Buchvorstellung mit anschließender Podiumsdiskussion: Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung Über die Rehabilitierung und Entschädigung nach § 175 StGB in der Bundesrepublik Verfolgter

Ort
Bochum
Veranstaltungsort
Haus der Geschichte des Ruhrgebiets
Veranstalter
Arbeitskreis Schwule Geschichte Dortmunds in Kooperation mit Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher e.V., BISS-Bundesinteressenvereinigung schwuler Senioren e.V., Lesben- und Schwulenverband - Landesverband Nordrhein-Westfalen, rosa strippe, Bochum
Datum
24.11.2016
Von
Susanne Abeck

Vor einem Jahr luden der Arbeitskreis Schwule Geschichte Dortmunds und das Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher zu einer wissenschaftlichen Tagung, die sich der Erforschung eines drängenden Desiderats der Ruhrgebietsgeschichte widmete: der Geschichte der Lesben und Schwulen. Nicht allein die Verfolgung homosexueller Menschen in der Region, auch die stets neu aufkeimenden Bestrebungen ihrer Selbstbehauptung kamen dabei zur Sprache.

Nun erscheint der Tagungsband mit zwölf Beiträgen von Laien und Wissenschaftler_innen unterschiedlicher Disziplinen. Aus diesem Anlass greifen wir eines der Themen des Bandes heraus und diskutieren die zurzeit sehr aktuelle Forderung nach Rehabilitierung und Entschädigung nach Paragraf 175 StGB in der Bundesrepublik verfolgter Männer. Von 1871 bis 1994 beeinflusste der § 175 StGB das Leben homosexueller Männer maßgeblich, bedeutete die Bloßstellung doch nicht selten den Verlust der bürgerlichen Existenz. Ständige Angst vor strafrechtrechtlicher Verfolgung, aber auch vor Denunziation und Erpressung ließen nicht wenige Homosexuelle in Sucht oder Suizid einen Ausweg suchen. Wer als NS-verfolgter Homosexueller in der Bundesrepublik einen Antrag auf Entschädigung stellen wollte, setzte sich der Gefahr erneuter Strafverfolgung aus.

Jahrzehntelang ließ die etablierte Geschichtswissenschaft die verfolgten Homosexuellen außer Acht. Ihre wissenschaftliche Würdigung wurde auch dadurch erschwert, dass Akten aus Behörden und Archiven noch in jüngster Zeit massenweise vernichtet wurden. Vor wenigen Wochen nun legte Heiko Maas, Bundesminister der Justiz, einen Gesetzentwurf zur Rehabilitierung der nach 1945 Betroffenen vor. Anlass genug, darüber mit kompetenten Fachleuten und Vertreter_innen politischer Parteien zu debattieren. Voraussichtlich wird auch ein Betroffener von seinen Erfahrungen berichten.

Programm

Grußwort (PD Dr. Hans-Christoph Seidel, Institut für soziale Bewegungen)

Vorstellung des Buches „Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung“ (Dr. Frank Ahland)

Impulsvortrag „Wie vergessen waren die vergessenen Opfer?“ (Prof. Dr. Constantin Goschler, RUB)

Podiumsdiskussion zur Rehabilitierung und Entschädigung nach § 175 StGB in der Bundesrepublik Verfolgter
mit
- Constantin Goschler, Bochum, Historiker
- Michael Jähme, Köln, Zeitzeug_innenprojekt der ARCUS-Stiftung NRW
- Reinhard Klenke, Köln, Bundesinteressenvertretung schwuler Senioren (BISS)
- Josefine Paul, Münster, MdL Bündnis 90/ Die Grünen
- Sven Sprenger, Essen, Landesvorsitzender der LSU NRW
- Jasper Prigge, Essen, stv. Landessprecher Die Linke NRW

Moderation: Manuel Izdebski, Dortmund

Der Eintritt ist frei.

Infos zum Buch:

Frank Ahland (Hg.), Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung. Schwullesbische Lebenswelten an Ruhr und Emscher im 20. Jahrhundert, Berlin: Vergangenheitsverlag 2016, 274 Seiten, ISBN 978-3-86408-212-2, 16,99 €

Erhältlich in allen Buchhandlungen und über www.vergangenheitsverlag.de.

Aus dem Inhalt
Frank Ahland, Susanne Abeck
Erkundungen in der logischen Familie. Umrisse einer homosexuellen Geschichte des Ruhrgebiets

TEIL 1 – ENTRECHTUNG UND VERFOLGUNG
Wolfgang Berude
„Alle sind nach meiner Meinung typische Homosexuelle”
Der Essener Theaterskandal 1936

Frank Ahland
Schwulenverfolgung in Dortmund im Nationalsozialismus
Vorläufige Ergebnisse neuerer Forschungen

Alexander Wäldner
Seitenwechsel – Spurensuche auf der Täterseite
Werkstattbericht zur Dokumentation der Verfolgung

Michael Jähme
„So zerpitzelte er die Vergangenheit in kleinste Fetzen und opferte sie dem Gully.”
Das Zeitzeug_innen-Projekt zu Biografien in der frühen Bundesrepublik

TEIL 2 – ERINNERUNG UND GEDENKEN
Jürgen Wenke
Mehr als Stolpersteine Eine persönliche Annäherung an das Gedenken homosexueller
Männer

Ilona Scheidle
Der Gedenkort Hilde Radusch
Eine queer-feministische Intervention in andronormative Gedenkpolitiken

Stefan Mühlhofer
Perspektiven in einer neuen Dauerausstellung Homosexuellenverfolgung als Teil der Gedenkkultur am Beispiel der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

TEIL 3 – STATIONEN DER SELBSTBEHAUPTUNG
Ingeborg Boxhammer
Leben, Lieben und Arbeiten im Ruhrgebiet. Ein feministisches Netzwerk um 1900

Lisa Mense
Im Dazwischen. Zur paradoxen Situation von Lesben in den Neuen Sozialen Bewegungen (Homosexuellen- und Frauenbewegungen)

Ulrike Janz
Blitzlichter, Dauerbrenner und Sehnsuchtsmomente
Lesbenzeiten, Lesbenorte, Lesbenleben – Lesbenbewegung im Ruhrgebiet

Frank Laubenburg
AIDS-Shock goes Ruhr
HIV und AIDS im Ruhrgebiet in den 1980er Jahren

Tim Veith
Queere Körperbilder im Revier?
Männlichkeits- und Körperdiskurse in Zeitschriften für nicht-heterosexuelle Männer am Beispiel der Rosa Zone

Veranstaltungsort:
Haus der Geschichte des Ruhrgebiets
Clemensstraße 17-19, 44789 Bochum
http://www.isb.ruhr-uni-bochum.de/index.html.de

Kontakt

Susanne Abeck
Forum Geschichtskultur an Ruhr und Emscher
c/o Welterbe Zollverein
Gelsenkirchener Str. 181
45309 Essen
mail: s.abeck@geschichtskultur-ruhr.de

Zitation
Buchvorstellung mit anschließender Podiumsdiskussion: Zwischen Verfolgung und Selbstbehauptung Über die Rehabilitierung und Entschädigung nach § 175 StGB in der Bundesrepublik Verfolgter, 24.11.2016 Bochum, in: H-Soz-Kult, 16.11.2016, <www.hsozkult.de/event/id/termine-32549>.
Redaktion
Veröffentlicht am
16.11.2016
Beiträger