Das medizinische Gutachten als Praxis und Genre vom 16. bis 20. Jahrhundert

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Institut für Geschichte der Medizin
Veranstalter
Alexa Geisthövel/Volker Hess, ERC-Forschergruppe "Ways of Writing. How Physicians Know, 1500-1950", Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin
Datum
16.01.2015 - 17.01.2015
Bewerbungsschluss
15.06.2014
Von
Alexa Geisthövel

Workshop/Buchprojekt: Das medizinische Gutachten als Praxis und Genre vom 16. bis 20. Jahrhundert

Die Gebrüder Grimm kannten keinen Experten, wohl aber die Begriffe „sachverständig“ und „Sachverständnis“, die sich seit dem 18. Jahrhundert nachweisen lassen. Bereits seit dem frühen 16. Jahrhundert wird in dieser Bedeutung aber vom „Gutachten“ gesprochen. Und seit dieser Zeit finden sich in der Überlieferung von Gerichten und Fakultäten, Krankenhäusern und Höfen, Ämtern und Akademien Gutachten mit unterschiedlichsten Formen und Funktionen. Aus diesem Grund wird diese Quellengattung gerne von der Geschichtsschreibung herangezogen, wenn es Vermittlungs- und Austauschprozesse zu untersuchen gilt: Was geschah mit medizinischem Wissen, wenn es in die Hände von Juristen, Ökonomen oder Politikern kam? Nur selten gerät dabei jedoch das Gutachten selbst – als materiale Form und epistemische Praxis – in den Blick. Was zeichnet das Gutachten – als Genre, als Praxis und als Wissensform – aus? Dieser Frage möchten wir am Beispiel des medizinischen Gutachtens in einer Arbeitsgruppe nachgehen und daraus ein Publikationsprojekt entwickeln, das diese vernachlässigte Praktik in einer Perspektive der longue durée in den Mittelpunkt einer wissenshistorischen Analyse stellt.

Drei Aspekte sind für unser Vorhaben spezifisch und unterscheiden den projektieren Sammelband von vorliegenden Publikationen:
1. Das Gutachten als Intersektion
Immer, wenn es darum geht, jenseits der Behandlung von Kranken medizinisches Wissen in Handlungsentscheidungen einzubeziehen, ärztliche Kenntnisse zwischen verschiedenen Bereichen des sozialen Lebens zu vermitteln oder über Disziplinen-Grenzen hinweg auszutauschen, dann schlägt die Stunde des Gutachtens. Gutachten können somit als Form der gesellschaftlichen Arbeitsteilung betrachtet werden, die für Dritte das spezialisierte Wissen aus der Medizin in nichtmedizinische Kontexte der Entscheidungsfindung überführen (etwa in Rechtsprechung oder Marktkontrolle). Der Schwerpunkt des geplanten Bandes liegt auf den Wissenspraktiken: dem Sammeln, der Verarbeitung, der Präsentation und Weitergabe von Informationen. Dabei stellt sich eine Begutachtung als mehrteiliger Prozess dar, der mit verschiedenen Tätigkeiten verbunden ist: Am Anfang steht die Schilderung des Falls/Problems und die zu klärende Frage; es folgt die empirische Prüfung der Fakten, in der Regel vollzogen durch eine persönliche Untersuchung des zu beurteilenden Individuums, der zuzulassenden Substanzen oder der zu verbessernden Lebensverhältnisse (anschauen, abhören, betasten, messen etc.). Dann gilt es, die in Form von Texten angelieferten Informationen mit der eigenen Beobachtung abzugleichen und verschiedene Fakten so zu gewichten, dass sie in eine möglichst eindeutige Schlussfolgerung münden, die den zweifelhaften Fall in einer abschließenden Beurteilung klärt. Daran können sich abschätzende Prognosen über zukünftige Entwicklungen bzw. Empfehlungen für eine von mehreren möglichen Entscheidungen anschließen.
2. Das Gutachten jenseits der Expertise
Seit der Frühen Neuzeit präsentiert das Gutachten eine eigene Form von know-how, das heißt wissendem Handeln. Auch wenn in solchen Fällen der Gutachter oft in der Rolle des Experten agierte, dürfen Gutachten und Expertise nicht als deckungsgleich betrachtet werden. Die sozialwissenschaftliche Analyse und Geschichtsschreibung der Expertise hat vorranging nach der Konstruktion von Autorität und Legitimität von Expertenwissen im Vergleich zu anderen Wissensformen und gegenüber Entscheidungsträgern gefragt. Für das moderne Verständnis von Expertise ist dabei entscheidend, dass sie von einem Standpunkt der Neutralität, Objektivität und universellen Wahrheit aus vorgetragen wird. Demgegenüber galten Gutachten seit der Frühen Neuzeit eher als Stellungnahmen von Spezialisten, deren besonderer Sachverstand in Anspruch genommen wird.
3. Das Gutachten als Schreib-Praxis / praxeologische Perspektive
Die Praktik des Gutachtens - ob mündlich vorgetragen oder schriftlich ausformuliert - geht weder in den generalisierten Aussagen eines Handbuchs auf noch verbleibt sie in der partikulären Beobachtung. Das Schreiben eines Gutachtens ist vielmehr eine intensive und extensive Arbeit auf und mit Papier. Das gilt keineswegs nur für die Moderne, wenn das Gutachten für einen Rententräger auf einer extensiven Auswertung von Dokumenten aus Kliniken und Pflegeanstalten, Polizeiberichten, Versicherungspolicen, vorausgehenden Gutachten oder Gerichtsurteilen basiert, die eine Gutachterin (oder ein Gutachter) recherchiert, liest, anstreicht und kommentiert, exzerpiert und kopiert, bevor auf dieser Grundlage ein mehrseitiges Gutachten entsteht, dass wiederum formalen Kriterien zu genügen hat. Bereits in der frühen Neuzeit war das Verfahren für die Ausstellung eines „Schauzettels“ oder die Aktenversendung im Rahmen der Halsgerichtsbarkeit nicht minder kompliziert, bezog zahlreiche Akteure und Instanzen ein und erhielt seine Evidenz als Formular.

