Renarrativierung in der Vormoderne: Funktionen - Transformationen - Rezeption

Ort
Freiburg im Breisgau
Veranstaltungsort
Liefmannhaus (Goethestraße 33)
Veranstalter
GRK 1767 "Faktuales und fiktionales Erzählen" (Thorsten Glückhardt, Sebastian Kleinschmidt, Verena Linder-Spohn)
Datum
23.02.2017 - 25.02.2017
Von
Thorsten Glückhardt

Bevor im späten 18. Jahrhundert der “Imperativ künstlerischer Originalität” (KLINKERT 2015: 89) eine Zäsur setzte, dominierte die Bearbeitung bereits bekannter Stoffe das künstlerische Schaffen. Den Erzählern in vormoderner Zeit standen verschiedene Erzählstrategien zur Verfügung, die dazu dienten, traditionelle Erzählmuster und -modelle immer wieder zu aktualisieren. Die Forschung untersucht dieses Phänomen über die Grenzen der literatur- und sprachwissenschaftlichen Disziplinen hinaus. So beschäftigen sich beispielsweise die Altertumswissenschaften intensiv mit der Formelhaftigkeit der homerischen Epen vor dem Hintergrund der oral poetry sowie der narrativen Möglichkeiten plastischer Gestaltung überlieferter Stoffe (z.B. Reliefdarstellungen, Statuengruppen) oder die Mediävistik mit dem Wiederaufgreifen französischer Stoffe in der Artusepik.

Im Sinne der geplanten Tagung soll Renarrativierung als transformierende Wiedergabe eines zuvor verfassten Narrativs verstanden werden. Dabei geht der Textbegriff über den Bereich des Literarischen hinaus, und schließt etwa auch Zeugnisse der bildenden Künste mit ein. Grundsätzlich werden Texte als “symbolic artefacts” (ERLL/ RINGEY 2009: 1) zur Weitergabe von Wissen bzw. Narrativen verstanden. Das Sich-Beziehen auf frühere Narrative stellt dabei stets einen dynamischen Prozess des Erinnerns und Vergessens dar, in dem das Verhältnis zur eigenen Vergangenheit rekonfiguriert wird. Hierbei ist ein gegenseitiges Kommentieren, Reproduzieren und Ersetzen verschiedener Medien- und Gattungsformen eine grundlegende Voraussetzung für die soziokulturelle Aktualisierung des Narrativs. Jede historische oder auch transmediale Überarbeitung ist daher auch eine kulturelle Übersetzungsleistung als Interaktion von Prä- und Retext.

Diese Übergängigkeit wird in den Medienwissenschaften unter dem Konzept der remediation gefasst (BOLTER/GRUSIN 1999), das allerdings auf neue Medien ab frühestens der Renaissance ausgelegt ist. Diese Lücke in der Forschung zur Vormoderne soll im Rahmen der geplanten Tagung diskutiert werden, ohne sich auf einen Medienwechsel zu beschränken. Das Phänomen soll daher anhand von Fallstudien von der griechischen Archaik bis zur einsetzenden Renaissance untersucht werden, um sich im interdisziplinären Austausch dem gemeinsamen Themenkomplex der Renarrativierung anzunähern.

Literaturangaben:

- Bolter, Jay David/ Grusin, Richard, Remediation. Understanding New Media. Cambridge 1999.
- Erll, Astrid/ Rigney, Ann, "Introduction: Cultural Memory and its Dynamics", in: Astrid Erll/ Ann Rigney (Hg.), Mediation, Re­mediation, and the Dynamics of Cultural Memory. Berlin/New York 2009: 1-11.
- Klinkert, Thomas, "Wiedererzählen aus literaturwissenschaftlicher Perspektive. Ein Problemaufriss", in: Elke Schumann/ Elisabeth Gülich/ Gabriele Lucius-Hoene/ Stefan Pfänder (Hg.), Wiedererzählen. Formen und Funktionen einer kulturellen Praxis (Edition Kulturwissenschaft 50). Bielefeld 2015: S. 89–118.

Programm

Donnerstag, den 23. Februar 2017

18.15 Uhr
Prof. Dr. Monika Fludernik (Freiburg):
Eröffnung

18.30 Uhr
Prof. Dr. Achim Aurnhammer (Freiburg):
Variation, Transformation, Korrektur. Literaturwissenschaftliche Konzepte der narrativen Wiederholung

ab 19.30 Uhr
Empfang

Freitag, den 24. Februar 2017

I. Sektion: REZEPTION (Moderation: Tom Vanassche)

10.00 Uhr
Thorsten Glückhardt, Sebastian Kleinschmidt, Verena Linder-Spohn (Freiburg):
Begrüßung und Einleitung

10.30 Uhr
Bettina Peterli (Freiburg/Schweiz):
Wandlungen der Dido-Figur in Text und Bild. Vergil - Roman d’Eneas - Veldeke und die Illustrationen des cpg 403

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.30 Uhr
Christian Neumann (Göttingen):
Der Preis der Weisheit - Die (Wieder-)Erzählung von Tarquinius und den sibyllinischen Büchern

12.15 Uhr
Prof. Dr. Thomas Schmitz (Bonn):
Epische Wi(e)dererzählungen: Homer in der zweiten Sophistik

13.00 Uhr
Mittagessen

II. Sektion: FUNKTIONEN (Moderation: Nicolas Detering)

14.30 Uhr
Dr. Gül Sen (Bonn):
Gattung ‘Hofchronik’: Narratologische Ansätze in der vormodernen osmanischen Hofgeschichtsschreibung

15.15 Uhr
Olga Lorgeoux (Göttingen):
Alttestamentliche Erzählungen im spätantiken Religionsunterricht - Die Bußkatechese Kyrills von Jerusalem

16.00 Uhr
Kaffeepause

16.30 Uhr
Dr. Sabine Walther (Bonn/Kopenhagen):
Heldenbilder in Verrat und Niederlage: Trojas Fall in der altisländischen Trójumanna saga

17.15 Uhr
Laura Velte (Heidelberg):
Nû hoerent wunder manicvalt. Über Kunstschaffen und sinnliche Wahrnehmung in Konrad Flecks Flore und Blanscheflur

ab 18.00 Uhr
Gemeinsames Abendessen

Samstag, den 25. Februar 2017

III. Sektion: TRANSFORMATIONEN (Moderation: Johannes Franzen)

09.30 Uhr
Dr. Rebekka Schirner (Mainz):
Re-Emotionalisierung, Re-Evaluierung, Re-Kontextualisierung: Valerius Flaccus und seine epischen Vorgänger. Eine Fallstudie

10.15 Uhr
Jacobus Bracker (Hamburg):
Transmediationen des Medeiamythos

11.00Uhr
Kaffeepause

11.15 Uhr
Franziska Wenzel (Bochum):
Telling, translating, transforming. On narrative perspective in Old English and Latin riddles

12.00 Uhr
Abschlussdiskussion

Kontakt

GRK 1767 "Faktuales und Fiktionales Erzählen"
Erbprinzenstraße 13
79085 Freiburg im Breisgau

Thorsten.Glueckhardt@geschichte.uni-freiburg.de
Sebastian.Kleinschmidt@anglistik.uni-freiburg.de
Verena.Linder-Spohn@gmx.de

Zitation
Renarrativierung in der Vormoderne: Funktionen - Transformationen - Rezeption, 23.02.2017 – 25.02.2017 Freiburg im Breisgau, in: H-Soz-Kult, 03.02.2017, <www.hsozkult.de/event/id/termine-33148>.