Wie konstruiert die Wissenschaftsgeschichte ihre Objekte? Verräumlichung – Vergleich - Generationalität

Ort
Leipzig
Veranstaltungsort
Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig
Veranstalter
Der Workshop wird im Rahmen des DFG-Schwerpunktprogramms „Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Deutschland im internationalen Zusammenhang im späten 19. und 20. Jahrhundert“ von Andreas Eckert (Universität Hamburg), Frank Hadler (GWZO Leipzig), Matthias Middell (Universität Leipzig), Ulrike Thoms (FU Berlin), Frank Uekötter (Universität Bielefeld) am Zentrum für Höhere Studien der Universität Leipzig organisiert und veranstaltet.
Datum
02.07.2004 - 04.07.2004
Bewerbungsschluss
31.03.2004
Von
Matthias Middell

Es gehört inzwischen zu den weithin akzeptierten Einsichten, dass Wissenschaften, und die Humanwissenschaften zumal, ihre Objekte nicht beobachten und analysieren können ohne sie zuvor zu konstruieren und damit auch selbst zu beeinflussen. Diese Konstruktionsprozesse finden unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen und gleichzeitig konditioniert durch innerfachliche Entwicklungen wie Professionalisierung, Paradigmatisierung, Institutionalisierung statt.
Wissenschaftsgeschichte steht mithin vor der Aufgabe, die genauen Umstände der Konstruktion von Objekten wissenschaftlicher Beobachtung und Interpretation zu beschreiben und zu deuten. Das 2003 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft eingerichtete Schwerpunktprogramm bietet dafür insofern günstige Voraussetzungen, als einerseits Entwicklungen in sehr unterschiedlichen Disziplinen miteinander verglichen werden sollen und andererseits die deutsche Wissenschaftsgeschichte des 20. Jahrhunderts in den komparatistischen Kontext mindestens europäischer Parallelentwicklungen eingeordnet werden soll.
Der Workshop dient vor diesem Hintergrund erstens einer theoretischen Debatte des Diskussionsstandes zu ausgewählten Dimensionen der Konstruktion wissenschaftlicher Gegenstände und zweitens der Präsentation von empirischen Ergebnissen aus den Teilprojekten des Schwerpunktprogramms zu eben diesen Dimensionen.

Die Organisatoren halten die Dimensionen der Verräumlichung, des Vergleiches und der Generationalität für derzeit besonders fruchtbar, um die Konstruktion wissenschaftlicher Objekte bzw. Objektbereiche zu erfassen. Damit soll die Diskussion auf dem Workshop fokussiert und abgegrenzt werden gegen eine allgemeinere wissenschaftstheoretische Debatte um den Konstruktionscharakter von Wissensproduktion und gegen die zweifellos ebenfalls gut begründbare Erörterung anderer Dimensionen dieser Konstruiertheit von wissenschaftlichen Objekten.

1. Mit dem in den letzten Jahren auch in den historischen Wissenschaften gewachsenen Bewusstsein für die soziale und symbolische Konstruiertheit jener Räume, auf die sich gesellschaftliches Handeln bezieht, ist die Selbstverständlichkeit verblasst, mit der in der Vergangenheit zuweilen davon ausgegangen wurde, dass soziales Handeln sich in containerartig gedachten Räumen vollziehe, weshalb diese „räumliche Hülle“ keiner näheren Betrachtung bedürfe. Mit dieser paradigmatischen Veränderung in den Deutungsmustern verbindet sich aber ein bislang noch keineswegs in seiner Grundsätzlichkeit angenommener geschweige denn abgeschlossener Überprüfungsprozess, inwieweit Annahmen über nationale Forschungs- und Institutionenlandschaften, über regionale Kontexte von Wissensproduktion und –verbreitung oder über „Standorte“ tatsächlich mit den jeweils benannten Verräumlichungsannahmen richtig erfasst sind. In vielen Fällen verbindet sich die analytische Gründlichkeit, mit der Chronologien oder inhaltliche Problematisierungen in der Wissenschaftsgeschichte entworfen oder verworfen werden, kaum mit einer vergleichbaren Sensibilität bei der Festlegung des räumlichen Horizonts, auf den die einzelnen Studien bezogen werden. Vielmehr sind nicht selten pragmatische Gründe oder ungeprüfte Vorannahmen zu finden, wenn die Nationalisierung oder Regionalisierung eines wissenschaftsgeschichtlichen Objektes unterstellt wird.

