Die "andere Reformation" im Nordwesten / The "other Reformation" in the North-West

Place
Bremen
Venue
Domkapitelhaus der St. Petri Domgemeinde Bremen, Domsheide 8 28195 Bremen
Host/Organizer
Universität Bremen (Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth, Dr. Jan van de Kamp), Bremische Evangelische Kirche (Hans-Gerhard Klatt)
Date
08.02.2017 - 10.02.2017
Deadline
01.09.2016
By
Dr. Jan van de Kamp

Während in den anderen Kernlanden der Reformation in Norddeutschland der Wittenberger Typ der Reformation vorherrschte, entwickelte sich in Bremen, wie auch in anderen Teilen von Nordwestdeutschland, eine „andere Reformation“. Auch im Bremen gab es in der ersten und zweiten Generation der Reformation enge Verbindungen zu Wittenberg. Daneben gab es aber Beziehungen zu Westeuropa. Die ersten reformatorischen Prediger in Bremen in den 1520er Jahren kamen aus dem Westen, nämlich aus den Niederlanden: Heinrich von Zütphen, Jacob Propst und Johann Timann. In der dritten Generation riskierte die Stadt, den reichsrechtlich gesicherten Raum der anderen lutherischen norddeutschen Territorien und Städte zu verlassen, und suchte politisch wie kirchlich die Koalition mit Westeuropa, mit Ländern wie den Niederlanden, England und Frankreich. Bremen schloss sich in den 1580er Jahren nicht dem Konkordien-Luthertum an, sondern nahm die reformierte Konfession an. Den Sonderweg Bremens mag man bis auf den heutigen Tag unter anderem in dem hohen Maß an bürgerschaftlicher Verantwortung in der Stadt verspüren.

Dieser Anschluss an Westeuropa wurde dadurch ermöglicht, dass Bremen schon im Spätmittelalter, schon wegen seiner geographischen Lage und der Gemeinsamkeiten in der Sprache (das Niederdeutsche), Verbindungen nach Westeuropa pflegte. Als wichtigen Motor des Übergangs zur reformierten Konfession hat die Forschung die intensiven Handelsverbindungen mit den Niederlanden gesehen. Doch kann man den einen Grund nicht gegen die anderen ausspielen. Genauso bedeutsam ist das Streben nach religiöser und politischer ‚Freiheit‘, politischer Druck der Bürger, der Kulturtransfer durch den Zuzug von reformierten Migranten seit Ende des 16. Jahrhunderts (Bremen wurde zum „Hospitium Ecclesiae“, wie es auf dem Brückentor hieß).

Der Übergang zur reformierten Konfession zeigte Folgewirkungen in der Lebenswelt und der Kultur. Dies kam unter anderem in der Orientierung der Eliten an der niederländischen „calvinistischen“ schwarzen Regententracht zum Ausdruck. Ein neues Selbstbewusstsein widerspiegelte sich auch in städtischen Bildprogrammen, zum Beispiel in der neuen Rathausfassade.

Ungeachtet dieses Selbstbewusstseins war die Lage Bremens sowohl im Hinblick auf die lutherischen als auch auf die reformierten Nachbarn prekär. Nach beiden Seiten sollte man auf Ausgleich bedacht sein. Dies galt erstens den lutherischen Nachbarn: Bremen bildete eine reformierte „Insel“ unter einem lutherischen Landesherrn, inmitten lutherischer Territorien und Städte und seit der Wiedereröffnung des Doms 1638 mit einer lutherischen „Insel“ im Zentrum der Stadt. Dem Ausgleichsmodus, die bei einigen Bremer Theologen in einer moderaten reformierten Theologie zum Ausdruck kam, misstrauten die reformierten Nachbarn in den Niederlanden als Abweichung von der reformierten Orthodoxie , wie sich während und nach der Dordrechter Synode (1618/19) zeigte.
Der eigene Weg Bremens im Anschluss an Westeuropa ist noch relativ wenig erforscht worden. Ziel der Tagung ist es, die Bedingungen, Strukturen und Auswirkung der (religiösen, politischen, wirtschaftlichen und persönlichen) Verbindungen zwischen Bremen und Westeuropa zu analysieren. Dabei soll Bremen als exemplarisch für ähnliche Sonderwege der Reformation in Norddeutschland und im Reich, wie Teilen von Ostfriesland sowie der Kurpfalz und Nassau-Dillenburg, analysiert werden. Es stellt sich die Frage, inwiefern in diesen Städten und Territorien im Vergleich mit den lutherischen Territorien von einer „anderen Reformation“ die Rede sein kann.

