1945-2015: 70 Jahre zwischen Aufklärung und Verklärung, erinnern und vergessen. Determinanten der historisch-politischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus im bildungspolitischen Diskurs

Ort
Kochel am See
Veranstaltungsort
Schloss Aspenstein, Am Aspensteinbichl 9-11, 82431 Kochel am See
Veranstalter
Lehrstuhl für Didaktik der Geschichte, LMU München
Datum
21.11.2015 - 22.11.2015
Bewerbungsschluss
16.11.2015
Von
Hannes Liebrandt

Die Bewahrung des Gedächtnisses an die Opfer des Nationalsozialismus gehört nicht nur zur Staatsräson der Bundesrepublik, sondern ist integrativer Bestandteil des geschichtsdidaktischen Diskurses und allgemein des deutschen Bildungssystems. Die Geschichte der lange umstrittenen und verzögerten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ist in kollektiver Erinnerung und bewirkte eine Neuausrichtung, bzw. Intensivierung bildungspolitischer Angebote, die sich bis heute fortsetzt. Dabei stellt sich die Frage, ob die Totalität der Kriegsniederlage im Frühsommer 1945 sowie die Bewusstmachung des nationalsozialistischen Unrechtsregimes nicht nur Katalysatoren, sondern auch Grundvoraussetzungen einer derart intensiven öffentlichen Aufarbeitung darstellten. Im Gegenzug wäre dann zu fragen, ob die spezifisch deutsche Aufarbeitung eigene Handlungsmuster entwickelte, die im europäischen Ausland und insbesondere in Österreich nicht übernommen wurden. Oder ist die Idee einer „Aufarbeitung“ gar ein dezidiert deutsches Konzept und somit Folge einer gesonderten Entwicklung, hier speziell in geschichtskultureller Hinsicht? Sollte dies der Fall sein, stellt sich unweigerlich die Frage, ob aktuelle rechtspopulistische Strömungen in Deutschland einen Sonderfall darstellen und inwiefern nationalsozialistische Kategorien und Narrative deren Diskurse noch heute prägen.

Die Tagung soll im Austausch zwischen Wissenschaft, geschichtskulturellen Trägern und Vertretern der Schulpraxis die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit analysieren, ihre inhärenten Aufarbeitungskonzepte reflektieren und schließlich im interdisziplinären Diskurs beurteilen. Die verschiedenen Zugänge und Ansätze in Theorie und Praxis und die etwaige Verknüpfung dieser bilden den Leitgedanken der in drei Sektionen stattfindenden Tagung. Jede Sektion wird durch einen geschichtsdidaktischen, kulturhistorischen oder rezeptionsgeschichtlichen Vortrag eingeführt, ehe die Reflexion aktueller Phänomene, empirische Analysen sowie spezifische Aufarbeitungskonzepte und Erfahrungen aus der Praxis den interdisziplinären Austausch initiieren. Auf dieser Grundlage vermag die Tagung Impulse hinsichtlich folgender Fragen anzustoßen: Wie ließe sich die Zusammenarbeit der unterschiedlichen Bildungsträger konkreter fassen und in welchen Bereichen sollte die Aufarbeitung zeitgenössischer und künftiger Krisenphänomene künftig intensiviert werden? Oder ist gar die Permanenz medialer und wissenschaftlicher Aufarbeitung des Nationalsozialismus grundsätzlich zu hinterfragen, da sich dadurch nicht nur die Erinnerung an die Opfer wahren lässt, sondern unbeabsichtigt auch Teile eben jenes abgelehnten nationalsozialistischen Gedankenguts tradieren?

Die Beiträge der Konferenzteilnehmer sollen die theoretischen Grundlagen und praktischen Erfahrungen vereinen, sodass die Podiumsdiskussion zum Thema „Der neue Rechtspopulismus in (West-)europa: Folgen einer defizitären Aufarbeitung?“ den unmittelbaren Diskurs zu vertiefen vermag.

