Ein ungleiches Paar – Arbeit und Freizeit in Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts / The Odd Couple. Work and Leisure in Industrialized Societies of the 19th and 20th Centuries

Ort
Wien
Veranstalter
Reinhild Kreis / Josef Ehmer, Universität Wien
Datum
21.01.2016 - 23.01.2016
Bewerbungsschluss
15.07.2015
Von
Reinhild Kreis, Universität Wien

English version below

Krise der Arbeitsgesellschaft, Work-Life-Balance, Gefahren unkontrollierter Freizeit und Überarbeitung: Diese wenigen Schlagworte aus dem späten 19. und 20. Jahrhundert verweisen darauf, wie Gesellschaften seit dem Zeitalter der Industrialisierung danach strebten, zwei als zentral empfundene Lebensbereiche sowohl voneinander abzugrenzen als auch miteinander in Beziehung zu setzen. Damit verknüpft waren weitreichende Ängste, Hoffnungen und Erwartungen, die je nach Zeitpunkt und Perspektive höchst unterschiedlich ausfallen konnten. Die Unterscheidung von Arbeit und Freizeit lieferte einerseits wichtige Schlagworte zur Diskussion zentraler Phänomene und Problemlagen von Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts, erwies sich aber andererseits schnell als problematisch und nur bedingt trennscharf. Denn was genau war unter Arbeit und Freizeit zu verstehen? In welchem Verhältnis standen sie zueinander?

Arbeit und Freizeit sind zwei zentrale Kategorien, die verwendet werden, um industrielle Massengesellschaften zu beschreiben und als Arbeits-, Konsum-, Freizeit- oder postindustrielle Gesellschaften zu definieren. Die Tagung lenkt den Blick auf die Dichotomie von Arbeit und Freizeit als einem Ordnungsversuch, der aber nicht nur Ordnung, sondern gleichzeitig Grauzonen und Grenzbereiche schuf und damit neue Fragen und Unsicherheiten generierte. Im Mittelpunkt stehen die Schnittstelle von Arbeit und Freizeit in den verschiedenen Diskurs- und Praxiszusammenhängen von Gesellschaft, Wirtschaft, Politik, Medien und Wissenschaft (etwa Medizin, Rechtswissenschaften oder Psychologie). Welche Identitätsbilder, gesellschaftlichen Ordnungsvorstellungen, Geschlechter- und Körperbilder waren damit jeweils verbunden? Was galt als Arbeit, was als Freizeit? Und wie waren Tätigkeiten zu beurteilen, die je nach Kontext unter beide Rubriken fallen konnten, etwa Schneidern, die Buchung einer Reise oder der Bau einer Garage?

Vier Themenkomplexe stehen im Mittelpunkt der Tagung:
1. Diskurse: Hier soll es um die Definition, Abgrenzung, Unterteilung und Bewertungen menschlicher Tätigkeiten im Spannungsfeld von Arbeit und Freizeit gehen. Mögliche Themen sind mediale, politische, sozialwissenschaftliche und ökonomische Auseinandersetzungen um und mit Arbeit und Freizeit, die diskursive Verhandlung von Sozialfiguren, Auseinandersetzungen um Grenzbereiche wie Reproduktionsarbeit oder Schwarzarbeit sowie rechtliche Rahmensetzungen, die das Verhalten anderer Akteure (etwa von Arbeitgebern) strukturieren.
2. Praktiken: Wie ordneten Individuen und gesellschaftliche Gruppierungen ihr Tun ein? Was machte für sie Arbeit und Freizeit aus? Wie lebten und erlebten unterschiedliche Generationen, Schichten, Geschlechter Arbeit und Freizeit? Wo lagen ihre Präferenzen und wie veränderten sich diese? Dabei gilt es auch, die Beobachtungsinstanzen zu historisieren, die Daten über die Alltagspraktiken und gesellschaftliche Einstellungen erhoben.
3. Wechselwirkungen und Grenzbereiche: Die jüngere Forschung hat gezeigt, wie Werte, Kompetenzen, Praktiken und Strukturen als Kennzeichen von Arbeit bzw. Freizeit in den jeweils anderen Bereich diffundieren konnten. Wie änderten sich dadurch Bedeutungen und Praktiken von Arbeit und Freizeit, und was kennzeichnete bzw. unterschied Fachleute und Laien? Damit verbunden ist die Frage nach Theorien und Modellen, mit denen Arbeit und Freizeit miteinander in Bezug gesetzt wurden.
4. Arbeit und Freizeit als Markt: Die Dichotomie von Arbeit und Freizeit sowie die damit verbundenen Zuschreibungen eröffneten Markt- und Marketingchancen für Anbieter verschiedenster Erlebniszusammenhänge und Produktwelten von Hobby-Ausrüstungen bis zu Finanzprodukten. In welchem Verhältnis stehen Arbeit, Freizeit und Konsum? Hier geht es um Produktwelten und Marketing ebenso wie um gesellschaftliche Gruppierungen, die bewusst versuchten, die Trennung von Arbeit und Freizeit aufzulösen und/oder vom Konsum abzukoppeln.

