"The Bonds That Unite?" Historical Perspectives on European Solidarity

Ort
Augsburg
Veranstalter
Research Network on the History of the Idea of Europe; Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte, Universität Augsburg
Datum
23.06.2016 - 25.06.2016
Bewerbungsschluss
31.05.2015
Von
Florian Greiner

--- English version below ---

Organisation:
Matthew D’Auria (University of East Anglia), Florian Greiner (University of Augsburg), Jan Vermeiren (University of East Anglia)

„Solidarität“ ist in vielerlei Hinsicht ein Grundbegriff der europäischen Idee. Diente der Begriff pro-europäischen Intellektuellen lange als eine eher abstrakte Referenz, so entwickelte er sich nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer konkreten Grundlage der europäischen Einheit. Die Vorstellung von einer europäischen Solidargemeinschaft gehörte zu den zentralen Legitimationsquellen des Integrationsprozesses und war immer Teil der Umverteilungspolitiken auf supranationaler Ebene. Solidarität war dabei jedoch stets deutungsoffen und kontextabhängig und insofern immer Ergebnis von komplexen Aushandlungsdebatten.

Die Konferenz fragt nach verschiedenen Ausprägungen und Ausdeutungsversuchen des Konzepts im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts. Damit nimmt sie Bezug auf ein hochaktuelles Problem: Wie viel Solidarität braucht das „Projekt Europa“ und was bedeutet „Solidarität“ in der Finanz- und Währungskrise der EU? Mögliche Themengebiete umfassen:

1.) Beiträge könnten erstens die Begriffs-, Diskurs- und Ideengeschichte fokussieren. Wie definierten und konzeptualisierten Vordenker der Einheit Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert „europäische Solidarität“? Inwiefern bedienten sich die supranationalen Institutionen der EWG/EG/EU nach 1945 „europäischer Solidarität“ als einer Legitimationsquelle des Integrationsprozesses? Welche Semantiken verbinden sich mit dem Begriff, wie wurde dieser instrumentalisiert und begründet? Zu denken wäre etwa an Verweise auf ein gemeinsames Normen- und Wertesystem, die christlichen Wurzeln des Kontinents, die europäische Friedensordnung, ein alltagskulturell gelebtes Europa oder aber ein gemeinsames Überlegenheitsgefühl gegenüber anderen Kontinenten, wie es jahrhundertelang etwa im Kolonialismus zum Vorschein kam.

2.) Zweitens soll ein Blick auf konkrete Praktiken der Solidarität in Europa geworfen werden. Wie wurde und wie wird seit dem 19. Jahrhundert europäische Solidarität hergestellt? Inwieweit erzeugte der europäische Integrationsprozess solidarische Praktiken? Welche Rolle haben hierbei zivilgeschichtliche und staatliche Akteure gespielt? Mögliche Beispiele sind etwa die europäische Friedensbewegung vor dem Ersten Weltkrieg, die Europabewegungen der Zwischenkriegszeit oder die Neuen Sozialen Bewegungen ab den 1960er Jahren.

3.) Schließlich könnten drittens die Grenzen der „europäischen Solidargemeinschaft“ ausgelotet werden. Diese manifestierten und manifestieren sich offenbar nicht nur im Verhältnis zu Außereuropa als dem externen Anderen, sondern in bestimmten Kontexten auch zu einem internen Anderen, wie die jüngsten Entwicklungen innerhalb der EU zeigen. Nicht nur in den Diskussionen um Finanzhilfen für in Not geratene EU-Mitgliedsstaaten, sondern auch bezüglich der Folgen des Schengen-Prozesses weichen Vorstellungen von europäischer Solidarität auf, wenn etwa gegen den Zuzug von billigen Arbeitskräften aus Osteuropa polemisiert wird. Zu berücksichtigen wäre hierbei unter anderem das Verhältnis von nationaler und europäischer Solidarität oder die mögliche globale Dimension von Semantiken und Praktiken der Solidarität.

Die Konferenz wird vom 23. bis zum 25. Juni 2016 an der Universität Augsburg stattfinden. Vorbehaltlich der Finanzierung werden die Reise- und Übernachtungskosten aller Vortragenden vom Veranstalter übernommen. Die Konferenzsprache ist Englisch. Ausgewählte Beiträge sollen Anfang 2017 in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden. Themenvorschläge (auf Deutsch oder Englisch) im Umfang von nicht mehr als 500 Wörtern können bis zum 31. Mai 2015 zusammen mit einem kurzen Lebenslauf an Florian Greiner (florian.greiner@phil.uni-augsburg.de) geschickt werden. Das Organisationskomitee trifft eine Entscheidung bis Ende Juli 2015.

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The concept of “solidarity” is in many respects fundamental to the European project. While pro-European intellectuals had long applied it as a more or less abstract reference, the concept evolved into a solid cornerstone of European unity after the Second World War. The notion of a European solidarity union was essential to validating the integration process and had always been a component of redistribution policies on the supra-national level. Nevertheless it remained context-sensitive and open to interpretation and consequently was always the outcome of complex negotiation processes.

Our conference will examine various manifestations and interpretations of the solidarity concept in the course of the 19th and 20th centuries. In so doing, it will address a highly topical problem: How much solidarity does the European enterprise need and what does the term signify in relation to the EU’s financial and debt crisis? Possible thematic contributions could:

1.) Firstly focus on the history of concepts, discourse and ideas. How did the pioneers of European unity define and conceptualize “European solidarity” during the 19th and early 20th centuries? To what extent did the supra-national institutions of the EEC/EC/EU avail themselves of “European solidarity” as a means of legitimizing the process of integration after 1945? Which semantic significance does the concept have and how was it exploited and justified? Points to be considered might be notions of Europe’s common norms and values, its Christian roots, its peace system, its mores as reflected in everyday culture, and its shared sense of superiority over other parts of the world as reflected in centuries of colonialism.

2.) Secondly examine how international solidarity is actually practiced in Europe. How has it been fostered since the 19th century? To what extent did the European integration process promote mutual support and cooperation? Which roles did civil and state actors play? Some possible examples are the European peace movement prior to World War I, the European movements of the interbellum period and the new social movements since the late 1960s.

3.) Thirdly probe the limits of the “European solidarity union”. These limits are still apparent not merely in attitudes towards non-European countries as external “others” but in certain contexts towards internal “others” as well, as recent developments within the EU have made plain. A watering-down of the solidarity principle reveals itself not only in debates about financial assistance for bankrupt EU member states, but also in regard to the ramifications of the Schengen process, as the polemics against the influx of low-wage workers from Eastern Europe make abundantly clear. Here it would be necessary to consider, among other things, the correlation between solidarity in both national and European contexts and the possible global significance of its semantics and practices.

The international conference will be held at the University of Augsburg on June 23-25, 2016. Depending on conference funding, we aim to cover costs for accommodation and reimburse invited speakers for their travel expenses. The conference language will be English. Selected articles will be published in a professional journal at the beginning of 2017. Please submit an abstract of no more than 500 words together with a short CV by 31 May 2015 to Florian Greiner (florian.greiner@phil.uni-augsburg.de). The organizers will make their decisions known by the end of July 2015.

Kontakt

Florian Greiner

Lehrstuhl für die Geschichte des europäisch-transatlantischen Kulturraumes
Universität Augsburg

florian.greiner@phil.uni-augsburg.de

Zitation
"The Bonds That Unite?" Historical Perspectives on European Solidarity, 23.06.2016 – 25.06.2016 Augsburg, in: H-Soz-Kult, 25.01.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-26907>.