Politische Kommunikation im Staatssozialismus nach 1945

Ort
Bielefeld
Veranstaltungsort
Senatssaal, Universitätshauptgebäude
Veranstalter
Dr. Kirsten Bönker / Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Stephan Merl, SFB 584 "Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte"
Datum
07.10.2011 - 08.10.2011
Bewerbungsschluss
15.07.2011
Von
Dr. Kirsten Bönker, Universität Bielefeld

Der Workshop »Politische Kommunikation im Staatssozialismus nach 1945« möchte in vergleichender Perspektive die komplexen politischen Kommunikationsprozesse zwischen den staatssozialistischen Regimen des Ostblocks und ihren Bevölkerungen untersuchen. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, ob bestimmte Kommunikationsweisen und Medien die Re-gime stabilisierten. Trugen sie jenseits der Unterdrückungsmechanismen zur Duldung, Akzeptanz oder gar zur Legitimierung der Regime bei, erzeugten sie in den Gesellschaften Bindekräfte und Loyalität? Inwiefern gelang es den Regimen die Kommunikation zu kontrollieren, bestimmte Themen zu tabuisieren?
Die in der Wahrnehmung ihrer Bürger offenbar enorme Dauerhaftigkeit der Sowjetunion bis Ende der 1980er Jahre beschrieb der Sozialanthropologe Alexej Yurchak erst vor einigen Jahren eindrücklich mit den Worten »Everything was forever, until it was no more«. Gerade die alltäglichen, für jedermann ersichtlichen Konsummängel, Korruption, die informellen, vom Regime geduldeten Praktiken des Schwarzmarktes oder die Klientelstrukturen waren Faktoren, die die Regime hätten destabilisieren können. Daher ist zu fragen, inwieweit sich Yurchaks Befund, den Sigrid Meuschel für die DDR bereits Anfang der 1990er Jahre als »Paradox von Stabilität und Revolution« gefasst hat, auf die anderen staatssozialistischen Regime seit den 1960er Jahren beziehen lässt. Wie wurde z.B. die sogenannte »Normalisierung« kommunikativ hergestellt? Sind Verschiebungen in der Kommunikation zwischen Regimen und Bevölkerung im Vergleich zur Chruščev-Ära festzustellen? Inwiefern lässt sich eine nachlassende stabilisierende Wirkung bestimmter Kommunikationsweisen in den 1980er Jahren beobachten? Von Interesse sind hier mögliche Unterschiede zwischen den staatssozialistischen Regimen, die sich in der vergleichenden Perspektive abzeichnen.
Der Workshop soll vier Fragebereiche über unten genannte Themenfelder in Beziehung setzen:
1. Es sollen drei Kanäle in den Blick genommen werden, über die die Bevölkerungen und die sozialistischen Regime kommunizierten: Briefe, Medien und Versammlungen bzw. Feste.
2. Es geht um die Frage, welche Kommunikation zwischen den staatssozialistischen Regimen und Bevölkerungen »politisch« war, inwiefern sich Grenzen verschoben und wer über welche Kommunikation an der Konstituierung des Politischen partizipierte.
3. Diese Frage führt zur Verortung der politischen Kommunikation zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Inwieweit lassen sich die Sphären durch die Untersuchung der Kommunikation von einander abgrenzen? Stand eine politisierte Öffentlichkeit einer entpolitisierten privaten Sphäre gegenüber oder war auch alles Private politisch? Inwieweit gab es hier Verschiebungen?
4. Die autoritären Regime konnten Themen aus öffentlichen Räumen und Medien ausgrenzen. Welche Themen, über die die Regime und Bevölkerungen kommunizierten, konnten angesichts dieser Spezifik politisches Potential entfalten?