2. Damit im Zusammenhang steht die in den 1990er Jahren intensiver diskutierte Frage, inwieweit der Vergleich nicht nur zur Objektivierung von Einzelerkenntnissen durch ihre komparatistische Überprüfung führt, sondern durch den Zwang zur Komplexitätsreduktion gerade separate Vergleichseinheiten produziert, deren Verflochtenheit im Zuge von Transferprozessen ausgeblendet wird. Der analytische „Königsweg“ bedarf also seinerseits einer Problematisierung anstelle einer allzu naiven Wertschätzung als Werkzeug besonderer Dignität. Für wissenschaftsgeschichtliche Untersuchungen, die bereits mit der Verbindung von sozialen und kognitiven Seiten von Wissenschaft eine hohe Komplexität zu bewältigen haben, liegt die Gefahr vielleicht besonders nahe, in komparatistischen Unternehmungen die Konstruiertheit ihrer Vergleichseinheiten zu übersehen.

3. Der Begriff der Generationalität ist schließlich dort von Interesse, wo sich eine bestimmte Kohorte (zumeist, aber nicht zwangsläufig Alterskohorte) von Wissenschaftlern identifizieren läßt, die sich von anderen Gruppen deutlich unterscheidet. Gefragt wird hier nach den grundsätzlichen Parametern für die Bestimmung einer Kohorte, aber zugleich nach generationsspezifischen Erfahrungen: Welche Strukturen und/oder Ereignisse prägten die jeweilige Generation? Ebenfalls zu thematisieren sind Art und Formen des Zusammenhalts innerhalb einer Generation sowie die langfristigen Konsequenzen für die Entwicklung der jeweiligen Disziplin(en). Die Aussagekraft von Untersuchungen zur Generationsbedingtheit bestimmter Phänomene in den Wissenschaften wird weithin anerkannt. Aus diesem Grund lässt sich häufig beobachten, dass dann, wenn durch biographische Untersuchungen ein bestimmter Kenntnisstand erreicht scheint, ein nahe liegender nächster Schritt die Verallgemeinerung dieser Erkenntnisse in Generations- oder Kohortenstudien gesehen wird. Mit mindestens gleicher Häufigkeit sind jedoch Warnungen vor Missverständnissen um den Generationsbegriff bzw. sogar Plädoyers für dessen Nicht-Anwendbarkeit zu hören, so dass sich der Eindruck aufdrängt, dass es sich auch hier um eine Dimension der Konstruktion von wissenschaftsgeschichtlichen Objekten handelt, die besonderer Sensibilität und Explizitheit in der Begründung bedarf.

Die Organisatoren bitten um Vorschläge für den Workshop bis zum 31.3.2004 an folgende Adresse
PD Dr. Matthias Middell
Universität Leipzig
Zentrum für Höhere Studien
Emil-Fuchs-Str. 1
04105 Leipzig
Fax: 0341-9605261
middell@uni-leipzig.de

Eine Auswahl der angenommenen Beiträge erfolgt bis zum 19.4.2004, die Einsender von Vorschlägen werden dann unmittelbar informiert.

Kontakt

PD Dr. Matthias Middell
Universität Leipzig
Zentrum für Höhere Studien
Emil-Fuchs-Str. 1
04105 Leipzig
Fax: 0341-9605261
middell@uni-leipzig.de

Zitation
Wie konstruiert die Wissenschaftsgeschichte ihre Objekte? Verräumlichung – Vergleich - Generationalität, 02.07.2004 – 04.07.2004 Leipzig, in: H-Soz-Kult, 04.03.2004, <www.hsozkult.de/event/id/termine-2527>.
Redaktion
Veröffentlicht am
04.03.2004
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Land Veranstaltung