich verändert und an neue Gegebenheiten angepasst? Einreichungen zu biographischen Kontinuitäten und Brüchen im 20. Jahrhundert bis zur Gegenwart sind ebenso erwünscht wie Auseinandersetzungen mit (internationalen und europäischen) Epochenbrüchen und ihrer Relevanz für die österreichische Zeitgeschichte heute.
Schwerpunkt 2: Konflikte – Risse durch die Gesellschaft
In diesem Schwerpunkt werden Beiträge gebündelt, die sich mit historischen und gegenwärtigen Krisen-Phänomenen und gesellschaftlicher Spaltung beschäftigen. Konkret geht es um zerrissene Gesellschaften, politische Polarisierung sowie um Praktiken der Ungleichheit, die aus Forderungen nach gesellschaftlicher Homogenisierung und Abschottung resultieren können. Thematisiert werden sollen aber auch Konzepte zur Überwindung derartiger Spaltungen, insbesondere Demokratiekonzepte, und unterschiedliche Formen von Widerstand und zivilem Engagement. Wir erwarten uns zu diesem Themenfeld Beiträge zu Fragen der Inklusion und Exklusion, zu politischem Extremismus und Populismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, zu Antisemitismus und Islamfeindlichkeit sowie Diskriminierung aufgrund des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung. Auch Einreichungen zu gesellschaftlichen Spannungen im Kontext nationaler und globaler Entwicklungen wie Globalisierung, Migration und Klimakrisen bieten sich an.
Schwerpunkt 3: Perspektiven – Risse durch das Fach
In diesem Schwerpunkt geht es um Reflexionen über inhaltliche, methodische und didaktische Herausforderungen der Zeitgeschichte, um Fragen der Vermittlung, neue Forschungsansätze und Forschungsdesiderata. Zeitgeschichte im Sinne von public history ist immer auch Streitgeschichte – gerade im Kontext von Zensur und Vereinnahmungsversuchen sowie Debatten um „cancel culture“. Von Interesse sind somit Beiträge zu Rissen durch das Fach, also Forschungskontroversen und damit einhergehenden Deutungskämpfen. Zudem bieten sich Fragen nach der Relevanz von historischen Zäsuren und Brüchen an. Sind der Nationalsozialismus und das Jahr 1945 nach wie vor entscheidende Referenzpunkte für die Zeitgeschichte oder gibt es diesbezüglich auch (sukzessive) Verschiebungen und Überlagerungen? Im Kontext von 100 Jahren Faschismus sind insbesondere Beiträge zu den unterschiedlichen Zugängen der Faschismusforschung – nicht zuletzt mit Blick auf das Österreich der 1930er Jahre – willkommen.
Open Space
Der Open Space bietet Raum für Beiträge, die aufgrund ihrer Thematik keinem der drei vorgegebenen Schwerpunkte zuzuordnen sind und/oder andere Präsentationsformen (Filmvorführungen, künstlerische Interventionen, o.ä.) wählen.
Wie kann ich mich für eine Teilnahme bewerben?
Die Bewerbung erfolgt über die Einreichung kompletter Panels. Auch Einzeleinreichungen werden berücksichtigt, sofern sie einem Panel zugeordnet werden können. Die Einreichungen sollen einem der genannten Schwerpunkte zugeordnet werden; andernfalls wird die Zuteilung vom Tagungsteam vorgenommen. Die Bekanntgabe von Chairs ist erwünscht, aber nicht notwendig. Mehrfacheinreichungen sind nicht möglich, allerdings können Einreichende zusätzlich den Chair eines anderen Panels übernehmen.
Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch.
Panels bestehen aus je drei Vorträgen (à 20 Minuten). Proposals für Panels müssen Folgendes beinhalten: eine Kurzbeschreibung des Panels (max. 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen), die Namen aller Beiträger:innen inkl. einer jeweiligen Kurzbiographie (max. eine halbe Seite), Titel und Abstracts zu den einzelnen Vorträgen jeweils max. 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) sowie allenfalls Angaben zum Chair.
Proposals für Einzelbeiträge umfassen den Namen des bzw. der Beiträger:in, den Titel des Vortrags, einen Abstract von max. 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen und eine Kurzbiographie (max. eine halbe Seite).
Einreichungen für den Open Space sollen das Vorhaben kurz beschreiben (max. 1.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) sowie kurze Angaben zu den Beteiligten und zu den technischen Voraussetzungen der Umsetzung machen.
Einreichungen werden bis zum 11. Juni 2021 unter folgender E-Mail-Adresse entgegengenommen: zgt2022@sbg.ac.at
Zu-/Absage
Über die Zulassung von Einreichungen entscheidet ein Gremium von Gutachter:innen nach einem standardisierten Verfahren (Doppelbegutachtung). Bei der Auswahl wird besonderes Augenmerk auf Innovativität und Aktualität der Themen und Forschungsansätze gelegt. Das endgültige Programm wird vom Tagungsteam zusammengestellt, die angenommenen Abstracts werden auf der Tagungshomepage veröffentlicht.
Das Tagungsteam wird versuchen, jüngere Kolleg:innen aktiv einzubinden und ihre wissenschaftliche Vernetzung im Rahmen des Österreichischen Zeitgeschichtetags zu fördern.
Anfang Dezember 2021 werden alle Bewerber:innen über Zu- oder Absagen informiert.
Gebühren und Stipendien
Die Tagungsgebühr für die Teilnahme am Zeitgeschichtetag 2022 beträgt 50 Euro.
Vortragende ohne institutionelle Anbindung werden eingeladen, sich für ein Stipendium für die Teilnahme am Österreichischen Zeitgeschichtetag 2022 zu bewerben. Dazu ist der Einreichung des Proposals ein formloses Schreiben mit einer kurzen Begründung beizulegen.
Studierende können sich für ein Stipendium zur Tagungsteilnahme bewerben, das in Kooperation mit der Österreichischen Hochschüler:innenschaft organisiert wird.