Eine besondere Brisanz erhalten diese drei Aspekte durch die langen Untersuchungshorizonts des Vorhabens. Das betrifft beispielweise die Formalisierung und Formatierung von Gutachten – welchen Gestaltungprinzipien mussten sie in unterschiedlichen historischen Kontexten genügen, um Wirksamkeit zu entfalten? Um die spezifischen Merkmale des Gutachtens herauszuarbeiten, ist zudem ein Abgleich mit anderen Formen der medizinischen Beurteilung nützlich: Welche Verbindungen gibt es zwischen Gutachten und Auswahlverfahren wie der Musterung für den Militärdienst oder der Untersuchung auf Schulfähigkeit? Wie interagierten gruppenbezogene Methoden, etwa Ratings oder Fragebögen, mit qualitativen individualisierten Beurteilungen? Aber auch: Wie verhielten sich Gutachten zur ausformulierten klinischen Fallgeschichte, welche Beobachtungsformen teilten sie, worin unterschieden sie sich?
Kennzeichnend für das Gutachten ist ferner, dass es zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Funktionsbereichen zirkuliert. Ärzte und Chirurgen erstellten Gutachten im Auftrag von Richtern und Anwälten (sowohl in Straf- wie in Zivilprozessen), beurteilten in der Frühen Neuzeit den Anspruch auf Behandlung und Pflege im Auftrag von Stadträten und seit dem späten 19. Jahrhundert im Auftrag von Sozialversicherungsträgern Gesundheitszustand und Erwerbs(un)fähigkeit. Inwiefern kann man gutachterliche Formulare oder stark formalisierte freie Gutachten als Übersetzungswerkzeuge an den Schnittstellen zwischen den Funktionsbereichen verstehen? Wie eigneten sich die Auftraggeber der Gutachten medizinisches Wissen im Prozess ihrer Entscheidungsfindung an? Und wie beeinflussten diese Prozesse die Praxis des medizinischen Gutachtens, etwa durch antizipierende Berücksichtigung auf Seiten der Gutachter oder durch Rückmeldungen der Auftraggeber?

Ziel ist die Publikation eines gemeinsamen Sammelbandes, dessen Beiträge aus einem mehrteiligen intensiven Diskussionsprozess hervorgehen und ein erkennbares Resultat gemeinsamer Arbeit und gemeinsamen Austausches sind. Einbettet ist das Vorhaben in das vom ERC geförderte Forschungsvorhaben „How Physicians Know“, 1550-1950.

Deadline für die Einreichung von Abstracts (Skizzen) : 15. Juni 2014
Rückmeldung zum Abstract : 15. Juli 2014

Vorgesehen sind drei Autoren-Workshops mit precirculated papers, die kommentiert und von allen Autoren diskutiert werden.

1. Workshop am 16.-17. Januar 2015
2. Workshop am Mai 2015
3. Workshop am November 2015

Abgabe der druckfertigen Manuskripte (max. 45.000 Zeichen): 15. März 2016

Kontakt

Alexa Geisthövel

Institut für Geschichte der Medizin, Thielallee 71, 14195 Berlin

alexandra.geisthoevel@charite.de

Zitation
Das medizinische Gutachten als Praxis und Genre vom 16. bis 20. Jahrhundert, 16.01.2015 – 17.01.2015 Berlin, in: H-Soz-Kult, 25.04.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-24800>.
Redaktion
Veröffentlicht am
25.04.2014
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