Constantin Brunner (1862-1937) im Kontext

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Jüdisches Museum, Lindenstr. 9-14, 10969 Berlin
Veranstalter
Seminar für Deutsche Philologie, Georg-August-Universität Göttingen; Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum, Hebräische Universität Jerusalem; Jüdisches Museum Berlin; Leo Baeck Institute New York/Berlin; Internationaal Constantin Brunner Instituut Den Haag; Constantin-Brunner-Stiftung, Hamburg
Datum
21.10.2012 - 23.10.2012
Von
Irene Aue-Ben-David

Constantin Brunner war zu seinen Lebzeiten ein bekannter und bisweilen umstrittener Philosoph, Gesellschaftskritiker und Lebensreformer. Mit seiner Philosophie, die er vor allem in seiner 1908 erschienenen "Lehre von den Geistigen und vom Volk" formulierte, ging es Brunner weniger darum, einen akademischen, als vielmehr einen lebenspraktischen Beitrag zu leisten. Er hat damit das Interesse einer Reihe von Intellektuellen, Künstlern und Jugendbewegten auf sich gezogen - die Korrespondenz mit Persönlichkeiten wie z.B. Walther Rathenau, Lou Andreas-Salomé, Leo Berg, Rose Ausländer, Gustav Landauer und Martin Buber zeugt davon.

Brunner nahm ausgehend von seinen philosophisch-theoretischen Schriften, in denen er erkenntnis- und wissenschaftstheoretische, naturwissenschaftliche und psychologische Fragen erörterte, auch sehr ausführlich zu zentralen politischen, kulturellen, sozialen und theologischen Debatten seiner Zeit Stellung. Ein Schwerpunkt seiner Arbeiten seit dem Ersten Weltkrieg bildete das Thema des Judenhasses, den er zu verstehen und überwinden suchte. Brunner wandte sich nicht nur gegen Anarchismus, Nationalsozialismus und Kommunismus, sondern auch gegen den Zionismus. Große Aufmerksamkeit auf christlicher und zugleich auf jüdischer Seite fand sein Buch "Unser Christus oder das Wesen des Genies" (Berlin 1921).

Das Werk Constantin Brunnens wurde vor allem in Kreis seiner Anhänger und Anhängerinnen diskutiert und weitergedacht, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Internationaal Constantin Brunner Institut (ICBI) in den Haag gründeten. Erst seit wenigen Jahren wird Brunnens Werk und Persönlichkeit in verschiedenen Disziplinen wiederentdeckt. Derzeit wird in zwei Forschungsprojekten der umfangreiche Nachlass Brunnens aufbereitet und der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt. Die Teilnachlässe Brunnens sind in der Dependance des Leo Baeck Institute am Jüdischen Museum Berlin zusammengeführt und digitalisiert worden (finanziert durch die DFG). In einem zweiten Projekt wird die Korrespondenz Brunnens transkribiert und online gestellt. Eine Auswahl dieser Briefe wurde kommentiert herausgegeben (finanziert durch das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur und die Stiftung Irene Bollag-Herzheimer, Basel).

Die Konferenz, die aus Anlass des 150. Geburtstages und 75. Todestages Brunnens veranstaltet wird, hat das Ziel, diese und viele andere derzeitige Forschungen zu Brunnens Werk, seinem Wirken und seiner Biographie in ihren philosophischen, literaturwissenschaftlichen und historischen Kontexten zu diskutieren und einzubetten, um eine Grundlage für eine neue Auseinandersetzung mit Brunnens Werk und Biographie zu legen.

Die Tagung wird gefördert durch die Fritz-Thyssen-Stiftung.

Programm

21. Oktober, Sonntag

15.00: Eröffnung der Tagung

15.45: Begrüßung und Einführung in das Thema

Aubrey Pomerance (Berlin)
Gerhard Lauer (Göttingen)

16.00-17.00: Zur Geschichte des Brunnernachlasses
Moderation: Irmela von der Lühe (Berlin)

Aubrey Pomerance (Berlin)
"Die Constantin Brunner Sammlung. Der Bestand und seine Geschichte"

Frank Mecklenburg (New York)
"Constantin Brunner im Kontext des Archivs des Leo Baeck Instituts und seiner Sammlungen"

Jürgen Stenzel (Göttingen)
"Anmerkungen zur Brunnerrezeption"

