Klein aber Frei? Eigen- und Fremdbestimmung in europäischen Republiken

Ort
Gersau (Schweiz)
Veranstaltungsort
Altes Rathaus
Veranstalter
Beat Kümin (University of Warwick/GB), unter dem Patronat des Bezirkrats von Gersau
Datum
21.03.2014 - 23.03.2014
Von
Beat Kümin

„[Die Gersauer halten] sich selb’ fur die fryesten eitgnossen ..., hand ouch eigen stock vnd galgen vnd sind doch uber zwentzig huser vnd fürstett nit.“ (Diebold Schilling, Luzerner Chronik, 1513, f. 311v)

„... so leben die Gersauer mit natürlichem Vergnügen von ihrer mäßigen Arbeit, frey, sicher, unbeneidet, und vielleicht beneidenswürdig.“ (Johannes v. Müller, Der Geschichten schweizerischer Eidgenossenschaft Anderes Buch, 1786, S. 258]

Die eigenössischen Beobachter Diebold Schilling und Johannes von Müller zeichnen ein sehr unterschiedliches Bild der alten Republik Gersau. Beide betonen dessen „Freiheit“, doch der eine eher spöttisch, der andere in anerkennender Weise. War „small“ also „beautiful“? Korreliert der Autonomie- automatisch mit dem Freiheitsgrad? Macht Selbstbestimmung glücklich? Bringt Unabhängigkeit mehr Vor- als Nachteile? Wie sieht die Situation in anderen, grösseren Territorien aus? Wie frei und/oder autonom waren die benachbarten Waldstätte, eidgenössische / zugewandte Orte, Bauernrepubliken und Weltmächte wie die Generalstaaten?

Von 1390 bis 1798 bildete das Reichsdorf Gersau am Vierwaldstättersee einen eigenständigen politischen Verband. Die Sehnsucht nach der „alten Freiheit“, die das Land 1814 zur temporären Restauration der in der Helvetischen Revolution verlorenen Republik bewog, soll als Anlass dienen, diese „grossen“ und – mit Blick auf die europäische Einigung – weiterhin aktuellen Themen in zeit- und raumübergreifender Perspektive zu behandeln. Unter der Leitfrage nach dem Verhältnis zwischen Grösse und Freiheit in der Geschichte europäischer Republiken interessiert sich die Tagung für die verschiedensten Gemeinden und Regionen, wo kommunale bzw. republikanische Eigenständigkeit angestrebt, erreicht und erhalten bzw. wieder eingebüsst wurde.

Die vom Lotteriefonds des Kantons Schwyz mit unterstützte Veranstaltung bildet Teil des Gedenkjahres "Gersau 1814-2014: Geschichte Gestalten" und steht unter dem Patronat des Bezirksrats von Gersau. Den Höhepunkt bildet ein öffentliches Podiumsgespräch in der Aula des Schulhauses (Samstag 21. März 2014, 19.30-21.30), wozu alle historisch Interessierten herzlich eingeladen sind.

Programm

Freitag 21. März 2014

16.00-18.00 Uhr. Sektion 1: Autonome Landgemeinden

Albert Müller, Zug
Walchwil – Weggis - Gersau: Varianten kommunaler Freiheit in der Zentralschweiz um 1400

Oliver Landolt, Schwyz
Autonomiebestrebungen angehöriger Landschaften im Gebiet des Kantons Schwyz im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit

Beat Kümin, Warwick
Klein aber frei? Ländliche Autonomie in Reichsdörfern der Vormoderne

Samstag 22. März

09.00–11.00 Uhr. Sektion 2: Rechtskulturen

Peter Blickle, Saarbrücken
Bäuerliche Rechtskultur in Oberdeutschland am Ende des Mittelalters. Die Grundlegung für ein „gemeines Regiment“

Catherine De Kegel-Schorer, Engelberg
Genossenschaft und Nachbarschaft. Personale und territoriale Organisation bei den Freien auf Leutkircher Heide und bei Innerschweizer Ürtegemeinden

Mathias Moosbrugger, Innsbruck
Töten, um davon zu erzählen. Die integrative Kraft urkundlich erinnerter Blutgerichtsbarkeit in der spätmittelalterlichen Gerichtsgemeinde des Hinteren Bregenzerwaldes

11.30–13.00 Uhr. Sektion 3: Europäische Perspektiven

Christoph Dartmann, Münster
Die Bürgerversammlung als Repräsentativorgan der Stadtgemeinde in Italien

Maciej Ptaszyński, Warschau
Republikbegriff und Reformation. Republikanismus in Polen am Anfang des 16. Jahrhunderts

14.15–15.45 Uhr. Sektion 4: Menschen und Umwelt

Jon Mathieu, Luzern
Umwelt und Verfassung. Zur Parallelisierung der Landschaft Dithmarschen mit frühneuzeitlichen Alpenrepubliken

Martin van Gelderen, Göttingen
Die Freiheit der Republik und die Rechte der Immigranten:
die Überlegungen von Hugo Grotius

19.30–22.30 Uhr. Öffentliches Podiumsgespräch (Aula Bezirksschule): „Gersauer Freiheit: Ein Mythos?“

Podiumsgäste:
André Holenstein (Historiker, Universität Bern)
Sonja Leemann (Bezirksrätin, Gersau)
Albert Müller (Historiker, Zug)

Moderation:
Beat Kümin (Historiker, Warwick / Gersau 2014)

Sonntag 23. März

09.00–10.30 Uhr. Sektion 5: Freiheit in Stadt und Land

Antonia Jordi, Bern
Biels Traum vom eigenen Kanton. (Un)Möglichkeiten kleiner Republiken in der nachrevolutionären Ära

Sandro Guzzi-Heeb
Die Republik auf dem Dorf. Republikanische Erfahrung, Antiklerikalismus und Radikalismus im Entremont, 1789-1870

11.00–12.30 Uhr. Sektion 6: Zeitenwende

Astrid von Schlachta, Regensburg
Über Verfassungen und Privilegien zur Freiheit.
Zuschreibungen zur Region um 1800

André Holenstein, Bern
Prekärer Republikanismus. Zu den Ursachen für das Scheitern der Gersauer Freistaatlichkeit im frühen 19. Jahrhundert

12.30–13.00 Uhr. Schlussdiskussion und Ausblick

Kontakt

Beat Kümin, University of Warwick: b.kumin@warwick.ac.uk

Zitation
Klein aber Frei? Eigen- und Fremdbestimmung in europäischen Republiken, 21.03.2014 – 23.03.2014 Gersau (Schweiz), in: H-Soz-Kult, 09.03.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-24416>.