Techniken der Prüfung? Verfahren des Wertens, Messens und Urteilens im „langen 19. Jahrhundert“

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung (BBF) des DIPF, Warschauer Straße 36, 1. OG, Raum 36, 10243 Berlin
Veranstalter
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF (Prof. Dr. Sabine Reh); Technische Universität Darmstadt (Dr. Andreas Gelhard und Dr. Andreas Kaminski)
Datum
27.02.2015
Von
Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Vor nicht allzu langer Zeit wurde noch regelmäßig die Technikblindheit der Geistes- und Gesellschaftswissenschaften konstatiert. Inzwischen ist die Rede von „Techniken“ aber auch in der Philosophie und Soziologie, in den Geschichts- und Bildungswissenschaften sehr verbreitet. Wichtige Impulse gingen dabei insbesondere von Michel Foucaults Schriften aus, die Dynamiken der Macht, Prozesse der Disziplinierung und Formen der Subjektivierung als „Techniken“ oder „Technologien“ begreifen. Das Feld der so genannten Techniken reicht dabei von den antiken Ethiken über die Regierungsformen der frühen Neuzeit bis zur Strafjustiz des 19. Jahrhunderts. In der Folge wird nun häufig mit großer Selbstverständlichkeit von Psychotechniken, Lehr- und Lerntechniken oder Techniken der Subjektivierung gesprochen, bei denen es sich teilweise um Prüfungsverfahren bzw. -praktiken handelt. Dabei fällt auf, dass trotz – oder gerade wegen – der ubiquitären Verwendung des Ausdrucks kaum je geklärt wird, inwiefern es sich hierbei eigentlich um Technisches handelt.

Ziel des Workshops ist es, zu klären, wie tragfähig die Rede von Techniken auf dem Gebiet theologischer, pädagogischer und psychologischer Prüfungsverfahren bzw. -praktiken ist. Es geht darum, der Rede von „Prüfungstechniken“ ihre Selbstverständlichkeit zu entziehen und stattdessen ihre mögliche Bedeutung, Funktion und Grenzen zu klären. Prüfungen markieren – und deshalb bieten sie sich in besonderer Weise an – dabei einerseits einen Kreuzungspunkt zwischen Theologie, Pädagogik und Psychologie. Andererseits ist das im 20. Jahrhundert sich rasch ausbreitende Prüfungswesen heute noch von ungebrochener Relevanz. Nach 1900 haben nicht nur schulische Prüfungen weiter zugenommen und sind gleichzeitig immer stärker durch Justitiabilität und damit Standardisierung geprägt worden. Verschiedene Formen der Prüfung, des Tests, der Evaluation wurden vor allem in der Psychologie entwickelt, dann aber rasch und weit ausgreifend in verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen aufgegriffen. Intelligenz- und Kompetenzprüfungen, Persönlichkeits- und Eignungstests stellen die weithin sichtbaren Produkte dieser Geschichte dar, die aber in informeller Weise (berufliche Bewährungsproben) deutlich weiter reicht.

Der Gebrauch des Ausdrucks „Prüfungstechnik“ ist in diesem Zusammenhang alles andere als eindeutig. Einerseits legt er die objektive Erfassung von Leistungen nahe. In dieser Bedeutung gelten psychometrische Prüfungsformen vor allem als Messtechniken, die Vorurteile ausschalten und so Gerechtigkeit ermöglichen. Andererseits stehen sie im Verdacht, dass Normen lediglich auf verdeckte Weise in die Techniken „eingebaut“ werden und es sich um Machttechniken handelt, die soziale Ungleichheit reproduzieren. Es ist offensichtlich, dass sich diese beiden Perspektiven nicht nach Art einer einfachen Alternative auflösen lassen. Beide sind Ausdruck der Möglichkeit, dass sich Menschen nach den Maßstäben richten, die an sie angelegt werden, so dass Verfahren des Wertens, Messens und Urteilens immer auch die Selbst- und Weltverhältnisse derer ändern, die eine Prüfung durchlaufen.