1. Kommunikationskanäle
Untersucht werden sollen erstens die vielfältigen Formen der Briefe, Eingaben und Beschwerden, die an die zuständigen Briefabteilungen von Partei, Staat und Medien gerichtet waren. Diese Briefe sind oft als Ventil interpretiert worden, das Unzufriedenheit kanalisierte und Partizipation simulierte. Inwieweit legte das Regime die Bedingungen der Kommunikation fest? Konnten die Bürger den Kommunikationsraum verändern, ihn gar ausweiten, indem sie neue Themen einbrachten? Verhinderten Eingaben einen Rückzug ins Private? Die Beiträge sollten die Verfasser, ihre Strategien, Ziele und Rhetoriken sowie den Umgang des Regimes mit den Eingaben betrachten. Inwiefern ist von Aushandlungen zwischen Bevölkerung und Regimen zu sprechen? Außerdem soll die politische Bedeutung der Briefe zwischen den osteuropäischen Staaten verglichen werden.
Zweitens stehen die Massenmedien im Mittelpunkt. Angesichts des propagandistischen Aufwandes, den die staatssozialistischen Regime betrieben, ist es offensichtlich, dass Presse, Radio und gerade dem Fernsehen als das Leitmedium des späten Sozialismus eine zentrale Position in der Kommunikation zukamen. Dabei spielten sie als Propaganda- und Erziehungsinstrumente, als die sie die Regime betrachteten, eine andere Rolle als Medien in freiheitlichen Gesellschaften. Gleichwohl waren sie sehr viel komplexer, als dass die mediale Kommunikation als »bloße Propaganda« abgetan werden könnte. Diese vertikalen Kommunikationswege sind nicht als Einbahnstraßen von oben nach unten zu verstehen, sobald z.B. die Briefkommunikation der Bevölkerungen mit den Regimen berücksichtigt wird. Die Medien informierten, kommentierten, skandalisierten und tabuisierten bestimmte Themen und trugen zur gesellschaftlichen Meinungsbildung bei. Von Interesse ist, wie die Bürger des Ostblocks mit den Medien umgingen, wie sie Inhalte rezipierten und einordneten, welche Kommunikationsweisen die Medien anstießen und welche Kommunikationsprozesse zwischen Medien und Bevölkerung mit Blick auf die Akzeptanz der staatssozialistischen Regime entstanden.
Drittens spielten die verschiedenen Versammlungen, Feste und Kundgebungen am Arbeitsplatz, in den Gewerkschaften, Jugendverbänden oder Partei- und Sowjetorganen eine weitere Rolle. Inwieweit stießen die quellentechnisch eher schwierig zu fassenden Mobilisierungsversuche bestimmte Loyalität vermittelnde Kommunikationsweisen an? Welche Auswirkungen hatte die Ritualisierung der Sprache auf face-to-face-Öffentlichkeiten? Inwieweit lässt sich auf dieser Ebene die Einordnung persuasiver Kommunikationsformen in die unmittelbare Lebenswelt beobachten? Inwieweit waren bestimmte Kommunikationen entleerte Loyalitätsrituale, wie sie Václav Havel anhand des »in Lüge lebenden« Gemüsehändlers beschrieben hat: Ihm war der semantische Inhalt des ideologischen Spruchbandes, das er in sein Schaufenster hängte, gleichgültig; bedeutend war das Zeichen, an der ideologischen Verschleierung des posttotalitären Systems, wie Havel es nennt, teilzunehmen.

2. Das »Politische«
Um sich dem »Politischen« zu nähern, soll der Ansatz des Bielefelder SFB 584 »Das Politische als Kommunikationsraum in der Geschichte« für staatssozialistische Regime ausgelotet werden. Sein konstruktivistischer, historisierender und auf Kommunikation statt Entscheidungshandeln zielender Begriff des Politischen kann offen nach politischem Potential fragen. Inwiefern kann er auch für staatssozialistische Regime neue Perspektiven eröffnen? Politisch im Sinne des SFB ist Kommunikation dann, wenn sie breitenwirksam, nachhaltig und verbindlich ist oder zu sein beansprucht, wenn sie Machtverhältnisse, Regeln des Zusammenlebens oder Grenzen des Sag- und Machbaren thematisiert und auf überindividuelle Einheiten Bezug nimmt oder sie voraussetzt. Die Politisierung eines Themas meint Ziel und Strategie von Akteuren sowie deren Effekt. Politisierungsversuche können scheitern oder passiv erlitten werden. Strategien, die gezielt die politische Brisanz aus einem Thema, einer Debatte oder einem Diskurs zu nehmen versuchen, werden als depolitisierend verstanden, während Entpolitisierung das erfolgreiche Ergebnis sein soll. Zu klären wäre also, inwiefern bestimmte Kommunikationen politische Bedeutung für die Herrschaftsstabilisierung erlangten.

