Vergleichende Faschismusforschung

Ort
-
Veranstalter
Sven Reichardt Armin Nolzen
Datum
01.07.2004
Bewerbungsschluss
01.07.2004
Von
Sven Reichardt

Band 21 der „Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus“

Absicht des Bandes ist es, neuere Ansätze der vergleichenden Faschismusforschung vorzustellen. Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass in der deutschsprachigen NS-Forschung in den letzten zehn Jahren zwar ein enormer Anstieg an empirischem Wissen zu verzeichnen ist, der jedoch bislang noch wenig zu theoretischer Modellbildung genutzt wurde. Insbesondere von den bisher weitgehend vernachlässigten Fragen nach den Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs sind weiterführende Erkenntnisse über die europäischen Dimensionen des Faschismus zu erwarten.

Die angloamerikanische Faschismusforschung hat im letzten Jahrzehnt interessante Studien einer komparativen Analyse faschistischer Bewegungen und Regime vorgelegt, die es erlauben, den Nationalsozialismus unter einer dezidiert sozial- und kulturgeschichtlichen Perspektive vergleichend in den Blick zu nehmen. Sie hat sich dabei weit von einer monokausalen Erklärung des Faschismus als Ausdrucksform des krisengeschüttelten Kapitalismus oder der bürgerlichen Gesellschaft entfernt. Anstatt den Faschismus als Epiphänomen, also als sekundär gegenüber seinen "eigentlichen" Ursachen, einzuschätzen, werden faschistische Bewegungen und Regime in dieser jüngeren Forschung als eigenständige politische Kräfte ernst genommen.

Die entwicklungsgeschichtliche Untersuchung des Faschismus stellt Handlungen und soziale Praktiken der Faschisten in das Zentrum. Hierbei werden sowohl strukturelle Kontexte als auch ideologische Elemente des Faschismus thematisiert und miteinander verknüpft. Verhalten und Selbstwahrnehmung der Akteure erweisen sich als zwei ineinander verwobene Elemente eines genuin faschistischen Lebensstils. Dieser Fokus bietet die Chance, zwei meist getrennte Richtungen der Faschismusforschung miteinander zu vereinen: Die sozialgeschichtlichen Studien zum Mitgliederprofil und zu institutionellen Kontexten des Faschismus einerseits und eine kulturgeschichtlich orientierte Politikgeschichte über faschistische Verhaltensweisen und Wertmuster andererseits[1].

Vor dem Hintergrund der weiten perspektivischen Ausrichtung fokussiert der geplante Sammelband spezifische Problemfelder, um zu aussagekräftigen Ergebnissen zu gelangen. Im Vordergrund steht nicht primär die Weiterentwicklung des theoretisch-methodischen Ansatzes, sondern dessen Überprüfung an konkreten Fällen. Sinnvollerweise setzt man für diesen europäischen Vergleich bei Fragestellungen und Problemen an, die aus der jüngeren und innovativen empirischen Forschung zum Nationalsozialismus gewonnen werden können. Vier Themenkomplexe erscheinen uns besonders weiterführend:

1) In der letzten Zeit wurde die Frage nach der Bedeutung von Gewalt für Zusammenhalt und Identität der NS-Bewegung und des NS-Regimes neu gestellt. Gewalt wird in ihrer Doppelgestalt als soziale Praxis und diskursive Konstruktion untersucht. Der zerstörerische Vitalismus und die Dynamik des Faschismus drückten sich sowohl in der positiven Bewertung der Gewalt als auch in der politischen Praxis aus. Die Verklammerung beider Ebenen – zu der Symbolik, Ästhetik, Militarismus, Männlichkeit und nicht zuletzt die Maxime des "Unbedingten" (Michael Wildt) gehören – steht im Mittelpunkt dieser Perspektive.

2) Detlev Peukerts nach wie vor faszinierende Forschungen zur Verbindung von Arbeits- und Sozialpolitik auf der einen und rassistischen Vorstellungen von "Gemeinschaftsfremden" auf der anderen Seite sind bislang noch nicht auf international vergleichender Ebene überprüft worden[2]. War der Mechanismus der Privilegierung der "Volksgenossen" und der Ausplünderung, Aushungerung und Ausmerze der Ausgeschlossenen ein allgemeines Kennzeichen faschistischer Regime? Transfergeschichtlich ist zu fragen, inwiefern entsprechende Konzeptionen der Sozial- und Wirtschaftspolitik zirkulierten und welche Austauschprozesse zwischen den einzelnen Regierungen oder Einheitsparteien bestanden.

3) Die von Robert Gellately, Klaus Michael Mallmann, Gerhard Paul und anderen vorangetriebenen Forschungen zur Popularität des NS-Regimes können ebenfalls in die vergleichende Regimeforschung eingebunden werden. Der Blick richtet sich hierbei von unten nach oben, um nach Ausmaß und Zielrichtung der Zustimmung in einer sich gewissermaßen selbst regierenden "Volksgemeinschaft" zu fragen. Erste (der NS-Forschung vergleichbare) Arbeiten, wie etwa Mimmo Franzinellis Untersuchung über die „Delatori“ im italienischen Faschismus, liegen mittlerweile vor[3].

