Die Unsichtbaren: Hilfsberufe in der Medizin und den Naturwissenschaften

Ort
Hamburg
Veranstaltungsort
Medizinhistorisches Museum Hamburg, Fritz Schumacher-Haus (Gebäude N30), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Martinistraße 52, 20246 Hamburg
Veranstalter
Henrik Eßler M.A. und Dr. Victoria Asschenfeldt, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Datum
17.01.2015
Bewerbungsschluss
31.10.2014
Von
Henrik Eßler

Ob Ärzt/innen, Physiker/innen oder Chemiker/innen – ihre Berufe sind in der Geschichte der Naturwissenschaften allgegenwärtig. Jahrzehntelang bestimmte die Darstellung der Lebenswege herausragender Fachvertreter die Historiographie. Inzwischen ist diese Form der Hagiographie zugunsten einer methodischen Öffnung der Wissenschaftsgeschichte weitgehend überwunden. Mit dem Einzug sozialhistorischer und kulturwissenschaftlicher Perspektiven rückten auch Akteure ins Blickfeld, die zunächst nur selten Gegenstand der Forschung waren. So erlebte etwa die Krankenpflege zuletzt einen bemerkenswerten Aufschwung in medizinhistorischen Publikationen und Forschungsprojekten. (1)

Kaum berücksichtigt blieben dagegen zahlreiche Tätigkeiten, die sich im Verlauf der Professionalisierung und Differenzierung der Medizin seit der Wende zum 20. Jahrhundert etablierten. Der Einzug naturwissenschaftlicher Herangehensweisen veränderte das Arbeitsumfeld in Krankenhäusern und Praxen. Neuartige Techniken erforderten zunehmend qualifiziertes Hilfspersonal: Bereits 1896 beendete die erste Röntgenschwester am Berliner Lette-Verein ihre Ausbildung. Aber auch die Forschung an Sektionstischen und in Laboren erforderte festgelegte Qualifizierungsprofile und Ausbildungsgänge. So folgte nur wenige Jahre später die Ausbildung zur Medizinisch-technischen Assistentin (MTA).

Dieser Prozess vollzog sich jedoch keineswegs gleichermaßen zielgerichtet. Während sich einige Berufsbilder überregional in den Fächerkanon der dualen Berufsausbildung etablierten, blieben andere an bestimmte lokale Institutionen gebunden oder völlig informell. So wurden etwa die Ausbildungswege für medizinische Präparator/innen in der Bundesrepublik niemals vereinheitlicht, während dies in der DDR weitgehend gelang. (2) Auch die medizinische Illustration und Modellierkunst konnte sich – anders als beispielsweise in den USA (3) – weder an Universitäten noch an den Krankenanstalten etablieren.

Die Darstellung dieser nichtakademischen Gesundheitsberufe stellt in den Geschichtswissenschaften ein Desiderat dar. Erst in Ansätzen widmeten sich Historikerinnen und Historiker in ihren Studien längerfristigen Entwicklungen einzelner Berufszweige. (4) Dabei bleiben insbesondere Fragen nach den spezifischen Traditionslinien, dem Wissenstransfer der jeweiligen Gewerke offen. Wie wurde handwerkliches oder medizinisch-technisches Know-how weitergegeben? Wo entstanden und etablierten sich neue Berufsbilder? Und welche institutionellen, wirtschaftlichen oder sozialen Voraussetzungen beeinflussten diese „Verberuflichung“? (5)

Der Workshop möchte einerseits (Nachwuchs-)Wissenschaftler/innen die Gelegenheit geben, diese Fragen gemeinsam zu erörtern. Zugleich soll das Forum den Austausch über unterschiedliche theoretische Ansätze und Methoden, aber auch zu konkreten Recherchemöglichkeiten fördern. Dabei stehen auch grundsätzliche Fragen zur Debatte: Was definiert eigentlich ein Berufsbild? Welche Kriterien lassen sich für eine Klassifizierung von Tätigkeiten heranziehen? Welche gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen „erzeugen“ einen Beruf?
Weitere thematische Ansatzpunkte können etwa geschlechtsspezifische Fragestellungen zu Berufszugang und -ausübung sein.

