Exit. Ausstieg und Verweigerung in „offenen Gesellschaften“ nach 1945

Ort
Göttingen
Veranstaltungsort
Alte SUB - Paulinerkirche, Papendiek 14, 37073 Göttingen
Veranstalter
Cornelia Rauh (Historisches Seminar, Leibniz-Universität Hannover); Dirk Schumann (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen); Petra Terhoeven (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Georg-August-Universität Göttingen)
Datum
17.06.2016 - 18.06.2016
Bewerbungsschluss
15.06.2016
Von
Zeitgeschichtlicher Arbeitskreis Niedersachen (ZAKN) - Hagen Stöckmann

„Niemand kann besser Auskunft geben über den Zustand einer Gesellschaft als der, der aus ihr aussteigt. In der Art des Ausstiegs und der Weise der Reaktion darauf lässt sich das Wertesystem eines Gemeinwesens lesen. Der Aussteiger ist die Rache der Gesellschaft an sich selbst.“

Diese provokante, entfernt an das Denken Carl Schmitts erinnernde These des Essayisten und politischen Philosophen Christian Schüle wird hier als produktive Anregung verstanden, die Figur des Aussteigers zur zeithistorischen Sonde für die Untersuchung von Norm- und Diskursverschiebungen in demokratisch verfassten Gesellschaften während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu machen.

Der Aussteiger – verstanden als Person, die vermeintlich oder tatsächlich von ihrem kulturell verbrieften Recht auf Selbstverwirklichung Gebrauch macht und mit traditionellen Lebenswelten, vertrauten Beziehungen und überkommenen Strukturen in einem als abrupt wahrgenommenen Akt bricht – erscheint aus vielen Gründen als besonders geeigneter Seismograph für die angedeuteten gesellschaftlichen Entwicklungen im Untersuchungszeitraum. Hat David Riesman in „The lonely crowd“ von 1956 den durch konformistische Außenlenkung bestimmten Menschentypus („other-directed“) als bestimmend für die post-industriellen Wohlstandsgesellschaften identifiziert, vermag der Aussteiger ganz offensichtlich die Angst vor dem Bruch der an ihn gerichteten Konformitätserwartungen seiner Umgebung zu überwinden.

Zweifellos hat sich die ursprünglich negative Konnotation des Ausstiegs im Laufe der letzten Jahrzehnte erheblich abgeschwächt. Statt als Verräter, Desperado oder Asozialer galt bzw. gilt der Aussteiger vermehrt als Projektionsfigur für Phantasien eines mutigeren, ‚authentischeren‘ und in jeder Hinsicht ‚besseren‘ Lebens. Im Fokus der Tagung steht dabei ausdrücklich nicht das neue ‚Innen‘, sprich die Anpassung des Aussteigers an ein neues Normen- und Koordinatensystem, sondern vielmehr der Abschied vom Alten – und die Reaktion der Zurückgebliebenen.

Generell geht es darum, aus einer historischen Perspektive den Blick für die Risiken und Ambivalenzen der ‚zweiten‘ bzw. reflexiven Moderne (Ulrich Beck) zu schärfen. Das subjektive Autonomieempfinden des einzelnen bzw. das Autonomieideal der Gruppe, das als historisches Produkt eines umfassenden Individualisierungsschubes der Moderne gelten kann, ist zwar zweifellos ein wichtiger Indikator für das Vorhandensein einer ‚offenen Gesellschaft‘ (Karl Popper). Allein jedoch vermag es wohl kaum erschöpfend über das tatsächlich vorhandene Maß an individueller Autonomie bzw. gesellschaftlicher Konformität Auskunft zu geben.

Programm

Freitag, 17. Juni 2016

11:00 Uhr
Begrüßung
Dirk Schumann/Cornelia Rauh

11.05 Uhr
Einführung
Petra Terhoeven

11:30 – 13:00 Uhr
Panel I: Mediale Rahmungen

Chair: Detlef Siegfried

Tobias Weidner
“The horror I found was too great to comprehend”.
George Rodger und der Ausstieg aus der Kriegsfotografie nach 1945

Yvonne Robel
Nichtstun als Haltung – Mediale Diskurse seit den 1950er Jahren

Kommentar: Jörg Requate

13:00 – 14:00 Uhr
Mittagsimbiss

14:00 – 15:30 Uhr
Panel II: Beziehungen

Chair: Cornelia Rauh

Monika Wienfort
Enttäuschung, Scheitern, Neuanfang.
Ehescheidung in der Bundesrepublik 1950-1980

Benno Gammerl
Raus aufs Land?
Homosexuelle und der Ausstieg aus dem urbanen Leben (1960-1990)

Kommentar: Kirsten Heinsohn

15:30 – 16:15 Uhr
Pause

16:15 – 17:45 Uhr
Panel III: Konsum

Chair: Bernd Weisbrod

Benjamin Möckel
Ausstieg in die Konsumgesellschaft?
Gesellschaftskritik als Konsumpraxis in den 1950er bis 1980er Jahren

Alexander Sedlmaier
Ausstieg aus der Konsumgesellschaft? Die bundesrepublikanische radikale Linke im Kalten Krieg

Kommentar: Jonathan Voges

19:00 Uhr
Gemeinsames Abendessen

Samstag 18. Juni 2016

08:30 – 09:00 Uhr
Kaffee

09:00 – 10:30 Uhr
Panel IV: Gewalt

Chair: Dirk Schumann

Tobias Wunschik
Extreme biografische Zäsuren durch extreme politische Entscheidungen. Die RAF-Aussteiger in der DDR (1980-1990)

Lena Freitag
Aussteigen – Staatlich legitimiert und doch unerwünscht. Zur Etablierung des Zivildienstes im Zeichen sich verändernder Geschlechtervorstellungen in der Bundesrepublik Deutschland und Österreich

Kommentar: Martin Geyer

10:30 – 11:00 Uhr
Pause

11:00 – 12:30 Uhr
Panel V: Subjektverhältnisse

Chair: Petra Terhoeven

Maik Tändler „Ganz entspannt im Hier und Jetzt“.
Bhagwan und der therapeutische Ausstieg aus der Gesellschaft.

Pascal Eitler Politische Transformation und religiöse Konversion. "Aussteigen" und "Aufsteigen" im "New Age" (1970-1990)

Kommentar: Annelie Ramsbrock

12:30 – 13:15 Uhr
Mittagsimbiss

13:15 – 14:45 Uhr
Panel VI: Arbeit

Chair: Martin Geyer

Philipp Milse:
Das emanzipatorische „Nein!“.
Do-It-Yourself und Punk zwischen Gegenkultur und Ausstieg

Daniel Schmidt
Aussteigen als (romantisches) Experiment:
Eine (Ideen)Geschichte der Occupy-Bewegung

Kommentar: Britta-Marie Schenk

15:00 – 16:00 Uhr
Schlusskommentar und Diskussion
Detlef Siegfried, Bernd Weisbrod

Kontakt

hstoeck@gwdg.de

Hagen Stöckmann, Zeitgeschichtlicher Arbeitskreis Niedersachsen (ZAKN) - Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte

Zitation
Exit. Ausstieg und Verweigerung in „offenen Gesellschaften“ nach 1945, 17.06.2016 – 18.06.2016 Göttingen, in: H-Soz-Kult, 27.05.2016, <www.hsozkult.de/event/id/termine-31191>.