Mediävalismus im Spannungsfeld von Wissenschaft, Museum und populärer Geschichtskultur

Ort
Vechta
Veranstaltungsort
Museum im Zeughaus, Zitadelle 15, 49377 Vechta
Veranstalter
Universität Vechta; Universität Bielefeld; Museum im Zeughaus Vechta
Datum
03.07.2010 - 04.07.2010
Bewerbungsschluss
01.07.2010
Von
Aufgebauer, Lukas

Die Tagung befasst sich mit dem Phänomen „Mediävalismus“, mithin also der Frage, was mit "dem Mittelalter" nach dessen Ende – und in unserem Fall enger gefasst: in unserer eigenen Gegenwart – geschieht.

Seit rund drei Jahrzehnten wird in Deutschland die „Aktualität des Mittelalters“ (Thomas Nipperdey) als virulentes Problem für die Konstitution der Moderne wahrgenommen und verhandelt. Dabei spielt sich die Diskussion im deutschen Sprachraum nur innerhalb einer verhältnismäßig kleinen Gruppe ab und ist von vorwiegend geschichtsphilosophischen bzw. -theoretischen Fragen, beispielsweise nach der konstitutiven Alterität des Mittelalters (als „nächstes Fremdes“) für die Identität der Moderne, geprägt. Zu Recht hat Ludolf Kuchenbuch noch vor wenigen Jahren in seinem Beitrag zum „Handbuch der Kulturwissenschaften“ darauf hingewiesen, dass die Mediävalismus-Forschung, gerade in Deutschland, noch am Anfang stehe. Hier geht es noch um Selbstvergewisserung der eigenen Arbeit und ihrer Prämissen. Ganz anders sieht es im angloamerikanischen Sprachraum, vor allem in Großbritannien, aus; hier ist „medievalism“ schon lange ein etabliertes Forschungsfeld in den historischen ebenso wie in den Literaturwissenschaften.

Dabei stehen aber weniger die epistemologischen und geistesgeschichtlichen Herausforderungen des Mittelalters als vielmehr seine populären Repräsentationen und deren Auswirkungen auf das populäre Verständnis von Geschichte und Gegenwart im Mittelpunkt. Es geht also in einem sehr greifbaren Sinn um die Bildung von Geschichtsbewusstsein als Teil von Geschichtskultur, wie sie sich in Sachbüchern („pop-science“) oder Museen, aber auch in Filmen, Spielzeug, Romanen und Mittelaltermärkten artikuliert.

Der museale Aspekt spielt dabei insofern eine gewichtige Rolle, als sich durch das Sammeln, Bewahren, Erforschen, Präsentieren und Vermitteln der Relikte von Alltagskultur der Vergangenheit in Museen natürliche Schnittmengen zwischen Wissenschaft, populären Mittelalterbildern und „Mittelalter-Szene“ ergeben. Den Einfluss, den museale Präsentation im Allgemeinen sowie als Lernort im Besonderen auf das Geschichtsbewusstsein der Öffentlichkeit ausüben kann, gilt es dabei konstruktiv von Seiten der Mediävistik, der Geschichts- und Museumsdidaktik sowie der „Mittelalter-Szene“ zu nutzen. Aus diesem Grund findet die Tagung im Ersten Zentrum für experimentelles Mittelalter in Deutschland statt, das am Museum im Zeughaus Vechta beheimatet ist und sich bewusst als eine solche Schnittstelle versteht.

Die Tagung will die oben umrissenen Impulse aufgreifen und sich grundlegend mit geschichtskulturellen, vor allem auch populären Repräsentationen und Rekonstruktionen des Mittelalters auseinandersetzen. Dabei werden nicht nur Vertreter der Wissenschaft, sondern auch Akteure der so genannten, aber nie inhaltlich konturierten „Mittelalter-Szene“ an einen Tisch gebeten. Einen solchen Dialog anzustoßen, verspricht ausgesprochen fruchtbar zu werden, wenn nicht langfristig notwendig: Weder will die Wissenschaft sich den Interessen populärer Geschichtskultur verschließen noch kann eine vom wissenschaftlichen Diskurs vollkommen losgelöste, im Grunde rein virtuelle Geschichtslandschaft langfristig glaubhaft bleiben. Letztlich geht es dabei also darum, ein Feld gesellschaftlich-kultureller Realität gemeinsam sowohl wissenschaftlich als auch didaktisch fruchtbar zu machen und perspektivisch institutionell zu verorten.

Begleitet wird die Tagung von der Eröffnung einer Ausstellung „Mein, dein, unser Mittelalter“, die Bochumer Studierende für das Museum im Zeughaus vorbereitet haben und in der "das Mittelalter" als integraler Bestandteil populärer Geschichtskultur vom Kino über Musik, Literatur, Kunst bis hin zum Re-enactment beleuchtet wird.

Programm

Samstag, 3. Juli 2010

13:30 – 14:30 Eröffnung und Grußworte

Einführung zum Tagungsort: Museumsleiter Axel Fahl-Dreger über das Museum, das Zentrum für Experimentelles Mittelalter und das „Castrum Vechtense“

14:30 – 14:45 Kaffeepause

14:45 – 15:30 Johannes Faget (Hassel): „Mittelalterszene“ - was ist das? Einblicke, Seitenblicke, Überblicke

15:30 – 16:15 Prof. Dr. Ulrich Nonn (Koblenz/Bonn): Allgemeinverständlich und doch wissenschaftlich? Zum Problem populärwissenschaftlicher Darstellung des Mittelalters

16:15 – 16:45 Kaffeepause

16:45 – 17:30 Hans-Walter Keweloh (Bremerhaven): Möglichkeiten der Kooperation: Ein mittelalterliches Boot entsteht

17:45 – 18:30 Pause

18:30- 19:30 Rainer Wördemann (Vechta): Fragen und Probleme historischer Aufführungspraxis (mit Klangbeispielen)

Sonntag, 4. Juli 2010

9:30 – 10:15 Dr. Michael Wesemann (Oldenburg): „Lebendiges Mittelalter“ – Wissenschaft oder Mummenschanz? Zum Verhältnis von Experimentalarchäologie und Re-enactment

10:15 – 11:00 Prof. Dr. Thomas Buck (Freiburg i. Br.): Das Mittelalter zwischen Mythos und Geschichte. Warum und wozu brauchen wir das Mittelalter?

11:00 – 11:30 Kaffeepause

11:30 – 13:00 „Mein, dein, unser Mittelalter“ – ein Ausstellungsprojekt zum Thema Mediävalismus (Präsentation von Studierenden der Ruhr-Universität Bochum, zusammen mit Lukas Aufgebauer und Hiram Kümper)

13:00 – 14:00 Abschlussdiskussion

Kontakt

Lukas Aufgebauer

Abteilung für Kulturgeschichte und vergleichende Landesforschung
Universität Vechta
04441-15283

lukas.aufgebauer@uni-vechta.de

Zitation
Mediävalismus im Spannungsfeld von Wissenschaft, Museum und populärer Geschichtskultur, 03.07.2010 – 04.07.2010 Vechta, in: H-Soz-Kult, 23.06.2010, <www.hsozkult.de/event/id/termine-14199>.
Redaktion
Veröffentlicht am
23.06.2010
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