Recht und Moral. Mediale Konstellationen gesellschaftlicher Selbstverständigung über ‚Verbrechen‘ vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Interdisziplinäre Tagung

Recht und Moral. Mediale Konstellationen gesellschaftlicher Selbstverständigung über ‚Verbrechen‘ vom 17. bis zum 21. Jahrhundert. Interdisziplinäre Tagung

Veranstalter
Prof. Dr. Hans-Edwin Friedrich (Kiel), Dr. Joachim Linder (München), Prof. Dr. Claus-Michael Ort (Kiel)
Veranstaltungsort
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel
Ort
Kiel
Land
Deutschland
Vom - Bis
19.10.2011 - 22.10.2011
Von
Joachim Linder

Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung will mediale Konstellationen von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart exemplarisch beleuchten, in denen die konkurrierenden Deutungs‐ und Geltungsansprüche von ‚Recht‘ und ‚Moral‘ gegenüber ‚Verbrechen‘ langfristig verhandelt werden. Dabei wird zu diskutieren und zu klären sein, unter welchen historischen – gesellschaftlichen, politischen und medialen – Bedingungen auf welche Weise jeweils harmonische, kompensatorische oder hierarchische und konfliktreiche Beziehungen von ‚Recht‘ und ‚Moral‘ diskursiviert und gesellschaftlich kommuniziert werden. Zu fragen wird insbesondere sein, in welchen Phasen und in welchen Medien ‚Recht‘ moralisiert oder ‚Moral‘ verrechtlicht und wie das Verhältnis von ‚Recht‘ und ‚Gerechtigkeit‘, ‚Übertretung/Strafe‘ und ‚Schuld/Sühne‘ sowie von Fremdkontrolle (Justiz) und Selbstkontrolle (Gewissen) definiert wird. Dabei soll insbesondere auch der Frage nachgegangen werden, welcher Status den je medienspezifischen Konstruktionen von ‚Verbrechen‘ selbst als Erfolgsmedium gesellschaftlicher Kommunikation über ‚Recht‘ und ‚Moral‘ zukommt.

Wie ein Blick auf den sozial‐ und diskursgeschichtlichen und insbesondere auch auf den heterogenen literaturwissenschaftlichen Forschungsstand zeigt, betritt die Tagung damit ein Terrain, das bislang weder systematisch noch in historischer Langzeitperspektive erschlossen worden ist. Es sind insofern Erträge zu erwarten, die weit über literatur‐ und medienwissenschaftliche Desiderate (etwa der Kriminalliteraturforschung) hinausgehen.

The interdisciplinary conference attempts to shed light on exemplary media constellations from the early modern period to the present. It will concentrate on competing interpretations and assessments of ‘legality’ and ‘morality’ in regard to ‘crime’ and ‘justice’. It will be necessary to discuss and clarify the historical – social, political, and media – conditions under which harmonious, compensatory, or conflicting hierarchical relationships of law, justice and morality are negotiated and/or established. Special regard will be paid to historical phases in which media (literature, film, etc.) moralize the law or in which morality is shown to be transposed into the law. The discursively established definitions of and relationships between crime and justice, law and equity shall be reconstructed as well as forms of external control (by the law and its institutions) and self‐control (conscience). Discussions will also refer to the conditions under which crime itself assumes the status of a medium for the social construction and communication of legality and morality.

As a look at past research on social, discursive and especially literary history of the topic reveals, the conference aims to enter an underdeveloped area of research with a long‐term perspective. It is expected that it will yield results that have implications well beyond the narrower field of crime fiction.

Weitere Informationen (aktualisiertes Tagungsprogramm, Teilnehmerliste, vorbereitenden Papiere) finden sich auf der Website der Tagung: http://www.rechtundmoral.de.

Gefördert durch die Volkswagenstiftung.

Programm

Vorläufiges Tagungsprogramm:

Ablauf:

Vor der Tagung werden erweiterte Abstracts zur Vorbereitung verschickt. Die Vorträge sind auf 30 Minuten begrenzt. Diskussionen sind zu den einzelnen Vorträgen und sektionsweise geplant.

Die hier vorgesehenen Zeitslots fassen immer 30 Min. Vortrag und 15 Min. Diskussion zusammen.

Mittwoch, 19. Oktober

14.00-14.45: Hans-Edwin Friedrich / Joachim Linder / Claus-Michael Ort: Begrüßung und Einführung. Medialisierung von Recht und Moral: Systematische und historische Fragestellungen der Tagung

14.45-15.30: Johanna Bergann (Recht und Medien): Recht, Moral, Medien

Kaffeepause

Sektion 1: Ausdifferenzierung von Recht und Moral – Konstellationen der Frühen Neuzeit und des Übergangs zur Moderne

16.00-16.45: Hania Siebenpfeiffer (Literaturgeschichte): Der Fall Brinvilliers, ca. 1650 ff.

16.45-17.30: Thomas Weitin (Literaturgeschichte): Nickel List, ca. 1660 ff.