Als Untersuchungszeitraum setzt der Workshop ein langes neunzehntes Jahrhundert von 1780 bis 1920 an, um die wichtigsten Umbrüche einfangen zu können, die von pietistischen Praktiken der Selbstprüfung zur Entwicklung schulischer Prüfungen und zur Etablierung psychometrischer Testverfahren führen. In welchem Verhältnis der pädagogische Diskurs und schulische Prüfungsverfahren zu den Entwicklungen auf dem Gebiet der theologischen und psychologischen Prüfungsverfahren steht, ist eine offene Frage, deren Beantwortung wir durch die gemeinsame Arbeit hoffentlich einen Schritt näher kommen.

Anmerkungen zum Vor- und Ablauf:
Die bis zum 15.02.2015 einzusendenden Thesenpapiere haben einen Umfang von 3 bis 5 Seiten.
Im Workshop sind 10 Minuten Darstellung des jeweiligen Thesenpapiers vorgesehen. Der Schwerpunkt liegt auf der Diskussion.

Programm

Freitag, 27. Februar 2015

8.30 Uhr Begrüßung & Beginn

Systematische Fragen

Techniken der Prüfung – eine systematische Perspektive Christoph Hubig: Techniken der Subjektivierung?
Norbert Ricken

Psychometrische Prüfungstechniken – des Alltagslebens.
Andreas Kaminski

10.15 – 10.45 Uhr: Pause

Schule

Wie kommt Wissen in die Prüfung? Zum Unterschied zwischen Latein-­‐ und Mathematikprüfungen im frühen 19. Jahrhundert.
Kerrin Klinger

Definition und Praktiken der Abiturprüfung im gesellschaftlichen Wandel: 1788 – 1812 – 1834 – 1926.
Frank Tosch/Joachim Scholz

Der deutsche Abituraufsatz: „Gesammtbildung der Examinanden“ und Repräsentationen schulischen Wissens zwi-schen 1834 und 1926. Schülertexte, Lehrerkommentare und Prüfungspraktiken.
Michael Kämper-van den Boogaart/Sabine Reh

12.30 – 13.30 Uhr: Mittagspause

Persönlichkeit oder Wissenschaftsbasierung? Einfluss, Übernahme und Subversion von Ausbildungspraktiken in (Wahl-)Fähigkeitsprüfungen der zürcherischen Lehrpersonen für die Volksschule am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert.
Andreas Hoffmann-Ocon

Pietistische Prüfungstechniken? Einige Überlegungen mit Max Weber und Michel Foucault.
Andreas Gelhard

Kranke Körper, kranke Seelen in der Schule. Pädagogik, Medizin und Psychiatrie um 1900.
Patrick Bühler

15.00 – 15.15 Uhr: Pause

Psychologie / Medizin

Der Streber. Das moderne Prüfwesen und die Genese einer devianten Sozialfigur im 19. Jahrhundert.
Nina Verheyen

Von der Arztethik zur Bioethik.
Petra Gehring

Maßloses Trinken. Messungen und Wertungen von Trinkgewohnheiten durch die Abstinenzbewegungen um 1900.
Andrea De Vincenti/Norbert Grube

16.45 – 17.00 Uhr: Pause

Von Zeitspannen und affektiven Reaktionen. Mechanische und vitalistische Zeitkonzeptionen in Wissenschaft und Kunst am Ende des 19. Jahrhunderts.
Marie-Luise Angerer

Ist die Umwertung der Affekte institutionalisierbar? Ansprüche und Grenzen lebensphilosophischer Prüfkriterien.
Bernd Bösel

18.00 Uhr: Tagungsende

Kontakt

Dr. Kathrin Berdelmann

Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des DIPF, Warschauer Str. 34-36, 10243 Berlin

+49 (0)30 293360-662

berdelmann@dipf.de

Zitation
Techniken der Prüfung? Verfahren des Wertens, Messens und Urteilens im „langen 19. Jahrhundert“, 27.02.2015 Berlin, in: H-Soz-Kult, 10.02.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-27081>.