Un/Eindeutigkeiten: Ambiguität und Pluralität in der Gegenwartsliteratur

Panel "Un/Eindeutigkeiten: Ambiguität und Pluralität in der Gegenwartsliteratur"

Veranstalter
Jeannette Oholi, Justus-Liebig-Universität Gießen; Lisa Wille, Technische Universität Darmstadt (Germanistentag 2022)
Ausrichter
Germanistentag 2022
PLZ
33098
Ort
Paderborn
Land
Deutschland
Vom - Bis
25.09.2022 - 28.09.2022
Deadline
15.07.2021
Von
Jeannette Oholi, Justus-Liebig-Universität Gießen

27. Deutscher Germanistentag, Paderborn, Panel im Themenbereich 4: Gesellschaftliche Zugänge

Panel "Un/Eindeutigkeiten: Ambiguität und Pluralität in der Gegenwartsliteratur"

Dass die deutsche Gesellschaft seit jeher mehrdeutig und Pluralität eine gelebte Realität ist, ist als Faktum unbestreitbar. Jedoch wird diese gelebte Realität in den Diskursen der Dominanzgesellschaft häufig negiert und stattdessen das Bild eines homogenen Deutschlands propagiert. Menschen mit ihren vielschichtigen Identitäten werden marginalisiert, als ‚Andere‘ markiert und in einem ‚Außerhalb‘ verortet. Nicht zuletzt werden diese Prozesse durch wieder aufblühende nationalistisch-konservative Gesellschaftskreise und lauter werdende antidemokratische Kräfte befeuert, die mit der Zunahme an Intoleranz gegenüber kulturellen Mehrdeutigkeiten sowie deren Ablehnung einhergehen. Jüngst hat der Islamwissenschaftler Thomas Bauer in "Die Vereindeutigung der Welt: Über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt" (2018) aufgezeigt, wie in vielen Lebensbereichen unserer Gesellschaft „Vielfalt, Komplexität und Pluralität häufig nicht mehr als Bereicherung empfunden“ (Bauer 2018, S. 30) werden. Stattdessen wird ein ‚Zwang‘ zur Vereindeutigung sichtbar, der sich in dem Wunsch äußert, die Welt und deren Verhältnisse messbar und damit eindeutig und normierbar zu machen. Auch die nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie betont in ihrem TED Talk "The danger of a single story" die Gefahr von Vereindeutigungen, die machtvolle Narrative generieren und in der Folge Menschen enthumanisieren, wenn diese nicht in ihrer Pluralität, einer Vielzahl von Geschichten, wahrgenommen werden.

Die Frage nach den Auswirkungen von gesellschaftlicher Vereindeutigung und deren diskursiven Bezügen lässt die Literatur als jenen Ort erkennen, an dem sowohl strukturelle Marginalisierung als auch Prozesse der Sichtbarmachung von Pluralität und Mehrdeutigkeit aufgezeigt, reflektiert und erfahrbar gemacht werden. Auch eine Vereindeutigung und Kategorisierung von Literatur in ‚deutsche Literatur‘ und ‚Migrationsliteratur‘ wird durch Autor:innen mit vielfältigen Biografien, Zugehörigkeiten, Erfahrungen und Verortungen in Frage gestellt. Texte von Stefanie-Lahya Aukongo, Fatma Aydemir, Max Czollek, Asal Dardan, Sharon Dodua Otoo, Mithu Sanyal, Saša Stanišić und vielen anderen ‚verkomplizieren‘ Vereindeutigungen und machen Deutschland als Gesellschaft radikaler Pluralität sichtbar.

Im geplanten Panel soll unter besonderer Berücksichtigung kritischer kulturwissenschaftlicher Zugänge zu Literatur (z.B. Postmigrantische Studien, Gender Studies, Postcolonial Studies, Queer Studies, Intersektionalitätstheorie, Critical Whiteness Studies, Feminist Studies, Critical Race Theory) der Frage nachgegangen werden, wie vereindeutigende gesellschaftliche Marginalisierungs- und Homogenisierungsprozesse in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur verhandelt werden. Hierbei ist nicht nur zu diskutieren, ob sich eine Ästhetik der Ambiguität in der Gegenwartsliteratur erkennen lässt, sondern auch, inwiefern durch literarische Aushandlungen vereindeutigende ebenso wie uneindeutige Identitätszuschreibungen sichtbar gemacht werden können.

Anknüpfungspunkte für Vorträge können unter anderem folgende Fragen sein:
- Wie werden Marginalisierungs- und Homogenisierungsprozesse in deutschsprachiger Gegenwartsliteratur verhandelt?
- Inwiefern stellt die deutschsprachige Gegenwartsliteratur einen Ort gesellschaftlich-aktivistischer Widerstände dar?
- Wie wird (radikale) gesellschaftliche Pluralität in deutschsprachigen literarischen Texten erzählt?
- Lässt sich eine Ästhetik der Ambiguität in literarischen Texten erkennen?
- Wie und wann wird Mehrdeutigkeit als Bereicherung dargestellt?

Das Panel will diese Fragen in vier Vorträgen und einem übergeordneten Kommentar von je 15 Minuten und mit anschließender Diskussion untersuchen. Vorschläge für 15-minütige Vorträge (max. 300 Wörter) und ein kurzer wissenschaftlicher CV werden bis zum 15.07.2021 erbeten an: lisa.wille@tu-darmstadt.de und Jeannette.Oholi@gcsc.uni-giessen.de

Kontakt

lisa.wille@tu-darmstadt.de
Jeannette.Oholi@gcsc.uni-giessen.de

Redaktion
Veröffentlicht am
11.06.2021
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