Programm

Samstag, 21. November 2015

14.00 Uhr
Hannes Liebrandt, M.A. (LMU München), Niklas Fischer, M.A. (Georg-von-Vollmar Akademie):
Eröffnung und Tagungseinführung

SEKTION I: WISSENSCHAFT

14.15 Uhr
Prof. Dr. Michele Barricelli (Universität Hannover):
Erinnern und Vergessen 70 Jahre nach Kriegsende. Dynamische Aufarbeitungskulturen zu Nationalsozialismus und Holocaust im generationellen Wandel – die Perspektive der Geschichtsdidaktik

15.00 Uhr
PD. Dr. Stefan Benz (Universität Bayreuth):
Onno Klopp statt Heinrich von Treitschke? Überlegungen zur „Revision“ der deutschen Geschichtsschreibung unmittelbar nach 1945

15.45 Uhr
Hannes Liebrandt, M.A. (LMU München):
Personalisierte Verantwortung als Diktum der deutschen Aufarbeitung? Elitenspezifische Schuldzuschreibungen und personengeschichtliche Zugänge am Beispiel des Nationalsozialismus

16.30 Uhr
Pause

17.00 Uhr
Prof. em. Dr. Wolfgang Benz (ehem. Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung der TU Berlin):
Gedenkort Berlin: Die Erinnerung an den Nationalsozialismus im öffentlichen Raum

17.45 Uhr
Prof. Dr. Frank Decker (Universität Bonn):
Die neue „Rechte“ in (West-)europa nach 1990. Zur Bedeutung nationalsozialistischer Kategorien im rechtspopulistischen Diskurs – die Perspektive der Politikwissenschaft

18.30 Uhr
Abendessen

20.00 Uhr
Podiumsdiskussion zum Thema „Der neue Rechtspopulismus in (West-)europa: Folgen einer defizitären Aufarbeitung?“
mit Prof. em. Dr. Wolfgang Benz, Prof. Dr. Michele Barricelli, Prof. Dr. Frank Decker, Niklas Fischer, M.A.
Moderation: Hannes Liebrandt, M.A.

Sonntag, 22. November2015

SEKTION II: PUBLIC HISTORY

09.00 Uhr
Dr. Bernhard Schoßig (LMU München):
Von gewerkschaftlichen Gedenkveranstaltungen bis zur Gedenkstättenpädagogik: Der außerschulische und außeruniversitäre Beitrag zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus (1952 – 2015)

09.45 Uhr
PD. Dr. Felix Hinz (Universität Paderborn):
„Kreuzzug gegen den Kommunismus“ vs. „Großer vaterländischer Krieg“ – und heute? Deutsche und russische Erinnerungskulturen im Vergleich

10.30 Uhr
Pause

11.00 Uhr
Dr. Barbara Hanke (PH Freiburg):
Aufarbeitung des Nationalsozialismus als Filmsujet. Am Beispiel von „Im Labyrinth des Schweigens“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“

11.45 Uhr
Felizitas Raith, M.A. (NS-Dokumentationszentrum München):
Von der „Hauptstadt der Bewegung“ zum Gedenkort. Der kontroverse Umgang Münchens mit seinem nationalsozialistischen Erbe

12.30 Uhr
Mittagessen

SEKTION III: UNTERRICHT

14.00 Uhr
Prof. Dr. Ulrich Baumgärtner (LMU München; Seminarlehrer für Geschichte):
Nationalsozialismus und Schule – geschichtsdidaktische Perspektiven

14.45 Uhr
Mag. Philipp Mittnik, MSc. (PH Wien):
Kategoriale Schulbuchanalyse des Themenbereichs Nationalsozialismus in österreichischen und deutschen Lehrwerken der Sekundarstufe I im diachronen Vergleich

15.30 Uhr
StRin Josefine Peller (Städtische und Staatliche Wirtschaftsschule Nürnberg):
„Du Jude!“ Neoantisemitismus bei muslimischen Jugendlichen. Eine (geschichts-)didaktische Herausforderung

16.15 Uhr
Abschluss

Kontakt

Hannes Liebrandt, M.A.

Historisches Seminar LMU München
Didaktik der Geschichte
Geschwister-Scholl-Platz 1
80539 München

e-mail:Hannes.Liebrandt@lrz.uni-muenchen.de
Tel.: 089/2180 5507

Zitation
1945-2015: 70 Jahre zwischen Aufklärung und Verklärung, erinnern und vergessen. Determinanten der historisch-politischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus im bildungspolitischen Diskurs, 21.11.2015 – 22.11.2015 Kochel am See, in: H-Soz-Kult, 13.10.2015, <www.hsozkult.de/event/id/termine-29167>.
Redaktion
Veröffentlicht am
13.10.2015
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