Wenzel IV. (1361-1419). Neue Wege zu einem verschütteten König

Ort
Erfurt
Veranstaltungsort
Hörsaal Coelicum, Domstr. 10, Erfurt
Veranstalter
Dr. Christian Oertel, Universität Erfurt, Dr. Klara Hübner, Masaryk-Universität Brünn, Centrum medievistických studii Prag, Österreichische Akademie der Wissenschaften
Datum
29.03.2017 - 01.04.2017
Bewerbungsschluss
28.02.2017
Von
Christian Oertel

Das Wirken des römischen und böhmischen Königs Wenzel IV. (1363-1419) wird bis heute von drei U’s überschattet; unfähig – unwürdig – unsichtbar. Unfähig, weil seine Herrschaft im Reich noch immer durch den Filter seiner Absetzung im Jahre 1400 betrachtet wird und weil er durch seine angeblich zögerliche Politik auch die konfessionelle Radikalisierung der böhmischen Gesellschaft vorangetrieben haben soll. Unwürdig, weil die Historiographie fast immer auf Wenzels charakterliche Unzulänglichkeiten hinweist, um seine Verstöße gegen spätmittelalterliche Herrschernormen zu erklären. Vor allem aber unsichtbar; denn die Forschung hat bislang vorrangig die Lichtgestalten der Luxemburger Dynastie bearbeitet. Demgegenüber bleibt die Herrschafts- und Wirkungsgeschichte Wenzels, der lange Zeit als Gescheiterter galt, immernoch über weite Strecken unerforscht beziehungsweise von frappierenden Widersprüchen gezeichnet, welche in den unterschiedlichen nationalhistoriographischen Deutungstraditionen begründet liegen.

Dieser inselhaften, auf mehrere Sprachräume aufgesplitteten Erkenntnisbasis will sich die Tagung multiperspektivisch und mit Hilfe neuer Ansätze annähern. Zum einen sollen Wenzel und seine Zeit als historisches und historiographisches Problem neu unter die Lupe genommen werden. Damit verbunden ist die Aufforderung, die (nationalen) Quellensammlungen, welche die Auseinandersetzung mit dem König seit mehreren Jahrhunderten bestimmen, einer profunden Editionskritik zu unterziehen und dadurch auch die von ihnen favorisierten Vorstellungen über den König. Wenzels 22-jährige Herrschaft im Reich und sein über 40-jähriges Wirken in Böhmen sollen in ihrer longue durée betrachtet werden und nicht wie bislang als Aufzählung negativer Eckdaten.

Zum anderen bietet die Herauslösung Wenzels aus dem bisherigen Deutungskorsett der Historiographie auch die Möglichkeit, an seinem Beispiel innovative methodische und evtl. auch methodologische Zugänge zu entwickeln, die sich auch für die Erforschung anderer, ähnlich problembeladener Herrschergestalten des Spätmittelalters (z.B. Richard II., Erik von Pommern, Charles VI.) fruchtbar machen lassen.

Dabei gilt es auch, sich vom älteren personenbezogenen Ansatz zu lösen. Anstatt Wenzel selbst, sollen seine Herrschaftspraxis in Böhmen und im Reich, die Akteure seines Hofes, die Strukturen der königlichen Landesverwaltung, die Kanzlei oder das königliche Geld- und Finanzwesen ins Blickfeld rücken. Zudem gilt es, sich auch mit den am Hofe Wenzels vorherrschenden Vorstellungen von adeliger Hochkultur und Repräsentation auseinanderzusetzen. Dazu gehören auch seine Kontakte zu anderen europäischen Fürstenhöfen und den geistigen und geistlichen Eliten inner- und außerhalb Böhmens. Die Qualität und Quantität dieser Kontakte gilt es systematisch zu erörtern. Essenziell ist hierfür der Einbezug von unpubliziertem oder bislang wenig gewichtetem Archivmaterial, wie etwa von Briefen vom, über und an den König seitens der Reichsstädte, des europäischen Adels oder dessen Gesandten.

Der bislang unbeachtete König bietet den Teilnehmern auch die Möglichkeit, eigene methodische Ideen über die Grenzen des eigenen Fachbereiches hinaus auszutesten und die bisherigen vor allem in der Verfassungs- und Verwaltungsgeschichte beheimateten Ansätze um neue Impulse zu ergänzen; etwa solche aus den historischen Hilfswissenschaften, der Netzwerkforschung und Prosopographie, der Kulturgeschichte des Politischen, der Kirchen- und Rechtsgeschichte oder der Kommunikationsgeschichte. Das Ziel des Workshops sind keine abgeschlossenen Ergebnisse, sondern die Schaffung einer möglichst breiten thematischen und methodischen Basis für weitere Auseinandersetzungen mit Wenzel IV.

Programm

Mittwoch 29.3.

12:30-13:00
Begrüßung

13:00-14:00
Einführende Keynote: Klara Hübner: Pleiten, Pech und Paradigmen: Was von Wenzel IV. übrigbleibt.

