Ethnographische Raumpraktiken

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Humboldt-Universität Berlin, Institut für Europäische Ethnologie und Freie Universität Berlin, Institut für Ethnologie
Veranstalter
Gesellschaft für Ethnographie
Datum
19.11.2010 - 20.11.2010
Bewerbungsschluss
31.05.2010
Von
Beatrix Hoffmann und Hansjörg Dilger für die Gesellscahft für Ethnographie (GfE)

Mitte der 1990er Jahre entwickelte George Marcus (1995) den Begriff der Multi-Sited-Ethnography, in welchem er den Parameter des Raumes als eine durch soziale Interaktion konstituierte Kategorie konsequent anwandte. Damit stellte er das Wechselspiel zwischen Forschenden und Untersuchungsgegenstand in das Zentrum seiner theoretischen Überlegungen. Gleichzeitig bereitete er neuen methodischen Forschungsansätzen den Weg, die die Mobilität globalisierter Gesellschaften und deren soziales Agieren darin zum Gegenstand ihrer Untersuchungen machen, indem sie den Bewegungen von Menschen, Dingen, Symbolen, Waren, Begriffen, Ideen usw. innerhalb transnationaler und/oder globaler Räume folgen. Aus heutiger Perspektive ist zu fragen, ob mit dieser theoretischen Erweiterung auch eine Revision des methodologischen Inventars sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschung einherging – und nicht zuletzt, inwiefern sie die Gefahr eines Verlustes an empirischer Tiefe in sich birgt. Angesichts der fortschreitenden Globalisierung, welche multilokal lebende Individuen ebenso wie multilokale Communities hervorbringt und zu einer zunehmenden Fragmentierung sozialer Räume führt, ist weiter zu fragen, welchen Beitrag die Multi-Sited Ethnography im Hinblick auf die Neuinterpretation der teilnehmenden Beobachtung als dem methodischen Marker der ethnologischen Feldforschung leisten konnte (vgl. Welz 2009).

Die Entkoppelung von Raum als Territorium und einem lokal gebundenen Kulturbegriff wurde in den letzten beiden Dekaden vielfältig diskutiert. Indem die Implementierung neuer kommunikativer Formen die Notwendigkeit der physischen Gleichzeitigkeit und Gleichörtlichkeit interagierender Individuen komplett aufgelöst hat, wurde der Charakter sozialer Räume kontinuierlich transformiert bis hin zur Überlagerung realer und virtueller Räume. Die Wechselwirkung zwischen realen und virtuellen Räumen stellt sich als ein wichtiger Aspekt dar, der ebenso wie die fortschreitenden Raumtransformationen starke Rückwirkungen auf Methodik und Praxis der sozial- und kulturwissenschaftlichen Empirie hat (Coleman und Collins 2006). Prozesse der Deterritorialisierung standen des Weiteren im Zentrum von Arjun Appadurais Definition globalisierter Räume als „scapes“ (Appaduai 1990), sowie im Paradigma der Transnationalismusforschung, die die vielschichtigen Zugehörigkeiten und Netzwerkbildungen transnational agierender Individuen und Gruppen in den Mittelpunkt stellte (Glick Schiller 2007). Ein wesentlicher Fokus transnationaler (und postkolonialer) Forschung sind dabei globalisierte Machtbeziehungen, die einerseits auf kolonialen und neokolonialen Grenzziehungen aufbauen und diese andererseits – im Sinne komplex verwobener Raumpraktiken und Geschichtskonstruktionen – zu überwinden versuchen (vgl. Mignolo 1993).

Im Rahmen dieser Tagung sollen neueste Entwicklungen, Möglichkeiten und Grenzen der Erforschung von „Raumpraktiken“ im Kontext der Globalisierung diskutiert und ein Austausch über folgende Fragestellungen initiiert werden:

- Wie manifestiert sich das Auseinanderfallen der Parameter Raum und Kultur in der aktuellen kultur- und sozialwissenschaftlichen Forschung?

