Jenseits der Lagerromantik: Neue Perspektiven auf den „Japanisch-Deutschen Krieg“ als Teil des Ersten Weltkriegs

Ort
Bochum
Veranstaltungsort
Ruhr-Universität Bochum
Veranstalter
Dr. des. Jan Schmidt (Sektion Geschichte Japans, Fakultät Ostasienwissenschaften, Ruhr-Universität Bochum; derzeit Visiting Associate Professor, Universität Kyōto, Research Institute for Humanities); Dr. Katja Schmidtpott (Faculty of Asian and Middle Eastern Studies, University of Cambridge; ab 1. April 2014: Institut für Japanologie, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Freie Universität Berlin)
Datum
08.08.2014 - 10.08.2014
Bewerbungsschluss
15.12.2013
Von
Jan Schmidt

Der Japanisch-Deutsche Krieg (Nichidoku sensō) ist ein Teilkonflikt des Ersten Weltkriegs, der in Deutschland weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Japan, das als Verbündeter Großbritanniens in den Ersten Weltkrieg eintrat, erklärte dem Deutschen Reich im August 1914 den Krieg und eroberte die deutschen Territorien in China (Qingdao) und im Südpazifik. Als Folge der Kriegshandlungen waren auf beiden Seiten zunächst mehrere hundert Tote und Verwundete zu beklagen und es gerieten knapp 5.000 deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten in japanische Kriegsgefangenschaft, die bis 1919/20 andauerte, während etwa 100 japanische Staatsbürger in Deutschland interniert wurden.

Der Japanisch-Deutsche Krieg beeinflußte die imperialistische Politik beider Länder auf gravierende Art und Weise. Auf der einen Seite bedeutete dieser Konflikt das Ende des deutschen Imperialismus im Asien-Pazifik-Raum. Auf der anderen Seite bescherte er dem japanischen Empire erhebliche territoriale Zugewinne und stärkte die japanische Position in Ostasien, was einer aggressiven Außenpolitik gegenüber China Vorschub leistete.

Ziel der Tagung:

Ziel der Tagung ist es, eine Neuinterpretation des Japanisch-Deutschen Kriegs zu erreichen. Konventionelle Geschichtsbilder sollen aufgebrochen werden, um zu einer differenzierteren Darstellung des deutsch-japanischen Verhältnisses zu gelangen, die auch Ambivalenzen und Konflikthaftigkeit in den Blick nimmt und sich als Teil einer globalgeschichtlichen Betrachtung der Weltkriege im 20. Jahrhundert versteht.

Dazu wird die Tagung den Japanisch-Deutschen Krieg zum einen aus der Perspektive der deutsch-japanischen Beziehungen beleuchten und zum anderen versuchen, ihn als Teil einer Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs zu kontextualisieren.

1) In der Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen wird der Japanisch-Deutsche Krieg bislang paradoxerweise als Ausweis deutsch-japanischer Freundschaft interpretiert. Es dominieren verklärende Darstellungen des Schicksals der deutschen Kriegsgefangenen in Japan, die durch eine Fokussierung auf das liberale Kriegsgefangenenlager Bandō entstanden. Die Medialisierung der Lagergeschichte in Form eines japanischen TV-Historiendramas (Baruto no gakuen/ Ode an die Freude, 2006) trug noch in jüngster Zeit dazu bei, dieses Bild in beiden Ländern zu popularisieren.

Auf diese Weise wurde der Japanisch-Deutsche Krieg nahtlos eingepaßt in das Narrativ der deutsch-japanischen Beziehungen als „traditionell gut und praktisch problemlos” – so die westdeutsche Botschaft in Tokyo anläßlich eines Staatsbesuchs von Bundespräsident Heinrich Lübke im Jahr 1963. Diese Diktion dominierte sowohl die historische Forschung als auch die öffentliche Meinung in den letzten Jahrzehnten. Beispiele hierfür sind die häufigen Beschreibungen eines harmonischen „Lehrer-Schüler-Verhältnisses“ in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sowie die Idee einer besonderen „deutsch-japanischen Freundschaft“ zur Zeit des Nationalsozialismus, deren Nachwirkungen bis heute festzustellen sind. Zuletzt manifestierte sich der Eindruck einer eigentümlichen Nähe beider Länder im Titel „Ferne Gefährten“, der einer Ausstellung zum 150. Jubiläum der Aufnahme ihrer diplomatischen Beziehungen im Jahr 2011 vorangestellt wurde.