Kaffeepause

17.15-18.30: Brunners Frühzeit
Peter Sprengel (Berlin)
"'Da sollte einmal erbarmungslos aufgeräumt werden' – Moderne-Kritik und Kunsttheorie in Constantin Brunners Zeitschrift "Der Zuschauer" (1893-1895)"

Pause

19.30 Brunners Briefe – Book Launch
Moderation: Irmela von der Lühe (Berlin)

Hanns Zischler (Berlin)
"...wenn der Gedanke wieder einmal einen Mund bekam zu reden". Lesung aus Briefen Constantin Brunners

In Kooperation mit dem Göttinger Wallstein-Verlag

22. Oktober, Montag

9.00: Eintreffen

9.30-11.00: Brunners Systemphilosophie im Kontext I
Moderation: Bernd Auerochs (Kiel)

Martin Rodan (Jerusalem)
"Constantin Brunners Auffassung der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte"

Giuseppe Veltri (Halle)
"Geist vs. Volk und Wahrheit vs. Aberglauben: Zu Constantin Brunners binärer Philosophie"

Kaffeepause

11.30-13.00: Brunners Systemphilosophie im Kontext II
Moderation: Bernd Auerochs (Kiel)

David J. Wertheim (Amsterdam)
"Constantin Brunner's Spinozism in the context of Spinoza's German-Jewish Popularity"

Jürgen Stenzel (Göttingen)
"Brunner im Kontext der zeitgenössischen Philosophie"

Mittagspause

14.30-16.00: Politische Philosophie und Praxis I
Moderation: Christine Holste (Berlin)

Irene Aue-Ben-David (Jerusalem)
"Der leidende Patriot. Constantin Brunner und der Erste Weltkrieg"

Jacques Aron (Brüssel)
"Constantin Brunner im Rahmen des jüdischen Antizionismus"

Kaffeepause

16.30-18.00: Politische Philosophie und Praxis II
Moderation: Christine Holste (Berlin)

Elisabeth Conradi (Stuttgart)
"Die Antisemitenfrage bei Constantin Brunner"

Andreas Kilcher (Zürich)
"'Das Gebot der Anpassung'. Constantin Brunners Ausweg aus dem Judentum"

23. Oktober, Dienstag

9.30 Eintreffen

10.00-10.45: Zeitgenössische Brunnerrezeptionen I
Moderation: Irene Aue-Ben-David (Jerusalem)

Claudia Weinzierl (Wien)
"Die Begegnung Lou Andreas-Salomé und Constantin Brunner. Der 'missing link' zwischen Lebensphilosophie und Psychoanalyse?"

Kaffeepause

11.15-12.45 Zeitgenössische Brunnerrezeptionen II
Moderation: Irene Aue-Ben-David (Jerusalem)

Martin A. Hainz (Berlin)
"Schüler und ihr Lehrer? Zu Rose Ausländer, dem Czernowitzer Kreis und Constantin Brunner"

Helmut Braun (Köln)
"'Mein liebes Kind – Verehrter Meister'. Constantin Brunner und Rose Ausländer. Ein Werkstattbericht"

Mittagspause

14.30-16.00: Brunners Religionskritik
Moderation: Gerhard Lauer (Göttingen)

Hans Goetz (Kopenhagen)
"Religion als Form des abergläubischen Denkens"

Hans-Rüdiger Schwab (Münster)
"Eckhard-Rezeption und Christus-Genie. Brunners 'Unser Christus'"

Kaffeepause

16.30-18.00: Brunners Persönlichkeit und Idealbild
Moderation: Gerhard Lauer (Göttingen)

Renate Stolte-Batta (Hamburg)
"Brunner privat in seiner Widersprüchlichkeit"

Bernd Auerochs (Kiel)
"Gemeinschaft und philosophische Elite. Zu Constantin Brunners 'Lehre von den Geistigen und vom Volke'"

Kontakt

Irene Aue-Ben-David

Franz Rosenzweig Minerva Forschungszentrum
The Hebrew University of Jerusalem, Mt. Scopus, Rabin Building, Jerusalem 91905, Israel

brunner.conference@gmail.com

Zitation
Constantin Brunner (1862-1937) im Kontext, 21.10.2012 – 23.10.2012 Berlin, in: H-Soz-Kult, 18.09.2012, <www.hsozkult.de/event/id/termine-19995>.
Redaktion
Veröffentlicht am
18.09.2012
Klassifikation
Thema
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Sprache Beitrag
Land Veranstaltung