3. Privat und öffentlich im Staatssozialismus
Von Interesse ist das Verhältnis der privaten und öffentlichen Sphären, die Verortung der Kommunikation zwischen Regime und Bevölkerung sowie ihre Rolle für die Konstituierung eines politischen Raumes. Briefe der Bevölkerung an Einrichtungen der Partei, des Staates oder die Medien spielen z.B. eine ambivalente Rolle. Sie lassen sich als privater Dialog oder als öffentliche Meinungsäußerung interpretieren, zumal dann, wenn sie in den Medien veröffentlicht wurden. Wie verband die Kommunikation zwischen Bevölkerung und Regimen die private und öffentliche Sphäre, wie waren die Grenzen und Wechselwirkungen zwischen diesen Sphären mit Blick auf das Politische? Angesichts der stetigen Drohung von Repressalien sind die sprachlichen Strategien und Aneignungen der offiziellen Rhetorik seitens der Bevölkerung interessant. Inwiefern übernahmen die Bürger z.B. in Briefen die offizielle Rhetorik und Redeweisen und schufen so auf Loyalität ausgerichtete Kommunikationsstrategien? Wie wirkten diese Aneignungen in die öffentliche Sphäre bzw. ins Private und wie veränderten sie möglicherweise das »Politische«? Inwieweit umfasste der Raum des Politischen über bestimmte Kommunikationsweisen die Privatsphäre? Inwieweit lässt sich eine Politisierung des Privaten als Kommunikationsstrategie in den Briefen feststellen? Spiegelte sich z.B. der vielzitierte »Rückzug der Bürger ins Private« wider? Lassen sich hier nach 1968 oder in den 1980er Jahren Brüche feststellen? Lässt sich in den Briefen der 1980er Jahren ein Vertrauensverlust ablesen, der Anhaltspunkt dafür sein könnte, dass dieser Kommunikationskanal aus Sicht der Regime versagte, dass die stabilisierende Wirkung nachließ? Lässt sich ein Zusammenhang zwischen der Enttabuisierung von Themen seitens des Regimes und zunehmender Kritik beobachten?

4. Themen
Zu klären wäre, welche Themen, über die die Regime und die Bevölkerungen kommunizierten, politisches Potential entfalten konnten. Welches Regime tabuisierte wann welche Themen? Um diese Kommunikationsfelder in den Blick zu nehmen, kommen Themen in Frage, an die sich die Herstellung von Loyalität und Akzeptanz knüpfte. Die Regime selbst setzten Konsum auf die Agenda. Die Versorgung mit Gütern, soziale (Konsum-)Ungleichheiten, Verbraucherschutz oder moralische Diskurse über Luxus, Überfluss, Sparsamkeit oder Askese sind typische Themen, an die sich auch in Westeuropa seit der Frühen Neuzeit weitreichende Debatten anschlossen, die Macht und soziale Ordnung verhandelten. Weitere Themen könnten so verschiedene Felder wie Wahlen, Korruption, sozialistische Gerechtigkeit, Umweltschutz, Entwicklungshilfe, der Im- und Export von Gütern, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, der Personenkult, soziale Probleme, Literatur, Film oder Satire, die Amerikanisierung bzw. Sowjetisierung der Kultur oder den Umgang mit Geld berühren. Interessant ist, wer welche Themen wie – z.B. über Briefe oder Massenmedien – und wann zu politisieren oder zu depolitisieren versuchte.

Organisatorischer Hinweis:
Vorschläge für Beiträge sollten nicht mehr als 400 Worte enthalten und werden bis zum 15. Juli an unten stehende email erbeten. Tagungspapiere sollten bis zum 1. Oktober mit einem Umfang von max. 5000 Worten vorliegen. Tagungssprachen werden Deutsch und Englisch sein.

Kontakt

Dr. Kirsten Bönker
Universität Bielefeld, Fak. f. Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie
Postf. 100131, 33501 Bielefeld
+49(0)521/106-2501
kirsten.boenker@uni-bielefeld.de

Zitation
Politische Kommunikation im Staatssozialismus nach 1945, 07.10.2011 – 08.10.2011 Bielefeld, in: H-Soz-Kult, 29.05.2011, <www.hsozkult.de/event/id/termine-16556>.
Redaktion
Veröffentlicht am
29.05.2011
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