4) Auch die neueren Forschungen zur Generationenthematik von Ulrich Herbert und Michael Wildt stehen noch in einem nationalhistorischen Rahmen – ohne dass die europäischen Dimensionen dieser Perspektive diskutiert worden wären. Es kommt auch hier auf die oben angesprochene Verklammerung von sozial- und kulturhistorischen Zugriffen an, die sowohl die sozialen Generationserfahrungen und –konflikte wie auch die Elemente der Selbsterfindung einer Generation im Faschismus thematisiert[4].

Deutschland, Italien, Rumänien, Ungarn und Österreich gehören zwar zu den klassischen Ländern der Faschismusforschung, aber Länderstudien aus anderen Teilen Europas sind ebenso denkbar wie erwünscht. Der Band ist auf die als "Zweiter Dreißigjähriger Krieg" (Raymond Aron) bezeichnete Periode von 1914 bis 1945 begrenzt – ein zeitlicher Rahmen, der den durch den Ersten Weltkrieg geschaffenen Kontext des historischen Faschismus ins Zentrum rückt.

Die Beiträge können einzelne Länderstudien umfassen, die sich mit der sozialen Praxis des Faschismus auseinandersetzen. Die Beiträge können aber auch – und das wäre wünschenswert – vergleichend vorgehen und zwei (oder mehrere) faschistische Bewegungen oder Regime behandeln. Nach Möglichkeit sollten wechselseitige Wahrnehmungen und Beeinflussungen der faschistischen Bewegungen und Regime einbezogen werden. Die Beiträge sollten sich auf einen der vier angegeben Themenkomplexe beschränken, ohne jedoch notwendigerweise alle Fragen des gewählten Bereichs aufzugreifen.

Wir bitten darum, die Vorschläge für einen Beitrag bis zum 1. Juli 2004 auf maximal 1-2 Seiten zu skizzieren und zusammen mit einer kurzen biographischen Notiz von 4-5 Zeilen an folgende Adressen per E-mail einzureichen: sven.reichardt@uni-konstanz.de oder armin.nolzen@uni-bochum.de

Anmerkungen:
[1] Aus der Flut der primär englischsprachigen Faschismusforschung siehe nur: Griffin, Roger: The Nature of Fascism. London/New York 1991; Eatwell, Roger: Towards a New Model of Generic Fascism, in: Journal of Theoretical Politics 4, 1992, S.161-194; Payne, Stanley: Geschichte des Faschismus. Aufstieg und Fall einer europäischen Bewegung. Berlin 2001 (englisches Original von 1995); De Grand, Alexander: Fascist Italy and Nazi Germany. The ‘fascist’ style of rule. London/New York 1995; Paxton, Roger O.: The Five Stages of Fascism, in: Journal of Modern History 70, 1998, S.1-23; Morgan, Philip: Fascism in Europe 1919-1945. London 2002; Passmore, Kevin: Fascism. Oxford 2003; Robert O. Paxton: The Anatomy of Fascism. New York 2004. Aus der deutschen Literatur, hieran anschließend: Schieder, Wolfgang: Faschismus, in: Dülmen, Richard von (Hrsg.): Fischer-Lexikon Geschichte. Aktualisierte, vollständig überarbeitete und ergänzte Neuaufl. Frankfurt am Main 2003, S. 199-221, sowie Breuer, Stefan: Max Webers Parteisoziologie und das Problem des Faschismus, in: Bienfait, Agathe u.a. (Hrsg.): Das Weber-Paradigma. Tübingen 2003, S. 352-370.

[2] Peukert, Detlev J.K.: Volksgenossen und Gemeinschaftsfremde. Anpassung, Ausmerze und Aufbegehren unter dem Nationalsozialismus. Köln 1982.

[3] Gellately, Robert: Gestapo und die deutsche Gesellschaft. Paderborn 1993; Mallmann, Klaus-Michael/Paul, Gerhard (Hrsg.): Gestapo - Mythos und Realität. Darmstadt 1995; Paul, Gerhard/Mallmann, Klaus-Michael (Hrsg.): Die Gestapo im Zweiten Weltkrieg. "Heimatfront" und besetztes Europa, Darmstadt 2000; Gellately, Robert: Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany. Oxford 2001 (auf deutsch: Hingeschaut und Weggesehen. Hitler und sein Volk, Stuttgart 2002); Franzinelli, Mimmo: Delatori. Spie e confidenti anonimi. L'arma segreta del regime fascista. Mailand 2002. Vgl. daneben auch Bernd Stöver, Volksgemeinschaft im Dritten Reich. Die Konsensbereitschaft der Deutschen aus der Sicht sozialistischer Exilberichte, Düsseldorf 1993; Gisela Diewald-Kerkmann: Politische Denunziationen im NS-Regime oder Die kleine Macht des "Volksgenossen", Bonn 1995; Inge Marßolek / Olaf Stieglitz (Hg.): Denunziation im 20. Jahrhundert. Zwischen Komparatistik und Interdisziplinarität, Köln 2001.

[4] Herbert, Ulrich: Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903-1989. 3. Aufl. Bonn 1996; Wildt, Michael: Generation des Unbedingten. Das Führungskorps des Reichssicherheitshauptamtes, Hamburg 2002.

Kontakt

Sven Reichardt, Universität Konstanz
sven.reichardt@uni-konstanz.de

Armin Nolzen, Warburg
armin.nolzen@uni-bochum.de

Zitation
Vergleichende Faschismusforschung, 01.07.2004 -, in: H-Soz-Kult, 23.02.2004, <www.hsozkult.de/event/id/termine-2490>.