Im Einzelnen verdienen folgende Aspekte Beachtung:
1. Theologie: Die Auseinandersetzungen um und die auswärtige Wahrnehmung der reformierten theologischen Akzente in Bremen von unter anderen Albert Hardenberg und Christoph Pezel (Consensus Bremensis von 1595), vor allem in der Abendmahlslehre. Andererseits ist nachzugehen, inwiefern man von auswärts moderaten reformierten Positionen in Bremen misstraute.
2. Kultur und Lebenswelt: zu fragen ist, inwiefern der reformierte Sonderweg Bremens in der verschiedenen Bereichen der Kultur und der Lebenswelt sich auswirkte, nicht nur hinsichtlich Kleidung und Stadtbild, sondern auch im Blick auf die Stellung der Frauen, in der Rechtsdurchsetzung, in den Privathäusern sowie in der Selbst-Repräsentation reformierter Identität.
3. Migration: Wie wurden die ‚fremden‘ Prediger in Bremen von der einheimischen Bevölkerung wahrgenommen und mit welchem ‚Recht‘ predigten sie? Wie wurden Konfessionsmigranten wahrgenommen und welche Erinnerungskulturen entwickelte sich unter ihnen?
4. Politische Dimensionen: Wie hingen konfessionelle Brüche und Sonderwege mit politischen Emanzipationsbestrebungen zusammen, z.B. diejenigen der Stadt Bremens nach Unabhängigkeit von der erzbischöflichen Herrschaft und der Erlangung des Status einer freien Reichsstadt und diejenigen der Bürger nach Partizipation an der Stadtregierung (Aufstand der 104 Männer, 1530-1532)? Welchen Einfluss hatte das Debakel der Wiedertäufer in Münster Anfangs der 1530er Jahren auf die auswärtige Wahrnehmung reformierter Sonderwege, wie in Bremen? Wie wurden die Änderungen in Lehre, Kultus und Leben neu fixiert (Kirchenordnungen) und an welchen Vorbildern und Vorlagen orientierte man sich? Inwiefern führten neue konfessionelle Wege zu eine veränderte Religionspolitik und neuen Bündniskonstellationen? Inwiefern wurde Multikonfessionalität rechtlich legitimiert?
5. Handel: Inwiefern war der Handel Motor konfessioneller Sonderwege? Welchen Einfluss hatten Handelsbeziehungen mit konfessionsverwandten und -fremden Handelspartnern auf die Religionspolitik?

Mit diesen Fragen setzen sich die Vorträge auseinander. Die Hauptvorträge beziehen sich dabei hauptsächlich auf Bremen. Für die Kurzvorträge ist die Beschäftigung mit anderen Teilen von Nordwestdeutschland sowie zu Westeuropa aber sehr willkommen. Interessenten für Kurzvorträge (20 Minuten, auf Deutsch oder Englisch) schicken bitte einen halbseitigen Abstract (max. 250 Wörter) zum geplanten Vortrag sowie einen knappen Lebenslauf (max. 100 Wörter) bis zum 1.9.2016 an vdkamp@uni-bremen.de.
Die Tagung präsentiert auch Ergebnisse des an der Universität Bremen durchgeführten Forschungsprojektes, nämlich eine digitale Edition der Bremischen reformatorischen Kirchenordnung von 1534. Für den Transfer in die Öffentlichkeit ist ein öffentlicher Abendvortrag und eine Paneldiskussion vorgesehen.