Unser Ziel ist es, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen miteinander ins Gespräch zu bringen, um diese und verwandte Fragen zu diskutieren. Unser Fokus liegt auf dem Zeitraum vom letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis in die 1980er Jahre in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaften Wir bitten um Themenvorschläge von max. 500 Wörtern und einen kurzen CV bis zum 15.7.2015 an reinhild.kreis@univie.ac.at.

Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Die Kosten für Anreise (Zugfahrt 2. Klasse/Economy-Class) und Unterkunft können übernommen werden. Für Rückfragen wenden Sie sich bitte an reinhild.kreis@univie.ac.at.

English version:
The “crisis of labor”, “work-life-balance”, the dangers of too much leisure, and “overwork” are but a few catchphrases which hint at numerous attempts to define and interrelate work and leisure as two fundamental categories of industrialized societies since the late 19th century. The fears, hopes, and expectations that came with redefining the relationship between work and leisure differed widely depending on temporal, cultural, social, and political contexts. Distinguishing between work and leisure helped, on the one hand, to debate important phenomena and problems of industrialized societies but on the other hand the concepts soon turned out to be rather blurry and problematic themselves. For, what exactly was work or leisure? And how did they interrelate with one another?

Work and leisure are two important categories which aimed to describe industrialized mass societies and to label them as work societies, leisure societies, or post-industrial societies. The conference will consider the constructed dichotomy of work and leisure as an attempt to categorize human activities which created both order and “grey areas” where new questions and uncertainties arose. Our focus is on work and leisure in discourses and practices. What did the concepts signify in the contexts of society, the economy, of policy making, the media, or for professions such as medicine, law, and psychology? What notions of identity, social order, gender, or of the body did such discourses and practices convey? What was considered to be work, what was considered to be leisure for whom and by whom? And how did one account actions that defied this binary categorization as, for example, sewing, booking a holiday trip, or building a garage?

We invite abstracts of no more than 500 words for papers including but not limited to the following themes:
1. Discourses: The focus is on the definition, distinction, and evaluation of human activities as either work or leisure or somewhere in between. Possible topics are political, economic, and social discourses on work and leisure, the role of the media, and grey areas such as domestic reproductive work or “black labor” on the side.
2. Practices: How did individuals and social groups classify their actions? What marked work and leisure for them? What generational, gender, or class differences do we find with regard to the experience of work and leisure? How did preferences and priorities change over time and within life courses? Likewise, we aim at putting those institutions into historical perspective that gathered data on everyday-practices and attitudes.
3. Interdependencies: Recent scholarship has shown how the supposedly separate spheres work and leisure have “infiltrated” one another with regard to values, competences, practices, and structures. How did mutual influences change meanings and practices? What distinguished professionals from amateurs? These questions are closely related to theories and models in various academic fields that conceptionalize the relationship between work and leisure.
4. Work and leisure as markets: The dichotomy of work and labor opened markets and marketing chances for commercial providers of products (and experiences) ranging from power tools and hobby kits to financial products such as consumer credit. How did work, leisure, and consumption interrelate? Here, the focus is on products and marketing strategies as well as on social groups which sought to overcome the separation of work and labor and their interconnectedness in the sphere of consumption.

We invite scholars from different disciplines to discuss these and related questions. Our focus is on the time period starting from the last third of the 19th century to the 1980s in both capitalist and socialist societies. Please submit a proposal of no more than 500 words and a brief CV (1 page) via e-mail to Reinhild Kreis reinhild.kreis@univie.ac.at

The deadline for submission is July 15, 2015. Participants will be notified by the end of August. Conference languages are German and English. Expenses for travel (economy class) and accommodation will be covered. For more information please contact reinhild.kreis@univie.ac.at

Kontakt

Reinhild Kreis

Universität Wien, Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte
Universitätsring 1, 1010 Wien

reinhild.kreis@univie.ac.at

Zitation
Ein ungleiches Paar – Arbeit und Freizeit in Industriegesellschaften des 19. und 20. Jahrhunderts / The Odd Couple. Work and Leisure in Industrialized Societies of the 19th and 20th Centuries, 21.01.2016 – 23.01.2016 Wien, in: H-Soz-Kult, 01.06.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-28094>.