Stress in der Leistungsgesellschaft. Flexible Systeme zwischen Erholung und Kollaps

Ort
Zürich
Veranstaltungsort
ETH Zürich Institut für Geschichte/Technikgeschichte
Veranstalter
Lea Haller, ETH Zürich, Institut für Technikgeschichte; Sabine Höhler, ETH Zürich, Professur für Wissenschaftsforschung; Heiko Stoff, TU Braunschweig, Abt. Geschichte der Naturwissenschaften
Datum
08.03.2012 - 10.03.2012
Bewerbungsschluss
15.05.2011
Von
Stoff, Heiko

Gesellschaften definieren sich nicht nur über ihre Werte und Visionen, sondern auch über ihre Beschwerden. Während der industrialisierte Mensch des Fin-de-siècle an Nervosität litt, steht die Leistungsgesellschaft seit den 1960er-Jahren zunehmend unter Stress. Der Stress wanderte von der Mechanik über die Biologie und die Militärpsychiatrie in die Chefetagen der aufkommenden Managerklasse und wurde im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts zur Pathologie des flexiblen Menschen schlechthin. Zentral für das Stresskonzept ist die Vorstellung einer dynamischen Anpassung. Der Mediziner Hans Selye hatte die Adaptation des Körpers an schädliche Einflüsse als hormonell gesteuerte Anpassung formuliert; er nannte diese Anpassung 1936 General Adaptation Syndrome und verhalf dem Konzept unter dem Begriff „Stress“ in der Nachkriegszeit zu wissenschaftlicher Resonanz. In der aufkommenden Leistungsgesellschaft wurde diese biologische Anpassungsfähigkeit lebensweltlich interpretiert. Stress wurde zum Ziel einer Reihe von Interventionen und Selbsttechnologien: Ratgeber und Kuren, Waldlauf, autogenes Training, Wellness und gleitende Arbeitszeiten sollen eine dynamische Anpassung an die diversifizierten Anforderungen des Berufs- und Privatlebens ermöglichen.

Mit dem Stresskonzept konnte das mechanische Verhältnis zwischen Erholung und Kollaps des Industriezeitalters flexibilisiert werden. War der Human Motor Belastungen ausgesetzt, die ihn ermüdeten, wurden Stress und Stressbewältigung zum zentralen Dispositiv der auf Human Capital setzenden Dienstleistungsökonomien. Leistungssteigernde Erholung ist seither Ziel einer Körperpolitik und Selbstverpflichtung, die bis in die Stretch-Kleidung der Aerobic-Bewegung dem Prinzip Elastizität folgt. Wird nicht für adäquate Regeneration gesorgt, droht das Burnout. Aber nicht nur Individuen haben Stress, sondern auch Ökosysteme, Finanzmärkte und Atomreaktoren. Stresstests simulieren das Verhalten eines Systems unter Extrembedingungen und wissenschaftlich-technische Entlastungskonzepte generieren optimierte Systeme, die sich immer größeren Risiken gegenüber als „resilient“, robust und adaptationsfähig erweisen. Folgenabschätzungen, Pufferzonen, Sollbruchstellen und Rückversicherungen sollen qua Antizipation den ständig drohenden Kollaps abwenden.

Ziel des Workshops ist es, aus historischer Perspektive Genese, Anschlussfähigkeit und Reichweite des Stresskonzepts in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu reflektieren. Dabei sind vor allem Ansätze willkommen, die auf Interdependenzen ökonomischer, politischer, technischer und sozialer Wissensbereiche fokussieren. Welchen Transformationen unterlag die Beziehung zwischen Subjekt, Arbeit und Freizeit von den Konzepten einer rationellen Betriebsorganisation über die kybernetische Utopie einer Befreiung des Menschen durch Automation bis zum life-long learning, den Assessments und der Evaluationskultur in der postindustriellen Gesellschaft? Welche Konjunkturen hatten Konzepte des Belastungshaushalts, der Adaptation, des dynamischen Gleichgewichts und der flexiblen Stabilität innerhalb von biologischem, ökologischem, psychologischem und politischem Regulierungswissen? Mit welchen Maßnahmen und Selbstpraktiken hat man auf den Stress reagiert? Wie wurde Stress – als Funktionszusammenhang von Ressourcenökonomie und Leistungseffizienz – zu einem zentralen Konzept in so unterschiedlichen Gebieten wie der Ökosystemtheorie, der Toxikologie, der Materialforschung, im Katastrophenmanagement oder im Finanzwesen? Studien zum Stressmanagement in der Betriebsorganisation und in den Lebenswissenschaften sind ebenso willkommen wie Untersuchungen zu Utopien der Stressfreiheit, zu Praktiken der Stressbewältigung und zu sozio-technischen Kompensationsarrangements.

Programm

Die Tagung findet vom 8. bis 10. März 2012 an der ETH Zürich statt. Reise- und Unterbringungskosten werden für die Referenten und Referentinnen übernommen. Organisatoren sind Lea Haller (ETH Zürich, haller@history.gess.ethz.ch), Sabine Höhler (ETH Zürich, hoehler@wiss.gess.ethz.ch) und Heiko Stoff (TU Braunschweig, h.stoff@tu-bs.de).

Alle Interessierten sind eingeladen, sich mit Vorschlägen für Beiträge (Abstracts von maximal 500 Wörtern) bis zum 15. Mai 2011 an untenstehende Adresse zu wenden.

Lea Haller ETH Zürich Institut für Geschichte/ Technikgeschichte Auf der Mauer 2 (ADM) CH-8092 Zürich Tel. 0041 (0)44 632 75 02 haller@history.gess.ethz.ch

Kontakt

Lea Haller

ETH Zürich Institut für Geschichte/ Technikgeschichte Auf der Mauer 2 (ADM) CH-8092 Zürich
0041 (0)44 632 75 02

haller@history.gess.ethz.ch

Zitation
Stress in der Leistungsgesellschaft. Flexible Systeme zwischen Erholung und Kollaps, 08.03.2012 – 10.03.2012 Zürich, in: H-Soz-Kult, 14.04.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-16060>.