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Whereas in the other core lands of the Reformation in Northern Germany the Wittenberg model of the Reformation was dominant, in Bremen “another Reformation” arose. This model of Reformation will be the topic of this conference. Bremen will serve as a case study for similar special paths of Reformation pursued in North-West Germany and in the Old Empire, such as in parts of East Frisia, in the Palatinate and Nassau-Dillenburg.
Although Bremen had close connections to Wittenberg, it also had connections further west within Europe. The first Reformation preachers in Bremen in the 1520s arrived from the west, namely from the Netherlands: Henry of Zutphen, Jacob Propst and Johann Timann. In the third generation, the city took the risk of leaving the association of the other Lutheran North German territories and cities which were under the protection of Imperial law. The city then sought a political and ecclesiastical coalition with Western Europe, namely with territories such as the Netherlands, England and France. In the 1580s, Bremen did not sign up to the Lutheranism of the Formula of Concord, but instead adopted the Reformed confession. The “otherness” of the path chosen by Bremen can be experienced down to the present day, not least in the high measure of civil participation in the city’s government.
Bremen’s ability to orient itself towards Western Europe was enabled by the fact that already in Late Medieval times, due to its geographical location and to mutual intelligibility with the local language (Low German), Bremen had connections to territories further west in Europe. Research has come to regard the city’s intensive trade connections with the Netherlands as the main engine of the transition to the Reformed confession. However, one can never play off the one factor against the other; just as important as trade was the pursuit of religious and political freedom, pressure exerted by the citizens, and the cultural transfer occasioned by the immigration of Reformed people from the close of the sixteenth century onwards (Bremen became known for its willingness to receive this as Hospitium Ecclesia, as it was called in an inscription at the Brückentor [Bridge Gate]).
The transition to the Reformed confession affected life and culture. This expressed itself, among other ways, in the orientation of the elites to the Dutch “Calvinistic” black apparel of the city regents. A new-found self-confidence was also reflected also in the iconographic programmes in the city, for example on the new façade of the city hall.
Notwithstanding this self-confidence, the situation of Bremen was precarious, both in relation to the Lutheran and to the Reformed “neighbors”. In relations towards both factions, the city had to be prepared to make compromises. In the first place, this was true of relations with the Lutheran neighbors: Bremen was a Reformed enclave under the sovereignty of a Lutheran prince and in the midst of Lutheran territories and towns. In addition, after the reopening of the city cathedral in 1638, the city had a Lutheran enclave-within-an-enclave in the city centre. This mode of making compromises, which expressed itself in the moderation of Bremen’s Reformed theological position, was distrusted by its Reformed neighbors in the Netherlands as a deviation from Reformed orthodoxy, as was apparent during and after the Synod of Dort (1618/19).
Bremen’s distinctive confessional course in joining Western Europe has been investigated relatively little. The aim of this conference is to analyze the conditions, structures and consequences of the connections—both religious, political, economic and personal—between Bremen and Western Europe. As already mentioned, at the conference Bremen should serve as a case study for similar special paths of Reformation pursued in in the Old Empire. We shall be inquiring to what extent one can speak of “another Reformation” in these cities and territories in comparison with the Lutheran territories. The following aspects should be dealt with:
1. Theology: the quarrels about, and the foreign perception of, the Reformed accents in Bremen in the theology of, among others, Albert Hardenberg and Christoph Pezel (the Consensus Bremensis confession of 1595), particularly in regard to the doctrine of the Lord’s Supper. By the same token, we shall be seeking to discover to what extent foreign theologians distrusted moderate Reformed positions in Bremen.
2. Culture and life: we shall be questioning to what extent the Reformed path chosen by Bremen affected the various realms of culture and life, not only in regard to dress and the cityscape but also regarding the position of women, in legislation and jurisdiction, in the homes of the people and in the self-representation of Reformed identity.
3. Migration: How were “foreign” preachers during the Reformation in Bremen regarded by the inhabitants? How was their ministry legitimized? How were confessional migrants viewed? What cultures of remembrance developed among them?
4. Political dimensions: How did confessional change and the city’s special ways relate to political strivings for emancipation, for example that of the city council of Bremen for independence from the archbishop, the city’s acquisition of free Imperial city status and the strivings of civilians for participation in the city government (the social uprisings in Bremen from 1530-1532). How did the debacle of the Anabaptists at Münster during the 1530s affect the external observation of Reformed ways as practised in Bremen? How were the changes in doctrine, cult and manner of life fixed (e.g. through drawing up church orders)? To which models and templates did one orient oneself in Bremen? To what extent did the new confessional courses lead to a new religious politics and new alliances? To what extent was multiconfessionality legally recognized?
5. Trade: to what extent was trade an agent of confessional tendencies? What influence did trade connections with trade partners from the same or from a different confession exert upon the city’s religious politics?

