Erdbeben in Lateinamerika. Politische, soziale und kulturelle Dimensionen der Katastrophenbewältigung in vergleichender Perspektive

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
LAI, Rüdesheimer Str. 54-56, Raum 201
Veranstalter
Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin
Datum
24.10.2013 - 26.10.2013
Von
Oliver Gliech

Die meisten Länder Lateinamerikas liegen in tektonischen Gefahrenzonen und werden infolgedessen regelmäßig von mehr oder weniger schweren Erdbeben heimgesucht. Während im Andenraum konvergierende Bewegungen der Nazca- und der südamerikanischen Platte seit Jahrhunderten zu seismischen Spannungen führen, driften in Mittelamerika und der Karibik drei Platten – die nordamerikanische, die Cocos- und die karibische Platte – mit ähnlichen Konsequenzen auf einander zu. Die schweren Erdbeben der Hemisphäre fordern nicht nur zahlreiche Menschenleben und verursachen beträchtliche materielle Schäden, sondern erschüttern auch Staat und Gesellschaft der betroffenen Länder. Tragödien diesen Stils durchziehen die Geschichte des Kontinents von der Frühzeit der indigenen Besiedlung bis in die Gegenwart. Da viele Erdbeben politische, soziale, kulturelle, psychologische und siedlungsgeografische Folgen hatten, stoßen diese Ereignisse nicht allein bei Geologen, sondern auch bei Historikern, Ethnologen, Soziologen und Politologen auf breites Interesse.

Im Laufe des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts kam es in einer Reihe lateinamerikanischer Länder zu seismischen Katastrophen, die alle Lebensbereiche der betroffenen Regionen in Mitleidenschaft zogen. Argentinien registrierte seit 1900 59 mittlere und schwere Erdbeben, Zentralmexiko erlebte 13 solcher Ereignisse, Nicaragua verzeichnete 90, Peru 114. Einige seismische Katastrophen gelten als Zäsur in der Geschichte der betroffenen Länder. Das Erdbeben, das 1944 Córdoba (Argentinien) erschütterte, erlaubte es Juan Domingo Perón, sich als Krisenmanager zu präsentieren, und spielte beim Aufstieg der peronistischen Bewegung eine bedeutende Rolle. Die seismische Katastrophe, die 1985 Oaxaca und die mexikanische Hauptstadt heimsuchte, paralysierte zeitweilig weite Teile des Regierungsapparats der herrschenden Staatspartei PRI und löste Debatten über die Legimität ihrer Herrschaft aus. 1970 wurde in Peru die Stadt Yungay von einem Erdbeben mit nachfolgendem Bergrutsch und Überschwemmungen weitgehend ausgelöscht. Im Dezember 1972 zerstörte ein ähnliches Ereignis die nicaraguanische Hauptstadt Managua und untergrub die damals herrschende Somoza-Diktatur, die durch den schamlosen Diebstahl der Hilfsgüter für die Erdbebenopfer große Teile der nicaraguanischen Gesellschaft gegen sich aufbrachte. Sie gilt als einer der Auslöser der sandinistischen Revolution, die 1979 zum Sturz Somozas führte. 2010 erlitt Haiti verheerende Schäden durch die schwersten Erderschütterungen seiner Geschichte, die das öffentliche Leben des ärmsten Landes der westlichen Welt weitgehend lahmlegten. Die Folgen dieser Katastrophe sind bis heute nicht überwunden.

Gerade für die ärmeren Staaten Lateinamerikas stellt die Erdbebengefahr eine große Herausforderung dar, da sie diese zwingt, überproportional hohe Mittel für die Vorsorge und Beseitigung der materiellen Schäden dieser Naturkatastrophen bereitzustellen. Sie gehören zu den Faktoren, die die Umsetzung der von der UNO definierten Milleniumsziele zur Überwindung von Armut und Unterentwicklung erschweren.

Im Rahmen des Symposiums "Erdbeben in Lateinamerika. Politische, soziale und kulturelle Dimensionen der Katastrophenbewältigung in vergleichender Perspektive", das - finanziert vom DAAD - vom 24.-26.10.2013 am Lateinamerika-Institut der Freien Universität stattfinden wird, werden 18 lateinamerikanische Alumni verschiedener Fachrichtungen und eine kleinere Zahl von Spezialisten unterschiedliche Aspekte des Umgangs mit Erdbeben in den einzelnen Ländern der Hemisphäre diskutieren. Die verschiedenen Dimensionen der Katastrophenbewältigung sollen dabei aus politologischer, soziologischer, historischer, ökonomischer und psychologischer Perspektive betrachtet werden.

Ein Teil der Veranstaltung wird vom DAAD als Live-Stream ins Internet übertragen und kann über http://www.alumniportal-deutschland.org/ verfolgt werden (für eingeschriebene Mitglieder, eine Einschreibung ist kostenfrei auch für Nichtalumni möglich).