Die historische Realität der deutsch-japanischen Beziehungen ist jedoch weitaus komplexer. Wie die Triple-Intervention von 1895, in der u.a. das Deutsche Reich von Japan die Aufgabe von Territorien verlangte, die sich Japan nach dem Krieg gegen China 1894/95 hatte zusichern lassen, das Schreckgespenst der „Gelben Gefahr“ und schließlich der Japanisch-Deutsche Krieg eindrucksvoll beweisen, gab es durchaus Zeiten, in denen das Verhältnis beider Länder im Zeichen des Konflikts stand. Im Bereich der Wirtschaftsgeschichte wurde zudem bereits herausgestellt, dass die Beziehungen beider Länder seit dem Ende des 19. Jahrhunderts nicht mehr nur durch Kooperation, sondern in immer stärkerem Maße auch durch Konkurrenz auf den Weltmärkten geprägt waren. Ebenso wurde die zur Zeit des Nationalsozialismus immer wieder betonte „deutsch-japanische Freundschaft“ bereits als Propagandakonstrukt entlarvt.

Eine umfassende Neuinterpretation der deutsch-japanischen Beziehungen, die auch Konflikthaftigkeit und Ambivalenzen einschließt, steht jedoch noch aus. Hierzu kann die Untersuchung des Japanisch-Deutschen Kriegs einen wichtigen Beitrag leisten.

2) In einer Globalgeschichte des Ersten Weltkriegs ist der Japanisch-Deutsche Krieg bislang nur eine Randnotiz. Die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg hat erst in den letzten Jahren, angefacht durch das bevorstehende „Jubiläum“ des Kriegsbeginns im Jahr 2014, verstärkt den europäischen Kontext verlassen. Ungeachtet der Bemühungen, eine tatsächlich weltweite Perspektive einzunehmen und damit eine Verengung auf Außenpolitik, militärische Zusammenhänge sowie Tod und Gedenken in und um Europa aufzugeben, werden jedoch der Schauplatz Ostasien sowie generell die weniger direkten Auswirkungen des Weltkriegs und ihre Wahrnehmungen außerhalb Europas – mit Ausnahme der USA – nach wie vor kaum beachtet. Die Tagung strebt daher auch an, den Japanisch-Deutschen Krieg verstärkt an seinen zeitgenössischen, globalhistorischen Kontext zurückzubinden. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass in zahlreichen Aspekten des Konflikts Tendenzen und Phänomene zu erkennen sind, die als paradigmatisch für das Zeitalter der Weltkriege und darüber hinaus für das 20. Jahrhundert gelten können.

Beispiele hierfür wären etwa die Internierung japanischer Bürger bei Kriegsbeginn in Deutschland – eine Maßnahme, die in vorigen Kriegen nahezu unbekannt war –, sowie der Propagandakrieg, der zwischen beiden Mächten und ihren Verbündeten unter anderem in China ausgefochten wurde. Auch die zahlreichen und sehr detaillierten Studien, die japanische Regierungsbehörden und andere Instanzen über die Mobilisierung der deutschen Wirtschaft und Gesellschaft unternahmen, weist weit über die Grenzen des Kriegs als Teil der deutsch-japanischen Beziehungen hinaus, da es sich bei derartigen Lernprozessen um ein allgemeines Phänomen handelte, das in vielen weiteren Staaten während der Weltkriege auftrat.

Eine weitere Dimension wäre die gegenseitige Wahrnehmung des Kriegs im größeren Kontext europäischer (Ost)Asienbilder und ostasiatischer Europabilder sowie die jeweiligen Diskussionen, wie der Ort des anderen in der regionalen wie weltweiten Nachkriegsordnung als Teil eines sich verändernden Erwartungshorizonts eingeschätzt wurde.

Auch die Veränderungen der Beziehungen zwischen Wirtschaft und Wissenschaft während des Kriegs können nicht ausschließlich im bilateralen Kontext gesehen werden, sondern sind als Teil der allgemeinen und sehr massiven Veränderungen der Wissens- und Warenflüsse in einem komplexen, verflochtenen globalen System zu sehen, die sich durch den Krieg in allen Weltregionen ergaben. Ein weiterer Bereich, der im globalen Kontext des Kriegs und imperialer Politik zu sehen ist, ist der Umgang mit den ab 1914 japanisch besetzten, ehemals von Deutschland beherrschten Gebieten und seinen Bewohnern. Hier stellt sich unter anderem die Frage von Kontinuitäten und Unterschieden in den Herrschaftskonzepten sowie in den Praktiken vor Ort, zumal angesichts der möglichen Besonderheiten des „doppelt-gebundenen“ japanischen imperialen Projekts. Ebenso ist Japans Teilnahme an der Pariser Friedenskonferenz und die damit verbundene Teilhabe am „Richterspruch“ über das Deutsche Kaiserreich sowie an der Abwicklung der Österreichisch-Ungarischen Doppelmonarchie und des Osmanischen Reichs sowohl eine Folge des Japanisch-Deutschen Kriegs im engeren Sinne als auch von globalgeschichtlicher Bedeutung.

