SPD, Grüne und die Friedensbewegung gegen die Nachrüstung

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung, Eldenaer Straße 35, 10247 Berlin
Veranstalter
Heinrich-Böll-Stiftung
Datum
18.03.2011 - 19.03.2011
Bewerbungsschluss
15.03.2011
Von
Christoph Becker-Schaum

Der Beschluss zur Stationierung von Pershing II-Raketen in der Bundesrepublik - innerhalb der Zeitgeschichtschreibung als eine zweite Phase des Kalten Krieges benannt - führte zu einer der größten Massenbewegung in ihrer Geschichte. Die daraus folgende Nachrüstungsdebatte bescherte der Bundesrepublik ein politisches Erdbeben. Die Entscheidung der damaligen Bundesregierung, Nuklearraketen auf deutschem Boden zu stationieren, rief die größte Friedensbewegung seit ihrem Bestehen ins Leben. Mit Massendemonstrationen und lokal und überregional vernetzten Initiativen wurde eine Mobilisierung bisher nicht gekannten Ausmaßes initiiert, die gesellschaftlich eine große Wirkungsbreite entfaltete.

Die politisch Verantwortlichen reagierten mit Unverständnis. In der SPD, die mit Helmut Schmidt den Bundeskanzler stellte, brach der Konflikt zwischen Befürwortern und Gegnern offen aus. Das Unvermögen der etablierten Parteien, angemessen zu reagieren, führte nicht nur zur Stärkung der Bewegung, sondern auch zu Gründung der Grünen, in ihrem Selbstverständnis eine Antiparteienpartei.

In vier Sektionen sollen die politischen und sozialen Ursachen, Verläufe und Folgen vorgestellt und untersucht werden.

1. Mit dem Scheitern des SALT II Abkommens und der Ankündigung der Stationierung von SS 20 Raketen und der Reaktion des Westens darauf kam die Entspannungspolitik zum Stillstand. Wie entwickelte sich das Verhältnis der Großmächte zueinander? Wie sahen die strategischen Planungen der Supermächte aus und welche Auswirkungen und Erwartungen hatten sie auf die Bundesrepublik?

2. Auf der politischen Bühne geriet die Entspannungspolitik in Bedrängnis, die DDR interpretierte den Nachrüstungsbeschluss als einen Rückfall in den Kalten Krieg. Zugleich verschärften sich die Auseinandersetzungen in der Sozialdemokratie durch das Bekenntnis führender Parteileute wie Erhard Eppler zur Friedensbewegung. Schmidt geriet in der eigenen Partei in die Kritik, als auf dem Parteitag 1982 ein Drittel der Delegierten sich gegen die Nachrüstung aussprachen. Das Panel fragt sowohl nach den Motiven und Interessen, die die Handlungen der politisch Verantwortlichen, allen voran Bundeskanzler Schmidt, beeinflussten, wie auch den alternativen Sicherheitskonzepten, die die Kritiker und Vertreter der Friedensbewegung und –forschung vorlegten.

3. Die Massenbewegung, die sich aus dem Protest entwickelte, veränderte die Bundesrepublik entscheidend. Sie führte zu einer Dynamisierung der Friedenspolitik als einer Alternative zur Stabilitäts- und Sicherheitspolitik der etablierten Parteien und veränderte die politische Kultur der Bundesrepublik nachhaltig.

4. Die daraus folgende Milieubildung und deren verschiedenen Ausformungen bereiteten für die Grünen den Boden, um zu einer politischen Bewegung in den nächsten Jahren zu werden. Die Herausbildung einer politischen Bewegung dieses Ausmaßes und des daraus entstehende Spannungsverhältnis zur verfassten Politik lassen nach einem erweiterten Politikbegriff fragen. Zugleich kam es zu Interferenzen zwischen verschiedenen Milieus und Bewegungen (Frauenfriedensbewegung) und zu einer Professionalisierung und Etab-lierung der Friedensforschung.

Das Kolloquium bringt Promovierende, Postdoktoranden und Zeitzeug/innen zusammen und dient dem Austausch über Forschungsansätze und Ergebnisse zur Friedensbewegung im Kontext der sog. Nachrüstung.

Programm

Freitag, 18. März 2011

15:00 Uhr
Begrüßung: Christoph Becker-Schaum, Marianne Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung)

15:15 Uhr
Sektion 1: Von der Krise der Entspannungspolitik zum Nachrüstungsbeschluss
Chair: Tim Geiger (Institut für Zeitgeschichte, Berlin)

Die Entwicklung der Waffensysteme in den 1970er Jahren, der Wandel des Kriegsbildes und die Dynamisierung der Ost-West Beziehungen.
Oliver Bange (Militärgeschichtliches Forschungsamt, Potsdam)

Moskauer Auslandskorrespondenten im Akteursdreieck zwischen deutscher Botschaft und sowjetischem Außenministerium.
Julia Metger (Freie Universität Berlin)

17:15 Pause

17:30 Abendessen

19.00 Öffentlicher Vortrag mit Diskussion und anschließendem Empfang
Gewerkschafterinnen und Frieden
Sibylle Plogstedt (Journalistin, Bonn)
Moderation: Martin Klimke (GHI Washington)

Samstag, 19. März 2011

9.00
Sektion 2: Auswirkungen in der SPD und die Entstehung eines Gegenexpertentums
Chair: Marianne Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin)

Mit Otfried Nassauer (BITS, Berlin) und Wolfgang Biermann (SPD, Oslo)

"Die Priorität bleibt der Friede". SPD und Nachrüstung, 1979-1983.
Jan Hansen (Humboldt-Universität Berlin)

11.00 Kaffeepause

11.15
Sektion 3: Grüne
Chair: Philipp Gassert (GETK, Universität Augsburg)

Sonne statt Reagan: Die Wahlkampfstrategie der Grünen bei der Bundestagswahl 1983.
Martin Klimke (GHI Washington)

Die Grünen und die unabhängigen Friedensgruppen.
Christoph Becker-Schaum (Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin)

12.45-13:30 Mittagessen

13:30
Sektion 4: Friedensbewegung
Chair: Christoph Becker-Schaum (Heinrich-Böll-Stiftung, Berlin)

Sicherheitspolitik von unten. Gewaltfreie Blockaden gegen nukleare Mittel-streckenraketen in Mutlangen 1983-1987.
Alexander Holmig (Universität Augsburg)

Training in gewaltfreier Aktion.
Achim Schmitz (Trainer für praxisorientierte Friedensforschung, Stuttgart)

Friedensbewegung und Friedenswissenschaft.
Corinna Hauswedell (Conflict Analysis and Dialogue (CoAD), Bonn)

15.30 Abschlussrunde

16:00 Ausklang

Kontakt

Christoph Becker-Schaum

Archiv Grünes Gedächtnis der Heinrich-Böll-Stiftung
Eldenaer Straße 35, 10247 Berlin
(030) 28534265
(030) 285345265

becker-schaum@boell.de

Zitation
SPD, Grüne und die Friedensbewegung gegen die Nachrüstung, 18.03.2011 – 19.03.2011 Berlin, in: H-Soz-Kult, 04.03.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-15885>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2011
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Land Veranstaltung