Programm

Zeitplan des Symposiums "Erdbeben in Lateinamerika. Politische, soziale und kulturelle Dimensionen der Katastrophenbewältigung in vergleichender Perspektive"
Stand: 7.10.2013
Uhrzeit
Referent und Vortragsthema
Do., 24.10.2013

16.00-16.20
Begrüßung durch die Vorsitzende des Institutsrats des LAI, Prof. Dr. Susanne Klengel

16.20-17.15
Dr. Oliver Gliech: Eathquakes in Latin America and their consequences - a comparative view

17.15-18.00
Dr. Victor Tinoco (Nicaragua): El terremoto de 1972 y sus consecuencias (1)*
* Die Nummern beziehen sich auf die Alumni

18.00-20.00
Vino de honor

Fr., 25.10.2013

9.30-10.00
Prof. Dr. Stefan Rinke: Grußworte an die Teilnehmer

10-10.30 Dr.
Marialba Pastor (UNAM): Los “temblores de tierra” en Nueva Espana: las explicaciones de la teología natural y el naturalismo científico (2)

10.30-11.00
Dr. Mariano Torres (Univ. de Puebla): Temblores de tierra en la región de Puebla, (México): una perspectiva etno-histórica y antropolígica (3)
11.00-11.30
Dr. María de Lourdes Herrera Feria (BUAP/Colegio de Historia): El terremoto de 1985 en la Ciudad de México y sus consecuencias sociales (4)

11.30-12.00
Dr. Humberto Morales Moreno: Natural Disasters, Earthquakes and resilience in México: 1983-2012 (5)

12.00-12.30
Diskussion

12.30-14.00 Mittagspause
Haiti: The Earthquake of 2010
Vorsitzender der Sitzung: Dr. Oliver Gliech

14.00-14.30
Dr. Alrich Nicolas: Economie politique du séisme du 12 janvier 2010 en Haiti (6)

14.30-15.00
Dr. Marie-George Salomon: La réponse au séisme du 12 janvier 2010 en Haiti, un cas d'école? (mit englischer Übersetzung) (7)

15.00-15.30
Dr. Cary Hector: Haiti: Quelques dilemmes, impasses et perspectives de la 'Reconstruction/Refondation' post séisme: 2010-2013 (8)

15.30-16.00
Debatte unter Einschluss Webgemeinde

16.00-16.30
Kaffeepause

Argentina: Disasters and State Response
Vorsitzender der Sitzung: Dr. Michael Goebel

16.30-17.00
Dr. Pablo Buchbinder: El terremoto de San Juan y su impacto en la política social Argentina (1944) (9)

17.00-17.30
Dr. Bloj Schapira: Inundaciones y fracaso estatal - el caso argentino (10)
Gastbeitrag

17.30-17.50
Prof. Dr. Jürgen Buchenau: Earthquakes in Latin America as historical rupture

17.50-18.00
Kaffeepause

18.00-18.30
Andrs Manriquez (Chile): (11)
Kunstperformance "El terremoto de 1960 (Chile)"

ab 19.00
Gemeinsames Abendessen der Referenten

Sonnabend 26.10.2013
The Economic and Political Consequences of Earthquakes: Three Case Studies
Vorsitzende der Sitzung: Dr. Debora Gerstenberger

13.00-13.30
Dr. Benicio Gutiérrez-Doña: Resource loss, PTSD, stress symptoms, and quality of life among earthquake survivors in Costa Rica (12)

13.30-14.00
Dr. Vicente Albornoz (Universidad de Las Américas/Ecuador): Economic and political consequences of the 1987 earthquake in Ecuador (13)

14.00-14.30
José Antonio Encinas (Peru): The earthquake in Ica/Peru (2007) - a case study (14)

14.30-15.00
Diskussion mit der Alumnigemeinde im Internet

15.00-15.15
Kaffeepause
The Social and Cultural Consequences of Disasters: Three Case Studies
Vorsitzender der Sitzung: N.N.

15.15-15.45
Dr. Marisol Palma Behnke (Chile): La memoria social de los terremotos. Recorrido fragmentario por la historia de Chile: Earthquakes and Collective Memory in Chile (15)

15.45-16.15
Dr. Liliana Mayer (UBA-CONICET / Argentina): What happens during and after an intense seismic activity within the education system? A study of educational opportunities and inequalities. The case of Chile Earthquake in 2010 (16)

16.15-16.45
Prof. Dr. João P. de Albuquerque (Univ. Heidelberg): The use of collaborative approaches and social media for flood management in Brazil
(17)

16.45-17.15
Diskussion

17.15-17.30
Kaffeepause
Interaktives Forum

17.30-18.00
Diskussion der Symposiumsbeiträge unter Einschluss der Alumnigemeinde (Webpräsenz)

Kontakt

Oliver Gliech

LAI/FU Berlin
Rüdesheimer Str. 54-56, 14197 Berlin
030 4953160

gliech1@zedat.fu-berlin.de

Zitation
Erdbeben in Lateinamerika. Politische, soziale und kulturelle Dimensionen der Katastrophenbewältigung in vergleichender Perspektive, 24.10.2013 – 26.10.2013 Berlin, in: H-Soz-Kult, 15.10.2013, <www.hsozkult.de/event/id/termine-23167>.
Redaktion
Veröffentlicht am
15.10.2013
Beiträger
Klassifikation
Epoche(n)
Region(en)
Weitere Informationen
Sprache Beitrag
Land Veranstaltung