Unbeschreibliche Gewalt. Die Kultur der Schlacht von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Jahrestagung des Arbeitskreis Militärgeschichte e.V.

Ort
Minden
Veranstalter
Arbeitskreis Militärgeschichte e.V., Organisation: Jun.-Prof. Dr. Marian Füssel / PD Dr. Michael Sikora
Datum
30.03.2009
Von
Sikora, Michael

Gewalt gehört seit einigen Jahren zu den meistdiskutierten Themen der historischen Forschung. Merkwürdigerweise ist dabei aber die extremste Form der Gewaltanwendung, die Schlacht, weitgehend unbeachtet geblieben. Eine moderne, methodisch innovative Schlachtengeschichte, die Anschluß sucht an die kulturwissenschaftlichen Analysen von Gewaltphänomenen, stößt allerdings auch auf mehrere Hürden. Zwar hat sich die moderne Militärgeschichte von den legitimatorischen und „applikatorischen“ Traditionen der Generalstabsgeschichte verabschiedet, aber auch die Ansätze für eine neue Operationsgeschichte haben bisher noch kaum Anknüpfungspunkte bereit gestellt für eine Kulturgeschichte der Schlachtgewalt jenseits des taktischen Kalküls. Im Gegensatz zu den Problemen alltäglicher Gewalt ist dem modernen Betrachter das Schlachtgeschehen ohnehin nur noch als historisches Phänomen vermittelbar, ist doch der modernen Kriegführung ein ereignishafter Fokus abhanden gekommen. Schließlich sieht sich gerade die Geschichte der Schlacht mit einer Reihe grundlegender methodischer Probleme konfrontiert. Anregungen von methodisch innovativen Studien wie John Keegans Face of Battle (1975) sind dabei bislang in der deutschsprachigen Forschung kaum aufgenommen worden.

Als Schlacht soll eine militärische Konfrontation großen Ausmaßes gelten, die als in Zeit und Raum klar definiertes, singuläres Ereignis wahrgenommen werden kann und wahrgenommen worden ist. Die Herausforderung besteht darin, daß es sich dabei um ein scheinbar chaotisches, in der unüberschaubaren Fülle des Gleichzeitigen schlechthin nicht beschreibbares Geschehen handelt, das sich bei näherem Hinsehen in eine Vielzahl kontingenter Gewaltpraktiken auflöst. Die Rekonstruktion dieser Praktiken wie des Ereignisses als Ganzem bleibt jedoch auf die in Selbstzeugnissen und Relationen niedergelegte Wahrnehmung der Zeitgenossen angewiesen, die selbst bestimmten narrativen Mustern folgen. Auf die Faszination, die von einer in Raum und Zeit extrem verdichteten, zugleich in ihrer ganzen Komplexität gar nicht wahrnehmbaren Eruption von Gewalt ausgeht, wird seit jeher mit Realitätseffekten reagiert. Auch die scheinbar noch so objektive Darstellung fußt dabei letztlich auf vorstrukturierten Artikulationsmustern. Dieser Herausforderung soll begegnet werden, in dem nicht neue Rekonstruktionen produziert, sondern die Produktionsbedingungen von Rekonstruktionen analysiert werden sollen, also die Art und Weise, in der sowohl einzelne Elemente als auch das Ganze der Schlacht in Wahrnehmungsweisen und Repräsentationen ihren Niederschlag findet.

Mögen die zeitgenössischen Berichte und Bilder auch noch so realistisch anmuten, so bleibt immer zu bedenken, dass sie nur eine kulturell vermittelte Realität beschreiben. Aus sehr unterschiedlichen Perspektiven konstruieren sie die Normalität im Chaos, selektieren sie zwischen dem Gewöhnlichen und dem Heroischen, dem Legitimen und dem Unerhörten, dem Sagbaren und dem Unaussprechlichen. Diese Codierung erst erlaubt es, die Gewalt überhaupt als sinnhaft darzustellen und zu bewältigen, und an diesem Punkt wird die Schlachtgeschichte zum zentralen Kapitel einer Kulturgeschichte der Gewalt. Die Hierarchisierung in authentische und weniger authentische Quellentypen wird man auf diesem Wege zugunsten der Frage nach den Unterschieden ihrer medialen Qualität aufgeben müssen. Dadurch tritt die Frage nach den unterschiedlichen Repräsentationen des Ereignisses in den Mittelpunkt. Schlachtenbilder treten als Vermittler von Realitätseffekten damit ebenso in den Blick wie Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen.

Eine so verstandene kulturgeschichtliche Perspektive auf die Schlacht strebt keine histoire totale des Ereignisses an. Die Erzählungen des politischen Machtkampfes oder die traditionellen sozialgeschichtlichen Fragestellungen der neuen Militärgeschichte treten zurück gegenüber einer Fokussierung auf das Ereignis. Die Schlacht bildete im Vergleich zu anderen Formen militärischer Gewalt wie Belagerungen, kleinem Krieg oder der Bedrückung der Zivilbevölkerung eher die Ausnahme. Eine auf den Ereignischarakter abstellende Perspektive hat dies zu berücksichtigen und die Besonderheiten aufzuzeigen.