17.30-18.15: Holger Dainat (Literaturgeschichte): Relationes Curiosae oder Merkwürdige Seltsamkeiten. Frühe Kriminal­geschichten aus Hamburg, um 1700

18.15-18.30: Zusammenfassung der Diskussion, weiterführende Perspektiven

Donnerstag, 20. Oktober

Sektion 2: Ausdifferenzierung der Systeme, konkurrierende Deutungen – Recht, Moral, Politik am Beginn des 19. Jahrhunderts

09.00-09.45: Michael Niehaus (Literatur- und Diskursgeschichte): Zum Verhältnis von Recht und Moral bei der Zuschreibung von Zurechnungsfähigkeit

09.45-10.30: John McCarthy (Literaturgeschichte): “Man kann hier nicht halbieren.” Die Überein­stimmung von Politik und Moral im 18. Jahrhundert und heute

10.45-11.30:Karl Härter (Rechtsgeschichte): Recht und Moral am Beispiel der medialen Repräsentation des politischen Verbrechers in populären Medien des 18. und 19. Jahrhunderts

11.30-12.15:Marianne Willems (Literaturgeschichte): Zum Verhältnis von Kriminalität und Moral in der Erzählprosa um 1800

12.15-12.30:Zusammenfassung der Diskussion, weiterführende Perspektiven

Sektion 3: Konkurrenz der Deutungen und der Wissensproduktionen: Literatur und Kriminologie im 19. Jahrhundert

14.30-15.15: Sebastian Bernhardt (Literaturgeschichte): ‚Tötung auf Verlangen‘ in der Literatur nach 1850

15.15-16.00: Peter Becker (Kriminologiegeschichte): Recht und Moral im Lichte neurowissenschaftlicher Diskussionen (19. Jh. und Gegenwart)

16.15-17.00: Ulrike Zeuch (Literaturgeschichte): Zur Aktualität des Falls Moosbrugger

17.00-17.45: Christian Bachhiesl (Kriminologiegeschichte): Über die Verwandlung von Werten in Wissen. Ethik und Episteme in der Kriminalwissenschaft um 1900

17.45-18.30: Herbert Reinke (Soziologie, Kriminologie): Wohlstandskriminalität. Moral Panics in den 1950er Jahren

18.30-18.45: Zusammenfassung der Diskussion, weiterführende Perspektiven

Freitag, 21. Oktober

Sektion 4: Konkurrenzen im Literatursystem: Ausdifferenzierung der Genreliteratur, Medienwandel – 1850-1950

09.00-09.45: Fotis Jannidis (Literaturgeschichte): Otto Ludwig: Zwischen Himmel und Erde

09.45-10.30: Simone Winko / N. N. (Literaturgeschichte): Verbrechen, Wertung, Texte – 1850-1880

10.45-11.30: Carsten Würmann (Literaturgeschichte, Genregeschichte): Kriminalroman im ‚Dritten Reich‘

11.30-12.15: Nele Hoffmann (Literaturgeschichte, Genregeschichte): Kriminalroman der Gegenwart

13.00-13.15: Zusammenfassung der Diskussion, weiterführende Perspektiven

Sektion 5: Internationalisierung der Genreliteratur, Re-Visualisierung und die Ausdehnung der ‚Sinnprovinz Kriminalität‘: Verbrechen als Erfolgsmedium

14.30-15.15: Todd Herzog (Geschichte, Mediengeschichte): German Noir: Deutsche Detektive und deutsche Verbrecher im englischsprachigen Kriminalroman

15.15-16.00: Alexander Košenina (Literaturgeschichte): Einzelvoten: Eine Kriminalanekdote Kleists und eine Erzählung v. Schirachs

16.15-17.00: N. N.

17.00-17.45: Greta Olson (Anglistik, Law and Literature): The Effect of American Law Shows on German Notions of Law and Morality

17.45-18.30: Christian Wickert (Kriminologie): Moralvorstellungen im Fernsehkrimi: der CSI-Effekt

18.30-18.45: Zusammenfassung der Diskussion, weiterführende Perspektiven

Samstag, 22. Oktober

Sektion 6: Medialität und Serialität

09.00-09.45: Thomas Kailer: (Geschichte): "Ein gesundes Untier ...". Die rechtliche und mediale Konstruktion von Schuldfähigkeit in Serienmord-Prozessen im 20. Jahrhundert

09.45-10.30: Stefan Höltgen (Filmwissenschaft): Computer als (Serien-)Mordwaffe im Film der Gegenwart

Sektion 7: Zusammenfassende Perspektiven und Schlussdiskussion

10.45-11.30: Reinhard Merkel (Rechtswissenschaft): Strafrechtliche und rechtsphilosophische Aspekte

11.30-12.15: Lutz Danneberg (Literaturwissenschaft): Thema wird noch bekannt gegeben

13.00-14.00: Abschlussdiskussion: Schlusswort(e) der Organisatoren und der Respondenten; Zusammenfassung und erste Auswertung

Kontakt

Prof. Dr. Claus-Michael Ort
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Neuere deutsche Literatur und Medien
Leibnizstraße 8
24118 Kiel
Email: cort@litwiss-ndl.uni-kiel.de

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