Sektion 1:
Traditionen neu interpretiert: Verfassung, Historiographie und Judenpolitik
Moderation: Karl Heinemeyer

14:00-15:00
Julia Burkhardt: Luxemburgische Herrscherpaare im Visier: Annäherungen an den Herrschaftsstil von König und Königin

15:00-16:00
Christa Dönges: Plus cruel qu’un Néron? Wenzel II., Herzog von Luxemburg (1383-1419).

16:00-16:30
Kaffeepause

16:30-17:30
Maike Lämmerhirt: Die Durchführung der „Judenschuldentilgung“ in Mitteldeutschland.

17:30-18:30
Václav Žůrek: Der lange Schatten des ruhmvollen Vaters. Wenzel IV. und Karl IV. in den Augen der Zeitgenossen. Ein Vergleich

18:30-19:00
Kommentar zur Sektion: Martin Kintzinger

19:30
Conference Dinner

Donnerstag 30.3.

Sektion 2:
Perspektiven der politischen Dynamik: Koexistenzen und Konflikte
Moderation: Jörg Seiler

9:00-10:00
Ondřej Schmidt: Wenceslaus IV through the Eyes of the Envoys of Mantua: Some New Evidence from the Gonzaga Archive.

10:00-11:00
Christian Jörg: Nach dem Landfrieden von Eger (1389). Städtebünde und reichsstädtische Politik in der Spätphase der Regierung Wenzels im Reich.

11:00-11:30
Kaffeepause

11:30-12:30
Heinrich Speich: Und wart ouch dem römischen Riche nie nütze. Die Eidgenossen und ihr ferner König Wenzel

12:30-14:30
Mittagspause

14:30-15:30
Martin Čapský: Die Schlesischen Fürstentümer in der Politik Wenzels IV.

15:30-16:30
Robert Novotný: Das Lehnswesen als Herrschaftsinstrument König Wenzels IV.

16:30-17:00
Kaffeepause

17:00-18:00
Uwe Tresp: König Wenzel und die Lehnsleute der Böhmischen Krone extra curtem.

18:00-18:30
Kommentar zur Sektion: Ivan Hlaváček

18:30-19:30
Apéro riche

20:00
Öffentlicher Abendvortrag im Rathausfestsaal

Eva Schlotheuber: "Warum seid ihr nicht den Fußstapfen eures unbesiegbaren Vaters gefolgt?“ - das schwierige Erbe Kaiser Karls IV.

Moderation: Andreas Ranft

Freitag 31.3.

Sektion 3:
Personen und Netzwerke: Kontinuitäten und Brüche
Moderation: Sabine Schmolinsky

9:00-10:00
Christian Oertel: Der Herrscher als Teil des Netzwerks. Personennetzwerke und ihr Einfluss auf die Gestaltung der Politik Wenzels.

10:00-11:00
Petr Elbel: Die böhmischen Höflinge und Kanzlisten König Wenzels im Dienst König Sigismunds. Ein Beitrag zur Kontinuitätsfrage aus böhmischer Perspektive.

11:00-11:30
Kaffeepause

11:30-12:30
Krisztina Arany: Florentinische Präsenz an den Höfen Wenzels und Sigismunds – eine Frage der longue durée?

12:30-13:00
Kommentar zur Sektion: Robert Gramsch

13:00-15:00
Mittagspause

Sektion 4:
Kulturen: Zwischen Herrschaftsrepräsentation und adeligem Zeitvertreib
Moderation: Helmut G. Walther

15:00-16:00
Jan Vojtíšek: Wisdom, Royal Council and Offices in the Mirrors of Princes of the Era of Wenceslaus IV.

16:00-17:00
Zdeněk Žalud: Practitioners of astrology in the Central European territory under the reign of Wenceslas IV.

17:30-19:30
Führung durch die Alte Synagoge Erfurts, optional (Maria Stürzebecher)

20:00
Apéro riche

Samstag 1.4.

9:00-10:00
Jana Gajdošová: Naked Women, Wild Beasts and Beautiful Birds: A New Kind of Propaganda at the Court of Wenceslas IV?

10:00-11:00
Maria Theisen: Illuminierte Handschriften aus Böhmen. Wenzel IV. als Kunstmäzen.

11:00-11:30
Kommentar zur Sektion: Andreas Rüther

11:30-12:00
Kaffeepause

12:00-13:00
Sabine Wefers: Zusammenfassung

13:00-13:30
Schlussdiskussion, Verabschiedung

Kontakt

Christian Oertel

Universität Erfurt, Professur für Mittelalterliche Geschichte, Postfach 90 02 21, 99105 Erfurt

+493617374476

christian.oertel@uni-erfurt.de

Zitation
Wenzel IV. (1361-1419). Neue Wege zu einem verschütteten König, 29.03.2017 – 01.04.2017 Erfurt, in: H-Soz-Kult, 30.01.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-33130>.