Die Konzentration auf den Zusammenhang von Gewalt, Ereignis und Repräsentation verspricht dafür in mehrfacher Hinsicht weiterführenden Gewinn. So bewegt sich die kulturgeschichtliche Perspektive konsequent jenseits einer militärischen Fortschrittsgeschichte, sei es in technologischer oder in taktischer Hinsicht. Vielmehr zeigt sich vor dem Hintergrund des Wechselspiels von Struktur und Ereignis die spezifische Historizität von Schlachtengewalt. Den Gewaltcharakter der Schlacht ernst zu nehmen heißt, sie in ihrer spezifischen Qualität als elementare, alle Sicherungen des Lebens infrage stellenden Ausnahmesituation zu begreifen und sich einer dezisionistischen Narration zu verweigern, die die Gewalt in der Abfolge von Voraussetzungen, Ergebnis und Folgen funktional neutralisiert. Indem schließlich die kulturellen Bedingungen der Ereigniskonstitution selbst in den Blick treten kann eine so verstandene „neue“ Schlachtengeschichte auch einen Beitrag zu einer allgemeinen Kulturgeschichte des Politischen leisten.

In diesem Sinne sind verschiedene Dimensionen denkbar, die geeignet sind, sich dem Phänomen der Schlacht in systematischer Weise zu nähern:

Die Materialität des Kämpfens
Der Kampf benötigt Geräte und Ausrüstung, von den Waffen über die spezielle Kleidung bis zu Signalinstrumenten und Fahnen. Was sagen die Berichte und Bilder über die Anwendung der Geräte aus? Welcher Nutzen und welche symbolische Bedeutungen werden den Werkzeugen der Schlacht zugeschrieben? Inwieweit geht von ihnen Bedrohlichkeit oder Stärke aus?

Die Körperlichkeit der Teilnehmer
Der Kampf zielt auf die Verletzung und Tötung des Gegners. Inwieweit aber wird die Verletzlichkeit der Streiter wahrgenommen? Welche Rolle spielt der Tod in den Wahrnehmungen der Schlacht? Welche Bedeutung wird dem Blut zugeschrieben und den Versehrungen, der Haltung der Bedrohten, der Verwundeten, der Sterbenden? Was wird mit den Toten und Verwundeten gemacht?

Die Räumlichkeit der Schlacht
Der Ereignischarakter der Schlacht verwirklicht sich im begrenzten Raum. In welcher Weise realisiert sich der Zusammenhang des Geschehens im Raum, wie also wird kommuniziert, wie weit kann gehört und gesehen werden, wie weit gespannt ist überhaupt der Raum des Wahrnehmbaren? Welche symbolische Bedeutung kommt schließlich der Wahlstatt zu, die geräumt werden muß oder behauptet werden kann?

Die Erfahrung der Schlacht
Es darf unterstellt werden, daß die Schlacht von allen Teilnehmer als höchst aufwühlende Erfahrung erlebt wird. Was davon findet Niederschlag in den Berichten der Augenzeugen? Inwieweit werden kontingente Eindrücke kontextualisiert, gedeutet und bewältigt? Wie verhalten sich Nähe und Ferne, Kämpfer und Führer zum Geschehen der Schlacht?

Die Vermittlung der Schlacht
Die Bedeutung des Ereignisses manifestiert sich darin, daß es den Zeitgenossen als solches vermittelt wird. Wie aber verhält sich Komplexität und Reduktion in der Art und Weise der Darstellung? Inwieweit wird das Geschehen ausgewählt und hierarchisiert? Was gilt als offenbar interessant und entscheidend, wie verhält sich Faszination zu Schrecken, Parteilichkeit zu Sensation?

Die Schlachten der Geschichte
Schlachten leben fort, bleiben mitunter umstritten und werden am Ende auch noch nachgestellt. Inwieweit mutiert der Ereignischarakter der Schlacht in der historischen Rezeption? Welcher Mittel und welcher Sinnschichten bedient sich die Nachwelt bei der Rekonstruktion der Schlachten? In welcher Weise eignet sich die Nachwelt Schlachten an?

Die geplante Tagung wird sich ausschließlich auf Landschlachten konzentrieren (Luft- und Seekrieg sollen explizit nicht berücksichtigt werden). Die einzureichenden Vorschläge sind zeitlich wie räumlich ungebunden. Beiträge zur außereuropäischen Geschichte sind ausdrücklich erwünscht. Grundvoraussetzung für die Berücksichtigung eines Beitrags ist jedoch eine dezidiert kulturwissenschaftliche Ausrichtung. Wir bitten um Einsendung eines abstracts von etwa einer Seite sowie einer knappen Bio-Bibliographischen Personenskizze bis zum 30.3.2009.

Die Konferenz findet vom 5.-7. November 2009 in Minden statt.

Kontakt

Marian Füssel
Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Platz der Göttinger Sieben 5, 37073 Göttingen. Tel. 0551-394652
Marian.Fuessel@phil.uni-goettingen.de
oder
Michael Sikora, Historisches Seminar, Universität Münster.
sikora@uni-muenster.de

Zitation
Unbeschreibliche Gewalt. Die Kultur der Schlacht von der Antike bis zum 20. Jahrhundert. Jahrestagung des Arbeitskreis Militärgeschichte e.V., 30.03.2009 Minden, in: H-Soz-Kult, 21.01.2009, <www.hsozkult.de/event/id/termine-10732>.