Mögliche Themenfelder:

1) Diskurse / Feindbilder

- mediale Repräsentationen von Deutschland/Deutschen in Japan bzw. von Japan/Japanern in Deutschland während des Kriegs
- Debatten über das jeweils andere Land und die Rolle der Intellektuellen und in diesen wirkende Diskurse

2) Zwei Imperien und ihre Bürger im (totalen) Krieg

- der Wirtschaftskrieg (Übernahme deutscher Weltmarktanteile durch japanische Unternehmen)
- der Verlust des deutschen Pachtgebiets in China und im Südpazifik an Japan: Konsequenzen für beide Imperien und deren Bürger
- die Behandlung von Zivilisten, die sich im jeweiligen Feindesland aufhielten
- das Verhältnis von Angehörigen der kriegführenden Nationen in neutralen Staaten

3) Bandō im Kontext einer allgemeinen Geschichte der Kriegsgefangenenlager

- die allgemeine Behandlung von Kriegsgefangenen im Ersten Weltkrieg
- Behandlung und Lebenswelt von Kriegsgefangenen in anderen Kriegsgefangenenlagern in Japan (außer Bandō)
- die Behandlung von Kriegsgefangenen in japanischen Kriegsgefangenenlagern in vorangehenden Konflikten (Krieg gegen China 1894/95, Krieg gegen Rußland 1904/05)

4) Der Japanisch-Deutsche Krieg als Teil eines totalen Kriegs?

- Die Erforschung der Gesellschaft des „Feindes“ im Krieg: Studien über die Mobilisierung von Gesellschaften
- Krieg jenseits von direkter militärischer Auseinandersetzung: Handelskrieg, Propaganda und Kriegsanleihen
- die logistische Unterstützung der Verbündeten Japans im Krieg gegen Deutschland
- Kultur und Wissenschaft im Japanisch-Deutschen Krieg

5) Kriegsende und Nachkriegszeit (1920er Jahre)

- Japan und Deutschland während der Pariser Friedenskonferenz
- Nachwirkungen des Kriegs in den deutsch-japanischen Beziehungen zwischen wirtschaftlicher Kooperation und Konkurrenz auf den Weltmärkten

6) Narrative im Wandel

- Entstehung und Fortschreibung der „Bandō-Romantik“ (1918 bis in die Gegenwart)
- die Geschichte der Sammlungen zu Bandō
- Erinnerungsorte im Wandel I: Zwischen Rassismus und Völkerfreundschaft: der Erste Weltkrieg als Beispiel für Kontinuitäten und Brüche von Nationalstereotypen im 20. Jahrhundert
- Erinnerungsorte im Wandel II: Kriegsdenkmäler und das Gedenken an die Kriegstoten zwischen offiziellem Totenkult und privater Trauer und Anerkennung
- Erinnerungsorte im Wandel III: - Qingdao als chinesischer Erinnerungsort

Ort: Ruhr-Universität Bochum, Fakultät Ostasienwissenschaften, Sektion Geschichte Japans

Datum: 8.-10. August 2014

Organisation:
Dr. des. Jan Schmidt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Ruhr-Universität Bochum, Fakultät Ostasienwissenschaften, Sektion Geschichte Japans; derzeit Visiting Associate Professor, Universität Kyōto, Research Institute for Humanities)
Jan.P.Schmidt@rub.de

Dr. Katja Schmidtpott (Affiliated Researcher, University of Cambridge, Faculty of Asian and Middle Eastern Studies; ab 1. April 2014: Freie Universität Berlin, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Institut für Japanologie)
ks666@cam.ac.uk

Deadline: Um die Einsendung eines abstracts mit Kurzlebenslauf wird gebeten bis zum 15. Dezember 2013.

Konferenzsprachen: Deutsch, Japanisch.

Kontakt

Jan Schmidt
Sektion Geschichte Japans, GB 1/41
Fakultät für Ostasienwissenschaften
Ruhr-Universität Bochum
Universitätsstr. 150
44780 Bochum
Telefon: +49-(0)234-32-26255
Telefax: +49-(0)234-32-14693
Jan.P.Schmidt@rub.de

Katja Schmidtpott
ks666@cam.ac.uk

Zitation
Jenseits der Lagerromantik: Neue Perspektiven auf den „Japanisch-Deutschen Krieg“ als Teil des Ersten Weltkriegs, 08.08.2014 – 10.08.2014 Bochum, in: H-Soz-Kult, 24.10.2013, <www.hsozkult.de/event/id/termine-23257>.