- Inwiefern ist Raum als Grundkategorie menschlicher Erfahrung im Wandel der Globalisierung neuen Dynamiken unterworfen und wie können diese Dynamiken methodologisch erfasst und wie theoretisch bearbeitet werden?

- Wie lassen sich Räume durch Bewegungen definieren?

- Welche Bedeutung hat die Pluralisierung von Raumkonstruktionen für die Vorstellungen von Identität und Zugehörigkeit und für deren Repräsentationen und Imaginationen?

- Wie konstituieren sich Räume durch Zirkulationen von Waren, Personen, Ideen, Wissen, Geld, Symbolen?

- Welche Wechselwirkungen bestehen zwischen realen und virtuellen Räumen und wie ist deren Erforschung methodologisch zu fassen?

- Welche historischen Dynamiken lassen sich aus heutiger Perspektive in Bezug auf die Rezeption und Kritik des methodologischen Inventars der sozial- und kulturwissenschaftlichen Empirie, der Feldforschung, beobachten?

- Wie sind Raumpraktiken in koloniale und postkoloniale Machtbeziehungen – sowie in die Rekonfiguration geopolitischer und -historischer Grenzziehungen im Kontext rezenter Globalisierungsprozesse – eingebunden?

Beatrix Hoffmann und Hansjörg Dilger für die GfE

Abstracts, aus denen hervorgeht, auf welcher methodischen Basis der Vortrag stehen wird, sind bis zum 31. Mai 2010 erbeten an gfe-tagung2010@gfe-online.org. Der Umfang des Abstracts sollte 350 Worte nicht überschreiten. Zusätzlich wird ein Kurz-CV mit Angaben zur Person erbeten.

Die Ansprechpartner sind Prof. Hansjörg Dilger (Freie Universität Berlin), Dr. des. Beatrix Hoffmann (Universität Potsdam) und Prof. Karoline Noack (GfE/ Universität Bonn).

Literatur:
Appadurai, Arjun, 1990: “Disjuncture and Difference in the Global Cultural Economy”. In: Public Culture, Bd. 2 (2), S. 1-24.

Coleman, Simon and Peter Collins, 2006: Introduction: ‘Being … Where?’ Performing fields on shifting grounds. In: dies. (eds.): Locating the Field. Space, Place and Context in Anthropology. Oxford, New York: Berg. S. 1-21.

Glick Schiller, Nina, 2007: Transnationality. In: David Nugent und Joan Vincent (Hg.): A Companion to the Anthroplogy of Politics. Malden: Blackwell Publishing. S. 448-467.

Marcus, George, 1995: „Ethnography in/of the World System: The Emergence of Multi-Sited Ethnography”. In: Annual Review of Anthropology, Bd. 24, S. 95-117.

Mignolo, Walter, 1993: “Colonial and Postcolonial Discourse: Cultural Critique or Academic Colonialism?“. In: Latin American Research Review, Vol. 28, No. 3. (1993), pp. 120-134.

Welz, Gisela, 2009: „Sighting/Siting globalization“. Gegenstandskonstruktionen und Feldbegriff einer ethnographischen Globalisierungsforschung. In: Sonja Windmüller, Beate Binder und Thomas Hengartner (Hg.): Kultur-Forschung. Zum Profil einer volkskundlichen Kulturwissenschaft. S. 195-210.

Kontakt

Die Ansprechpartner sind Prof. Hansjörg Dilger (Freie Universität Berlin), Dr. des. Beatrix Hoffmann (Universität Potsdam) und Prof. Karoline Noack (GfE/ Universität Bonn).

Zitation
Ethnographische Raumpraktiken, 19.11.2010 – 20.11.2010 Berlin, in: H-Soz-Kult, 21.04.2010, <www.hsozkult.de/event/id/termine-13731>.
Redaktion
Veröffentlicht am
21.04.2010