Die interdisziplinär ausgelegte Veranstaltung richtet sich sowohl an Historiker/innen, Medizinhistoriker/innen als auch Vertreter/innen weiterer Fachrichtungen (z.B. aus den Sozial- und Wirtschaftswissenschaften). Willkommen sind Beiträge zur allgemeinen Berufsforschung, ebenso zu bestimmten Berufszweigen: In Frage kämen bspw. Orthopädietechniker/innen, Physiotherapeut/innen, Fotograf/innen, wissenschaftliche Zeichner/innen, Laborassistent/innen usw.

Der Workshop findet im Rahmen des Kooperativen Forschungsprojektes „Naturgetreue Objekte“ im Spannungsfeld zeitgenössischer medizinischer Forschung und Repräsentationsformen statt, das von der VolkswagenStiftung gefördert wird.

Für Referent/innen ist eine Erstattung von Reise- und Übernachtungskosten möglich.

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(1) Vgl. etwa Annett Büttner: Die konfessionelle Kriegskrankenpflege im 19. Jahrhundert. Stuttgart 2013; Sylvelyn Hähner-Rombach (Hg.): Alltag in der Krankenpflege: Geschichte und Gegenwart/Everyday Nursing Life: Past and Present. Stuttgart 2009 sowie Christoph Schweikardt: Die Entwicklung der Krankenpflege zur staatlich anerkannten Tätigkeit im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Das Zusammenwirken von Modernisierungsbestrebungen, ärztlicher Dominanz, konfessioneller Selbstbehauptung und Vorgaben preußischer Regierungspolitik. München 2008.
(2) Hier liegt derzeit lediglich eine Studie zur lokalen Berufstradition in Berlin vor. Vgl. Winfried Witte: Vom Diener zum Meister. Zur Geschichte des Anatomischen Präparators in Berlin 1852-1959, in: Beate Kunst, Thomas Schnalke, Gottfried Bogusch (Hg.): Der zweite Blick: Besondere Objekte aus den historischen Sammlungen der Charité. Berlin 2010, S. 185-218.
(3) Basierend auf der Tätigkeit von Max Brödel (1870-1941) etablierte sich etwa an der Johns Hopkins University in Baltimore ab 1911 das ‚Department of Art as applied to Medicine’. Vgl. hierzu Dirk Schultheiss, Udo Jonas: Max Brödel (1870–1941) and Howard A. Kelly (1858–1943) –
Urogynecology and the birth of modern medical illustration, in: European Journal of Obstetrics & Gynecology and Reproductive Biology 86 (1999), S. 113-115, sowie speziell zur Entwicklung des Illustratorenberufes in Nordamerika vgl. Hildegard Gesina Radwan: Max Brödel (1870-1941): Sein Leben und sein Beitrag zur Entwicklung der modernen Chirurgie. Bonn 1997, s. 70-80.
(4) Eine dedizierte Beschäftigung mit den Hilfsberufen des Faches liefert lediglich Klaus Hentschels Sammelband für die Physik. Vgl. Klaus Hentschel (Hg.): Unsichtbare Hände. Zur Rolle von Laborassistenten, Mechanikern, Zeichnern u. a. Amanuenses in der physikalischen Forschungs- und Entwicklungsarbeit. Berlin 2008.
(5) Eine Ausnahme stellt das Themenheft der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaften (ÖZG) dar: Vgl. ÖZG 24 (2013), 1 - die erzeugung des berufs.

Kontakt

Ansprechpartner:
Henrik Eßler M.A. und Dr. Victoria Asschenfeldt
Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg

Tel. (0049)040/7410-57225/-52308
h.essler@uke.de/v.asschenfeldt@uke.de
http://www.uke.de

Zitation
Die Unsichtbaren: Hilfsberufe in der Medizin und den Naturwissenschaften, 17.01.2015 Hamburg, in: H-Soz-Kult, 08.10.2014, <www.hsozkult.de/event/id/termine-26033>.