Normative Fragen von Geschichte - Dritter Workshop des Arbeitskreises „Geschichtsdidaktik theoretisch“

Ort
Berlin
Veranstaltungsort
Freie Universität Berlin
Veranstalter
Arbeitskreis "Geschichtsdidaktik theoretisch" der Konferenz für Geschichtsdidaktik e.V.
Datum
06.04.2016 - 08.04.2016
Bewerbungsschluss
30.11.2015
Von
Martin Lücke, Bärbel Völkel

Geschichte normativ aufzuladen und an gesinnungsbildenden Leitlinien entlang zu erzählen kann in einer pluralistischen und heterogenen Gesellschaft kein wünschenswertes Ziel mehr sein. Andererseits gilt innerhalb der Geschichtsdidaktik der Konsens, dass Geschichte der historischen Orientierung dient und historisches Denken auf kulturelle Kohärenz ausgerichtet ist. Sind das keine normativen Anliegen? Sodann scheint es eine ‚Pflicht zum Erinnern’ zu geben, damit uns die unselige Vergangenheit nicht wieder heimsucht. So kann ein ständiges "Erinnere dich!" als normativer Imperativ für den Umgang mit Geschichte verstanden werden, um einer "Identitätsbildung durch Geschichte" Rechnung tragen zu können. Auch scheint es bei Gedenkstättenbesuchen nach wie vor so etwas wie eine normative Erwartung an ein einwandfreies Verhalten am historischen Ort, an dem der Opfer des Nationalsozialismus gedacht wird, zu geben. Diese Beispiele ließen sich erweitern.

Wie verhält sich das Prinzip eines `reflektierten Geschichtsbewusstseins`, das zu schulen auch Sinn und Zweck des historischen Lernens sein soll, zu diesen normativen Anliegen? Im Rahmen des nächsten Workshops des Arbeitskreises `Geschichtsdidaktik theoretisch’ soll das Verhältnis von Geschichte und Normativität genauer in den Blick genommen und im Hinblick auf Chancen und Grenzen, aber auch blinde Flecken untersucht werden.

Auf dem Workshop soll im Detail gefragt werden:

- Was ist überhaupt systematisch-wissenschaftstheoretisch unter normativen Fragen im Rahmen von Geschichte, Geschichtswissenschaft und von historischem Lernen zu verstehen?
- Welche normativen Fragen wurden in der Vergangenheit an Geschichte, Geschichtswissenschaft und historisches Lernen gestellt und wie wurden diese Fragen beantwortet?
- Was bedeutet Normativität in Zeiten der empirischen Wende und einer Kompetenzorientierung von historischem Lernen? Welche normativen Ideen stecken hinter evidenzbasierter Forschung und wie kommen ökonomische Wertvorstellungen im Rahmen von Kompetenzorientierung zur Geltung?
- Welche normativen Fragen stellen wir heute an Geschichte, Geschichtswissenschaft und historisches Lernen und welche Einflussfaktoren lassen uns diese Fragen formulieren? Welche Rolle spielt dabei unsere Vorstellung von Gesellschaft?
- Welchen Einfluss haben normative Ansprüche auf Inklusion im Geschichtsunterricht?
- Welche Ansätze helfen uns, normative Fragen an die Geschichte zu stellen (Menschenrechtsbildung, Demokratiepädagogik, humanistische Lebenskunde)
- Welche normativen Fragen stellen wir in Zeiten ökonomischer Krisen an Geschichte? Gibt es etwa eine Renaissance materialistischer Geschichtskonzepte?
- Inwiefern hilft uns ein Bewusstsein für die Normativität von Geschichte beim Entwurf von empirischen Forschungsdesigns und bei der Auswahl von Themen historischen Ler-nens?
- Kann Geschichte überhaupt nicht-normativ sein? Haben wir es bei den Begriffen `Geschichte` und `Normativität` trotz allem Wissen um den Konstruktcharakter von Geschichte möglicherweise mit einer versteckten Tautologie zu tun? Müssen Geschichten nicht `wahr` sein, damit sie überhaupt ein Recht auf Erzählbarkeit haben und enthält dieser Wahrheitsanspruch, so vorläufig er auch sein mag, nicht einen normativen Kern?
- In welchem Verhältnis stehen Normativität und `reflektiertes Geschichtsbewusstsein` zueinander?
- Wie verhalten sich Geschichtsbewusstsein, Geschichtskultur und historische Identität normativ zueinander? Wie kann dieses Verhältnis mit Blick auf eine Einwanderungsgesellschaft geschichtstheoretisch gefasst werden?
- Wie kann das Verhältnis von Erinnerungskultur und Normativität systematisch und wissenschaftstheoretisch beschrieben werden? Welche normativen Effekte werden erzeugt, wenn es eine Pflicht zum Erinnern gibt?

Der Workshop findet auf der Basis von pre-circulated papers statt. In solchen Debattenbeiträgen wünschen wir uns kritische Stellungnahmen zu Aspekten der oben aufgeworfenen Fragen

Thematische Vorschläge für solche Paper richten Sie bitte bis zum 30.11.2015 per E-Mail an Bärbel Völkel und Martin Lücke. Sie erfahren bis zum 20.12.2015, ob Ihr Themenvorschlag auf der Tagung berücksichtigt werden kann. Die Paper (bei denen es sich nicht um ausformulierte Manuskripte, sondern um pointierte Debattenbeiträge handeln soll, ca. 5000 Zeichen), würden wir dann bis zum 15.03.2016 erbitten und an die Teilnehmenden verschicken. Auf der Tagung selbst sollen nicht die Paper selbst vorgestellt werden. Vielmehr erfolgen gebündelte Kommentare zu jedem Beitrag, die in die anschließende Diskussion einleiten.

Kontakt

Martin Lücke

Freie Universität Berlin, Didaktik der Geschichte, Koserstraße 20, 14195 Berlin

martin.luecke@fu-berlin.de

Zitation
Normative Fragen von Geschichte - Dritter Workshop des Arbeitskreises „Geschichtsdidaktik theoretisch“, 06.04.2016 – 08.04.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.10.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-29063>.
Redaktion
Veröffentlicht am
07.10.2015
Beiträger