These questions will be addressed in the lectures. The keynote lectures will particularly consider the city of Bremen. As regards the short lectures, however, attention to other parts of north-western Germany and Western Europe is very welcome. Those interested in giving a short lecture (20 minutes, in English or German) are cordially invited to send an abstract of max. 250 words together with an outline biography (max. 100 words) by 1 September 2016 to vdkamp@uni-bremen.de.
During the conference, the results of a research project of the University of Bremen, namely a digital edition of the Reformation church order of Bremen of 1534, will also be presented. Also, an open evening lecture in the form of a panel discussion will be held for the general public.

Programm

Prof. Dr. Mirjam van Veen (Amsterdam, Netherlands): Southern Dutch confessional migrants as radical Reformed people? Culture of remembrance of Dutch confessional migrants at Bremen.

Prof. Dr. Fred van Lieburg (Amsterdam, Netherlands): Die neuen Prediger. Die Bedeutung der Migranten für Politik, Religion, und Werte in Bremen im 16. Jahrhundert (öffentlicher Abendvortrag)
(The new ministers. The importance of migrants to politics, religions and virtues at Bremen in 16th century (public evening lecture))

Prof. Dr. Konrad Elmshäuser (Bremen): Bremen und die europäische Bündnispolitik: französische Gesandte in Bremen und ihre Interessen
(Bremen and European alliance politics: French diplomats at Bremen and their interests)

Dr. Leo van Santen (The Hague, Netherlands): Radikal und doch verbindlich: Die Religionspolitik des Rates der ‚reformierten Insel‘ Bremen am Ende des 16. und im 17. Jahrhundert in seinen Beziehungen zu deutschen und europäischen Partnern
(Radical and yet obliging: the religious politics of the city council of the ‘Reformed insula’ of Bremen in the late 16th and the 17th century in their connections to German and European partners)

Dr. Kathrin Zickermann (Dornoch, Scotland): English and Scottish migrants in the city and in the duchy of Bremen in the 17th century

Prof. Dr. Dr. Christoph Auffarth (Bremen): Das Bildprogramm der Rathausfassade in Bremen: der Ort der Religion in der reformierten Stadt.
(The image programme of the façade of the city hall at Bremen: the place of religion in the Reformed city)

Kontakt

Jan van de Kamp

Universität Bremen
Institut für Religionswissenschaft und Religionspädagogik
+49 (0)421 2186 7933

vdkamp@uni-bremen.de

Citation
Die "andere Reformation" im Nordwesten / The "other Reformation" in the North-West, 08.02.2017 – 10.02.2017 Bremen, in: H-Soz-Kult, 23.06.2016, <www.hsozkult.de/event/id/termine-31389>.
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Published on
23.06.2016
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